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Berührende Porträts von Auswanderinnen

Fotoausstellung "Wurzeln – Deutsche Frauen in Florenz“ in St. Spiritus

Von Annette Klinkhardt

Wiebke Alessandri vor ihrem Porträt
23.07.2019 ǀ Greifswald.  1943 ist sie in Anklam geboren, seit 1966 lebt sie in Florenz: Wiebke Alessandri ist eine der Frauen, die der Greifswalder Fotograf Raymond Jarchow porträtiert hat. Ein wenig fragend schaut sie in die Kamera, ihr Gesicht eingetaucht in den Schein der goldenen Nachmittagssonne in Florenz. Das Bild ist eines von 15 Porträtfotos in Schwarzweiß, die derzeit im Greifswalder Soziokulturellen Zentrum St. Spiritus ausgestellt sind.

Bei der Vernissage der Ausstellung am 16. Juli erzählte die aus Italien Angereiste in St. Spiritus von ihrem Leben als Deutsche in Florenz. Eingeladen hatten die Greifswalder Autorin Claudia Lohse und ihr Mann, der Fotograf Raymond Jarchow. Vor drei Jahren reisten die Beiden nach Florenz, um die Frauen der dortigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde zu interviewen und zu fotografieren. Herausgekommen ist die Ausstellung „Wurzeln – Deutsche Frauen in Florenz“, die noch bis zum 18. August in St. Spiritus zu sehen ist. Der Pianist Johannes Gebhardt begleitete die Vernissage am Klavier.

Was die Frauen der Ausstellung vereint: Fast alle zogen sie wegen der „Amore“ nach Italien, weil sie sich in einen Italiener verliebten. „Meinen Christiano habe ich im Münchner Hofbräuhaus kennengelernt“ erzählt Wiebke Alessandri vor etwa 50 Gästen der Vernissage. Sie macht kein Hehl daraus, dass es nicht immer leicht war für eine junge deutsche Frau im Italien der 1960er Jahre. „Ich trug als einzige Hosen, sprach kein Wort Italienisch und konnte nicht kochen. Mein Mann musste sein Einverständnis geben, wenn ich mit unseren Kindern verreisen wollte oder wenn ich hätte arbeiten wollen“, erzählt sie. Unterstützung und Verständnis fand sie wie die anderen Frauen der kleinen evangelischen Kirchengemeinde, der „Mittwochsrunde“.

Zwischen den Stühlen zweier Kulturen und Konfessionen

Diese Frauen, die heute in ihren Siebzigern und Achtzigern sind, haben dem Ehepaar in vertrauensvollen Gesprächen ihre Lebensgeschichten erzählt. Claudia Lohse erinnert sich: „Diese Frauen saßen alle zeitweise zwischen den Stühlen zweier Kulturen und Konfessionen. Mich hat es sehr beeindruckt, wie offen sie in ihrem Mittwochskreis miteinander sprechen und wie sie gemeinsam über die Jahre alt geworden sind.“ Mit den Jahren kam auch die Sicherheit, erzählt die gebürtige Anklamerin Wiebke Alessandri: „In der ersten Zeit habe ich mich noch geschämt für meinen deutschen Akzent. Heute denke ich, der gehört zu mir, der macht mich aus.“

Raymond Jarchow hat die Frauen mit seiner alten, analogen Kamera mit Schwarz-Weiß-Film fotografiert. Bei jedem der Bilder spürt man, dass es ihm darum ging, etwas vom unverwechselbaren Wesen dieser Frauen zu erfassen: Da ist die „Grande dame“, eine geschmackvoll gekleidete ältere Dame mit Schildpattbrille. „Sie hat mir erst einen halben Tag ihr Florenz, nämlich das Florenz des schönen Porzellans und der edlen Bekleidung gezeigt, bis wir einen Ort gefunden haben, an dem es passte“, erzählt Raymond Jarchow. Da ist die ältere Dame mit dem dichten weißen Haar, die fast mädchenhaft scheu mit der Kamera flirtet. Neben jedem Foto hängt ein kurzer Auszug aus dem Interview.

Info

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August im St. Spiritus (Lange Straße 49/51, 17489 Greifswald) von Montag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr zu sehen. Am Sonntag, 11. August wird es einen Vortrag geben: Zum Thema „Sehnsuchtsort Florenz“ spricht die Historikerin Christiane Büchel (Florenz). Es musiziert Christian Weit auf dem Akkordeon.

Quelle: ZeitAnschauen - Verein für Foto-Text-Projekte

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