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Fachkonvent "Gastgebende Gemeinde" "Freier Sonntag: Weltkulturerbe"

Tagung der drei evangelischen Kirchen im Norden in Timmendorfer Strand | Lebhafte Diskussion über Sonntagsschutz und Bäderregelung | Fünf Thesen zum freien Sonntag | "Freier Sonntag ist Weltkulturerbe"

05.11.2010 | Schwerin Timmendorfer Strand (std/cme). Mit der Formulierung von fünf Diskussionsthesen zum freien Sonntag endete der Fachkonvent "Gastgebende Gemeinde", zu dem am Donnerstag (4. November 2010) 25 Pastorinnen und Pastoren sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den drei evangelischen Kirchen im Norden in der ostholsteinischen Kirchengemeinde Timmendorfer Strand zu Gast waren, um unter anderem über Kirche und Tourismus zu diskutieren. Eingeladen hatten dazu die Agentur für Missionarische Dienst in der Pommerschen evangelischen Kirche, das Amt für Gemeindedienst der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs, die Arbeitsstelle "Kirche im Norden" sowie der Gemeindedienst der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
Fünf Thesen zum freien Sonntag
Die fünf Thesen zum freien Sonntag formulierte der Moderator Christian Meyer, Pressesprecher der mecklenburgischen Landeskirche, als Spiegel einer lebhaften Debatte über Sonntagsschutz und Bäderregelung:
1. Der freie Sonntag ist ein gesamtgesellschaftliches Kulturgut, das auch religiöses Leben, wie den Gottesdienstbesuch, ermöglicht.
2. Der freie Sonntag unterbricht den Alltag und gibt Raum für die eigene Besinnung, für die Familie, für Freunde und anderes. Durch gemeinsame Freizeitgestaltung zum Beispiel in Sportvereinen wird soziales Zusammenleben gefördert.
3. Eine gesellschaftliche und kirchliche Debatte über unsere Sonntagskultur und die Entwicklung von Modellen dafür ist notwendig.
4. Die Kirchen sollten sich auch künftig einer maßvollen Bäderregelung für bestimmte Kurorte und Tourismusregionen nicht verschließen, da auch ihnen die touristische und wirtschaftliche Entwicklung am Herzen liegt und sie gesellschaftliche Veränderungen wahrnehmen und begleiten.
5. Seit langem sind für touristisch geprägte Regionen Ausnahmen im Blick auf die Ladenöffnung möglich und sie werden es auch künftig sein. Das richtige Maß und Rechtssicherheit sind dabei Dreh- und Angelpunkt.

Bäderregelung muss Ausnahme bleiben
Markus Wiechert, Regierungsbeauftragter der evangelischen Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern, bezeichnete den Schutz des Sonntags als "wesentliches Weltkulturerbe" Der Sonntag sei ein schützenswertes Gut, sowohl in religiöser als auch sozialer Perspektive: "Deshalb werden vielleicht nicht viel mehr Menschen unsere Gottesdienste besuchen, aber die regelmäßige Unterbrechung des Alltags durch einen gemeinsamen freien Sonntag ist Teil unserer Kultur – nicht nur im Blick auf geistliche Besinnung, sondern auch für das Zusammenleben der Menschen in Familien und anderen Lebensbereichen.
Wiechert berichtete, dass die evangelischen und die katholische Kirche im Norden derzeit über die Idee eines Symposiums gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Tourismus zum Thema Sonntagsschutz diskutierten.
"Wir sollten das Gespräch über den Wert des Sonntags suchen"
Seit dem 1. August gelte in Mecklenburg-Vorpommern eine neue Bäderverkaufsverordnung, so Wiechert, "weil bis dahin das Verhältnis von Ausnahme und Regel nicht mehr gegeben war, wie gerichtlich festgestellt wurde". Der kirchliche Regierungsbeauftragte sprach sich für eine bessere öffentliche Kommunikation der kirchlichen Argumente aus: "Wir sollten in der Gesellschaft das Gespräch über den Wert des Sonntags suchen und darüber reden, welche Motive uns als Kirche für den Schutz des freien Sonntag bewegen."
