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Fotos: Karl-Georg Ohse

„Demokratie fällt nicht vom Himmel!“
Christen diskutierten gesellschaftliches Engagement in Salem

 

Malchin (kgo/kmv). Mit der Fachtagung „Salz der Erde!? – Christliche Verantwortung für die Demokratie“ wurde am 27. Januar 2012 das Projekt „Kirche stärkt Demokratie“ offiziell eröffnet. 70 Teilnehmer aus der evangelischen und katholischen Kirche diskutierten im Ferienland Salem bei Malchin über die Frage, wie sich Christen zu Demokratie und Menschenrechten positionieren.

 

„Fachtagungen wie diese sind eine gute Möglichkeit viele Menschen zu erreichen und die Diskussion in die Kirchen zu tragen“ sagt Projektleiter Karl-Georg Ohse. Kirchgemeinden dürften nicht schweigen, wenn zentrale Werte des Glaubens und der Demokratie, wie die Gleichwertigkeit aller Menschen, die soziale Gerechtigkeit der Gesellschaft oder der Schutz von Minderheiten in Frage gestellt würden. Dass die Tagung am Holocaustgedenktag stattfand, sei auch ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus. Die aktuelle innerkirchliche Debatte über Homosexualität zeige zum Beispiel, dass menschenfeindliche Einstellungen auch in der Kirche ein Thema ist.

 

Wolfgang von Rechenberg, Referent für schulkooperative Arbeit und Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Tage Ethischer Orientierung“ (AG TEO) hofft, dass das Projekt „Kirche stärkt Demokratie“ Impulse für die demokratiepädagogische Arbeit in den Kirchgemeinden setzt. Kirche vor Ort sei ein wichtiger Akteur, wenn es um die Gestaltung des sozialen und kulturellen Miteinanders in Dörfern und Städten ginge. „Sie müssen sowohl "Salz in der Suppe" als auch "Salz auf die Wunde" sein, wenn die Prinzipien der Menschenwürde in Frage gestellt werden“ sagte der Leiter der AG TEO, wo das Projekt in Schwerin angesiedelt ist.


Ministerin Kuder bekräftigt Kurs der Landesregierung gegen Rechtsextremismus



Justizministerin Uta-Maria Kuder

Die Tagung in Salem am Kummerower See wurde mit einem Grußwort von Justizministerin Uta-Maria Kuder, die seit September 2011 für kirchliche Angelegenheiten zuständig ist, eröffnet. Frau Kuder nahm das Bild vom Salz der Erde auf und würdigte das kirchliche Engagement für Demokratie und gegen Rechtsextremismus, das sich in vielfältigen Aktionen und Angeboten widerspiegele. Auch die Landesregierung werde weiterhin alles tun, um demokratische Grundwerte zu schützen und Extremismus konsequent zu begegnen. Das Projekt sei ein wichtiger Mosaikstein der vielen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten gegen Rechtsextremismus.

 

Lan Böhm von der Bundeszentrale für politische Bildung, die das Programm koordiniert, würdigte die Kirchen als wichtige Akteure für Demokratie und Toleranz in Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ unterstütze sehr praxisnah die Entwicklung der Demokratie in den ostdeutschen Bundesländern.

 

„Dörfer nicht sich selbst überlassen“

Eine zentrale Diskussion auf der zweitägigen Konferenz im Ferienland Salem war die Situation der ländlichen Räume in Mecklenburg-Vorpommern. Professor Titus Simon von der Hochschule Magdeburg-Stendal forderte in seinem Eröffnungsreferat die Kirchen auf, sich nicht aus der Fläche zurückzuziehen und sich auf „Sterbehilfe“ in entleerten Regionen zu beschränken. Wichtig sei es, sich ein realistisches Bild vom Leben und den Problemen auf dem Lande zu machen und die Situation nicht zu idyllisieren. Die Dörfer dürfe man nicht den rechtsextremen Aktivisten überlassen, sondern sie sollten mit gezielter Förderung zukunftsfähig gemacht werden. Beispiele aus Österreich oder Spanien zeigten, dass dies möglich ist. Der Wissenschaftler warnte davor, aus der Perspektive großstädtischer Erfahrungen und Angebote auf die von Abwanderung besonders betroffenen Regionen herab zu schauen. Soziale, geschichtliche und kulturelle Erfahrungen und Gewohnheiten hätten ihre eigenen Werte und Potentiale. In der kurzen aber kontroversen Diskussion wurde angeregt, kirchliche Ländereien für innovative Projekte zur Verfügung zu stellen.

 

Erfahrungen mit dem Widerstand in der DDR vermittelte der Journalist Roman Grafe. Er las aus seiner Anthologie „Anpassen oder Widerstehen in der DDR“, die ganz unterschiedliche Oppositionsbiografien und -perspektiven versammelt. In wie weit die Linke sich von ihrer SED-Vergangenheit emanzipiert hat war einer der Streitpunkte der sich anschließenden Diskussion. Reges Interesse fand auch der „Präventionskoffer, den Bettina Evert vom Hamburger Schulmuseum zu später Stunde vorstellte. An Hand des Koffers wird die zunehmende Ausgrenzung jüdischer Menschen für Schüler- oder Konfirmandengruppen nacherlebbar.

 

Demokratie ist Herzenssache

Auch die mecklenburgische Landeskirche unterstützt das Projekt „Kirche stärkt Demokratie“. Markus Wiechert, Regierungsbeauftragter der Landeskirchen in Mecklenburg-Vorpommern, überbrachte die Grüße des Bischofs und betonte die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Einstellungen innerhalb der Kirchen.

 

Am zweiten Tag brachte Otto Herz, emeritierter Professor der Erziehungswissenschaft und Vorkämpfer für eine kindergerechte Schule, die Teilnehmer auf sehr persönliche Weise zum Nachdenken über ihre Rolle in der demokratischen Gesellschaft. An Hand seiner eigenen Biografie stellte Herz Gelingens- bzw. Misslingensstrukturen für demokratisches Engagement dar. Immer wieder würde deutlich, dass mangelnde Zuwendung und Kommunikation Kinder und Jugendliche frustriere und so den Boden für fundamentalistische Ideologien bereite.

 

Für Karl-Georg Ohse und Wolfgang von Rechenberg war es eine gelungene Veranstaltung. Vor allem wurde die gute Atmosphäre und inhaltliche Dichte der Tagung gelobt – Ansporn für beide an den Menschen und deren Themen dranzubleiben, „auch wenn da noch dicke Bretter zu bohren sind und die Laufzeit des Projekts vorerst bis 2013 begrenzt ist“ sagt Karl-Georg Ohse. Wolfgang von Rechenberg bleibt da gelassen. Er sieht gute Perspektiven für das Projekt - auch im Rahmen der zukünftigen Nordkirche.

 

(01.02.2012)


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