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Musiker spricht über die schwierige Situation freiberuflicher Solo-Künstler

Es geht um Anerkennung

Der soloselbstständige Musiker Mario Neumeister vor dem Eingang der Evangelischen Musikschule Wismar.
10.05.2020 ǀ Wismar.  Viele freiberufliche Musiker geben in unseren Kirchen Konzerte. Auch die Evangelische Musikschule Wismar (EMU) arbeitet mit soloselbstständigen Musikern. Der Einzelunterricht wird jetzt zum Teil von zu Hause aus per Skype erteilt. Das Markenzeichen der Schule, die Orchesterarbeit und die musikalischen Gruppenangebote in Schulen, müssen in der Corona-Zeit ausfallen. Roger Thomas sprach mit dem Musiker Mario Neumeister:

Welche Angebote machen Sie in der EMU?

Mario Neumeister: Ich biete im Auftrag der EMU in zwei Wismarer Schulen wöchentliche Trommelkurse für Kinder an. Wir wollen vor allem Kinder erreichen, die sonst keinen Zugang zu Instrumenten hätten.

Wie läuft das jetzt?

Mit den Schulschließungen endeten auch diese Angebote. Ich bin froh, dass das Honorar trotzdem weitergezahlt wird.

Wie ist das möglich?

Die Kurse in den Wismarer Schulen werden durch die Hansestadt Wismar und die Sparkassenstiftung gefördert. Es gab deren Zusage, Förderungen auch während der Schulschließungen nicht auszusetzen.

Welche Projekte bieten Sie an?

Im Grunde meines Herzens bin ich Gitarrist. Ich wollte auch bei der EMU Gitarrenunterricht anbieten. Aber das geht jetzt wegen Corona nicht. Als Gitarrist habe ich Soloprogramme und Verträge mit Hotels und REHA-Einrichtungen. Ich spiele in einer Band auf Festen und Familienfeiern. Dieses ganze Kapitel kann ich jetzt völlig vergessen. Alles wurde abgesagt und eingestellt.

Und wovon leben Sie jetzt?

Ich hab keine Ersparnisse. Deshalb war ich froh, von der Politik zu hören, dass es Unterstützung für Künstler gibt. Ich habe einen Antrag gestellt, aber der wurde abgelehnt. Gezahlt wird nur für ein Tonstudio oder einen Firmenwagen oder Angestellte. So etwas habe ich alles nicht. Ich brauche Geld für Miete, Essen, Familie. Aber das zählte nicht.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe mich umgehört und erfahren, dass ich mich arbeitslos melden sollte. Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen, weil ich ja nicht arbeitslos bin, nur im Moment nicht arbeiten darf. Dort habe ich relativ schnell Geld gekriegt, etwa 40 Prozent von dem, was ich sonst verdiene.

Kommen Sie damit zurecht?

Ja, ich kann bescheiden leben. Vorübergehend geht’s schon mal mit etwas Verzicht. Ich bin auch dankbar für die schnelle Hilfe. Aber ich finde, das Land hätte anders für uns Künstler sorgen müssen. Wir sind doch nicht arbeitslos. Ein „Soli-Künstler-Fonds“ hätte es besser getroffen. Es hätte eine Info vom Steuerberater geben können und wir hätten 40 … 60 … 80 Prozent vom Durchschnittseinkommen gekriegt. So wie andere auch. Das hätte etwas mehr Würde und auch Anerkennung vermittelt.

Was geht Ihnen in dieser Situation durch den Kopf?

Neulich gab’s die Gala mit den Stars, Lady Gaga und so. Schön, dass sie es machen, aber das sind Leute mit Kohle. Wie wäre es gewesen, wenn sie immer einen Musiker aus der Provinz dazugeholt hätten, den keiner kennt und der es jetzt schwer hat, über die Runden zu kommen.

Jetzt tummelt sich Kultur massiv im Internet. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Freund davon. Ich liebe die Live-Situation. Meine Programme brauchen Miteinander mit dem Publikum. Und wenn ich an meine Trommel-Kinder denke, dann sehe ich sie in der Kirche – als kleine Stars – mit leuchtenden Augen – das ist cool und nicht mit Geld zu bezahlen. Das geht nicht mit dem Internet.

Noch ein letzter Gedanke?

Ich freue mich über Aufmerksamkeit. Wenn jemand daran denkt, wie es wohl den Künstlern geht, die keine Anstellung haben, wo nicht alles so weiterläuft oder Kurzarbeit greift. Ich freue mich, wenn unsere Arbeit anerkannt wird und wir nicht das letzte Ende sind. Heute hat mir gerade jemand ein altes Boot geschenkt. Da habe ich mich mächtig gefreut!
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 18/2020

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