Magaard: "Wir wollen eine moderate Bäderregelung"
Gothart Magaard, Bischofsbevollmächtigter der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, schilderte, dass die Diskussion in Schleswig-Holstein noch offen sei. Nach der von der katholischen und der evangelischen Kirche vor einem Jahr angekündigten Klage hätten Gespräche mit Landesregierung und Wirtschaft begonnen, die noch nicht abgeschlossen seien. "Wir wollen eine moderate Bäderregelung", sagte Magaard. Derzeit seien in Schleswig-Holstein Geschäfte nach der Bäderregelung nahezu ganzjährig sonntags geöffnet: "Die Ausnahme ist zur Regel geworden, das halten wir für problematisch."
Die Kirchen forderten eine Beschränkung der Sonntagsöffnung auf die Zeit von Ende März bis Ende Oktober und eventuell zusätzlich – regional unterschiedlich geregelt – vier weitere verkaufsoffene Sonntage, so Magaard, dazu höchstens fünf Stunden Öffnungszeit pro Sonntag, eine stärkere Begrenzung der Orte und der Warenauswahl, für die die Ausnahmen gelten sollten: "Wir wollen eine maßvolle Regelung – angesichts der Tatsache, dass ohne den Sonntag bereits an sechs Tagen pro Woche 24 Stunden geöffnet werden kann.

Sonntagsgestaltung: "missionarische Aufgabe"
Menschen neue Möglichkeiten zu eröffnen, den freien Sonntag auch ohne Shopping und Konsum zu gestalten, bezeichnete Magaard als "missionarische Aufgabe".
Der Timmendorfer Pastor Thomas Vogel betonte, für vom Tourismus geprägte Orte wie Timmendorfer Strand sei die erweiterte Bäderregelung "gäste- und familienfreundlich", was in der kirchlichen Diskussion stärker beachtet werden müßte: "Wo der Ort voll ist, ist auch die Kirche voll." Dennoch müsse man bei der Sonntagsöffnung auch maßhalten, so Vogel, der zugleich eine Begrenzung der Bäderregelung von März bis Oktober befürwortete.
Kersten Koepcke vom Amt für Gemeindedienst der mecklenburgischen Landeskirche wies auf die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Position im Streit um die Bäderregelung hin. Koepcke, der seit Oktober offizieller Vertreter seiner Kirche im Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommerns ist, forderte: "Wenn wir den freien Sonntag schützen wollen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass unsere Kirchen sonntags offen sind und Gottesdienste und andere Angebote Menschen einladen."
Propst Wiechmann: Sonntag schützen für Familien
Propst Matthias Wiechmann vom Kirchenkreis Ostholstein erinnerte an die Geschichte der Bäderregelung, die vor fast 40 Jahren mit der Entwicklung des Tourismus entstanden sei: "Urlauber sollten sich nach langer Anreise beim Bäcker und beim Milchmann mit den nötigsten Waren des täglichen Bedarfs versorgen können – auch samstags und sonntags." Der Propst schilderte Gespräche mit Verkäuferinnen, die sonntags in Supermärkten arbeiten: "Die müssen nicht erst halb zwölf, sondern schon um zehn im Laden sein, um Waren zu sortieren, und kämen erst viel später als 18.00 Uhr aus dem Geschäft. Dazu dürfen wir als Kirche nicht schweigen – im Interesse der betroffenen Familien." Es gehe darum, das richtige Maß zu finden zwischen dem Versorgungsbedarf der Urlauber und dem Recht auf Familienleben am Sonntag.
