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Helga Grabow bespannt ihren Webstuhl. Foto: C. Senkbeil


Der Krösliner Altarteppich. Foto: R. Neumann

„Ein Zentner Kohlen für die Knüpfer“ – Wie der Krösliner Altarteppich entstand

 

Kröslin (kiz/cs). „Sie können sich nicht denken, welche Freude ich hatte an Ihrem Brief und dem Entwurf“. Auf solches Wohlwollen stößt 1947 Pfarrer Rudolf Wilhelm, als er beim damaligen „Central-Ausschuss für die Innere Mission“ in Berlin-Nikolassee um Rückhalt für seinen Plan bittet, von Fischern einen Teppich als Altarschmuck knüpfen zu lassen. “Natürlich kann man und soll man getrost solche Gaben und Kräfte in den Dienst der Kirche einbauen. Wenn uns das gelingt, haben wir lebendige Gemeinden und lebendige Kirche“, schreibt das ‚Fräulein‘ Gertrud Reinhold, bei der der Dorfpfarrer, froh an „genau die richtige Adresse“ gekommen zu sein, offensichtlich offene Türen einlief.

 

Der im Pfarrbüro der heute in Kröslin amtierenden Pfarrerin Sandra Hille belegte Briefverkehr zum Thema „Altarteppich“ zwischen Konsistorium, Zentralausschuss und Pfarrer ist getragen von einem solch hoffnungsfrohen Grundton, der beinahe vergessen läßt, in welch karger Jahren die Ideen reiften. Die extra-Lieferung „einiger Zentner Kohlen“ für die Freester Knüpferfamilie Pagenkopf, um die der Pfarrer im Landratsamt bittet, ist nur eine vierzeilige Notiz – und doch ist sie Zeugnis der Not.

Nach ihrer ersten großen Blütezeit war die seit 1928 angesiedelte Teppichknüpferei zum Erliegen gekommen. Das Knüpferlied: „Wi knüppen un weben een Teppich fört Leben“ drang kaum noch aus den strohgedeckten Fischerhütten.

 

Die Stranddiesteln, die Koggen, und der Dreifisch – mittlerweile zum Symbol der Innung geworden – lagen als Muster sorgsam auf Milimeterpapier übertragen tief unten in den Schubladen. In den Schulen waren die meisten dieser Motive entstanden: im ‚Sonderzeichenunterricht‘ und der Naturentdeckung hatten, wie belegt ist, besonders Mädchen Freude, alles für ihre Heimat Typische in graphische Symbole umzusetzen. 60 Prozent der eng mit dem Volksleben verbundenen Ornamente schöpften Kinderhände.

 

Es lag in diesen Jahren keine Wolle „in de Krien“, so nennen die Fischersfrauen den Vorratskasten unter ihrem Webstuhl. Der alles verzehrende Krieg brauchte Wolle, 1943 musste die Knüpferei eingestellt werden, später wurde der Teppichverkauf sogar verboten.

 

Auch nach 1945 blieb die Materialbeschaffung schwierig, doch durch nichts war Rudolf Stundl von seiner Passion abzubringen.

 

Kargheit auch in der Kirche. Eine Renovierung von 1878, über die sich Nachfolger Pfarrer Wilhelm sehr geärgert haben musste, hatte Schluss gemacht mit schmückendem Schnickschnack. Die Renaissance-Kanzel war zerschlagen, der gotische Flügelaltar ins Stralsunder Museum gegeben worden, der gotländische Taufstein für 5 Mark an Bauer Lüdkte verkauft, der ein Regenwasserbecken brauchte: „aus mangelndem Kunstverstand oder Nützlichkeitserwägungen, ich weiß nicht“ berichtet der Pfarrer resigniert.

 

Doch nun gab es eine Idee. Eine merkwürdige vielleicht, aber: „Warum sollte nicht auch etwas in der kirchlichen Tradition Ungewohntes einmal gewagt werden?“ befand auch das Fräulein Reinhold in Berlin: „Es muss nicht immer alles auf den ersten Blick verstanden sein“.

 

Rudolf Stundl, der bisher Volks-, keine Sakralkunst betrieben hatte, versenkte sich ins Studium und legte eben diesen Christus triumphans-Entwurf vor. „Der Künstler wollte in dieser leidvollen Zeit den Beschauer nicht stehen lassen vor dem Leid“, so der Pfarrer. Daher also der frische Wind. Die vier Gestalten unter dem Kreuz sollten, da Bewegungen sich in Knüpftechnik schwer darstellen lassen, „durch Kopfhaltung und Augenstellung sprechen“. „Je länger man sie betrachtet, desto verständlicher reden sie“, war der Pfarrer überzeugt. Sie sind nicht schön, schmeicheln dem Menschen nicht. „In welcher Gestalt findest du dich? aber fragen sie (nicht nur) den Pfarrer. In der stumpf Abweisenden? Oder endlich in der vierten Gestalt, die sich ganz Christus zuwendet? Der Weg über Ablehnung, Gleichgültigkeit hin zur Anbetung wird dargestellt. Die Augen waren Stundl wichtig, mussten im Knüpfverlauf sogar noch einmal aufgeknotet, verbessert werden. Am Rand finden sich die volkskundlichen Ornamente und natürlich der Dreifisch. Symbol der Knüpfer. Symbol für die Dreieinigkeit Gottes. Und genau hier, in der Mitte zwischen den drei Heringsschwänzen treffen sich Volkskunst und Glaube.

 

Schneller als erwartet bekamen Pfarrer, Künstler und Gemeinde alles Notwendige zusammen. Heimischen Flachs und Wolle. „Chemische Farben waren leider nicht zu erhalten“ (wie bedauerlich!), aber man „half sich“ mit Naturfarben. Wieder waren es junge Leute, Konfirmanden, die Kräuter, Baumrinden, Astflechten suchten. Die Frauen sammelten das Geld. Durch eine Währungsreform gingen die Mittel verloren, die junge Gemeinde sammelte neu. Sie wollten diesen Teppich, alle. Ihre Hoffnung webten sie hinein. Und so wurde er nicht nur der Hauptschmuck der kleinen Backsteinkirche, er war auch die erste Gemeinschaftsarbeit nach dem Kriege und setzte ein unübersehbares Zeichen, das nun alles neu beginnt.

 

In den ersten 30 Jahren Knüpfkunst entstanden 7000 Teppiche und Brücken, auf Messen von Finnland bis Mexiko sah man sie. 1971 legte Stundl aus Altersgründen sein Amt nieder, er starb 1990 in Greifswald. Bis zur politischen Wende fanden die kostenintensiven handgemachten Teppiche aus der gut laufenden ‚Produktionsgenossenschaft des Kunsthandwerks‘ reißenden Absatz. 1991 ging die PGH in Konkurs. Heute knüpfen traditionell noch zwei Frauen in Freest und Lubmin. Im Kulturhof Mölschow widmet sich der Tradition ein Förderprojekt, das auch die Wanderausstellung konzipierte.

 

Der Taufstein übrigens, fast ein Zwillingsbruder des Anklamer Marienkirchen-Beckens, steht, wenn auch mit einem immer bedenklicher werdenden Riss, an seinem würdigen Platz. Sie können ihn und den Teppich wochentags von 16 bis 18 Uhr bewundern oder Britta Wendorf anrufen (038370/20578), die Ihnen gern die Christopherus Kirche in Kröslin aufschließt.

 

Christine Senkbeil

 

Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung

11.8.2008


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