Aus dem Alltag einer Urlaubergemeinde
"Zur Andacht am Ende des Weihnachtsmarktes am 4. Advent kommen jedes Jahr 3.000 Leute", berichtete Professor Thomas Vogel, Pastor in Timmendorfer Strand, zu Beginn des Konventes. Nach dem Ostersonntagsgottesdienst würde der Pastor für ein geistliches Wort zum Ostereiersuchen an der Seebrücke erwartet, das Feuerwehr und der örtliche Verband der Gewerbetreibenden alljährlich für Urlauber und Ortsansässige anbieten würden: "Beispiele geistlicher Angebote für Touristen und Einheimische außerhalb der Timmendorfer Waldkirche, durch die wir die Reichweite unserer gottesdienstlichen Arbeit verdoppelt haben."
3.000 Gemeindeglieder und 5 Millionen Tagesgäste
Die 3.000 Gemeindeglieder zählende Gemeinde mit Pastor, teilangestelltem Kirchenmusiker, Küsterin und stundenweiser Bürokraft hat sich mit ihren Angeboten längst eingestellt auf die zahlreichen Gäste, wie Pastor Vogel schilderte. Rund 1,25 Millionen Übernachtungen zählte der Ort seinen Angaben zufolge im Jahr 2009, dazu kamen 300.000 Übernachtungen in Zweit- und Ferienwohnungen und rund 5 Millionen Tagesgäste. Das erfordere persönliche Präsenz und direkte Ansprechbarkeit vor Ort. Anspruchsvolle Kirchenmusik, Bildungs- und Kulturangebote, Taufen am Strand und Ehejubiläen in der Waldkirche gehörten zu den Schwerpunkten der Gemeindearbeit, so Vogel: "Ich mache diese Arbeit mit ganz viel Lust."
"Urlaub ist der Sonntag des Jahres"
Friedrich Wagner, Pastor und Leiter des Hauptbereiches 3 "Gottesdienst und Gemeinde" der nordelbischen Kirche zeichnete das Bild von Kirche als "Gastgebender Gemeinde", die Herberge und Raum biete für die Begegnung miteinander und mit Gott: "Hier ist auch Raum, um füreinander dazusein, einander zu helfen mit dem, was Menschen zum Leben brauchen – auch Gäste, die Erholung suchen." So interpretiere er den Anspruch, "in einer vom Tourismus geprägten Region Glauben zu leben in Wort und Tat".
Urlaub sei der "Sonntag des Jahres", so Wagner, "den Urlauber auch bei uns in der Kirche verbringen möchten, denen wir dafür Raum anbieten, wo Menschen zu sich kommen und dem Evangelium begegnen können." Offene Kirchen zählten dazu genauso wie meditative, musikalische Gottesdienste, Kunstausstellungen, Konzerte und geistliche Rituale.
Kirche als gastgebende Gemeinde sollte gern Dienst, Hilfe und Unterstützung für Gäste im Urlaub anbieten: "Das reicht auch von der gepflegten Kirchen-Toilette bis hin zu Schlecht-Wetter-Angeboten für Familien mit Kindern."
"Gemeinde als Herberge"
Ulrich Schmidt vom nordelbischen Gemeindedienst sagte, dass Themen wie "Gemeinde auf Zeit", "Kirche bei Gelegenheit" oder "Gemeinde als Herberge" nicht nur im Blick auf Urlauber oder Tagestouristen wichtig seien, sondern auch für "Menschen in unseren Gemeinden, die Angebote nur punktuell oder für eine bestimmte Zeit wahrnehmen möchten". Aber auch die immer wiederkehrenden Urlauber oder "Zweitwohnungsbesitzer", die ihren Urlaubsort und die dortige Kirchengemeinde für sich selbst als "zweite Heimat" wahrnehmen, seien dabei mit im Blick.
Öffentlicher Fachkongress Kirche und Tourismus im März in Schleswig-Holstein
Ein öffentlicher Fachkongress Kirche und Tourismus sei vom 24. bis 25. März 2011 in Schleswig-Holstein geplant, so Ulrich Schmidt: "Dann wollen wir uns mit Touristikern austauschen und gemeinsam mögliche Kooperationen entwickeln."