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Ein Ideal der Zukunft

Schöpfungsgeschichte als Bild der Evolution? - Irrtum, meint Andreas Benk

Von Anja Goritzka

Schöpfung und Gerechtigkeit: Die Natur als Teil einer gottgewollten, lebensfreundlichen Welt sehen.
03.03.2019 ǀ Rostock.  In Vorbereitung zum Judika-Sonntag lud die Nordkirche zu theologischen Studientagen nach Hamburg, Rostock und Neumünster ein. Um „Schöpfung – eine Vision von Gerechtigkeit“ ging es. Nur wenige kamen. Doch die Thesen, die der katholische Theologe und Religionspädagoge Andreas Benk aufmachte, stießen spannende Debatten an.

„Schreiben Sie doch mal drei Begriffe zum Wort Schöpfung auf, die Ihnen immer wieder in Ihrer Arbeit begegnen“, forderte Andreas Benk die acht Teilnehmer am ersten Studientag zum Judika-Sonntag im Zentrum kirchlicher Dienste in Rostock auf. Um „Schöpfung und Gerechtigkeit“ soll es beim Judika-Sonntag am 7. April in der Nordkirche schließlich gehen.

Worte wie „Vielfalt“, „Kreativität“ oder auch „Sabbat“ bekam Benk nun beim Seminar von Mitarbeitern des Zentrums kirchliche Dienste zu hören – und wirkte erstaunt. „Sie sind in Ihren Antworten sehr fortschrittlich“, meinte er. Seine Studierenden vom Ökumenischen Institut für Theologie und Religionspädagogik in Schwäbisch Gmünd würden anders antworten, mehr von Evolution oder einer wörtlichen Bibelauslegung ausgehend. Überhaupt begegne einem oft der Schöpfungsgedanke in naturwissenschaftlichen Kontexten, sagte Benk, und weiter: „Wer von Schöpfung spricht, diskutiert heute über Urknall und Evolution, das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft und bis zur Erschöpfung über biblischen Fundamentalismus, Kreationismus und Intelligent Design.“

Kein Wunder, sei doch die Schöpfungstheologie Jahrhunderte ideologisch geprägt, aufbauend auf einem kosmologischen Weltbild, das aus dem griechischen Kulturkreis stammte. So war es Origenes, der die neunte Sphäre des Ptolemäus, die sich um die Erde befinden soll, als reale Himmelssphäre ausbaute, in der die Engel und Heiligen beherbergt wurden. „Maßgeblicher Kontext für die Schöpfungstexte wurde die Kosmologie“, erklärte Andreas Benk. Folge: „Genesis 1 wurde als naturwissenschaftlicher Bericht gelesen und interpretiert.“

"Die Schöpfungstexte sind Visionen einer befreiten Welt“

Doch darin stecke ein Irrtum, meinte Benk. Ein Umdenken in der Theologie müsse her. Die Schöpfungsgeschichte sei keine Entstehungsgeschichte, sondern im Sinne einer Befreiungstheologie, im Blick auf die Prophetie der Bibel eine Theologie der Zukunft, des Ideals. „Die Schöpfungstexte sind Visionen einer befreiten Welt“, sagte er. „Visionäre Schöpfungstheologie deutet die Schöpfungstexte als utopische, das heißt als noch nie und nirgendwo realisierte Gegenentwürfe zu den herrschenden Verhältnissen.“ Sie stehe in der Tradition prophetischer Empörung über die lebensfeindlichen und menschenverachtenden Machenschaften dieser Welt und entwerfe das Bild einer gottgewollten, lebensfreundlichen Welt.

Wenn es bei Schöpfung nicht um Evolution und Metaphysik geht, sondern um Gerechtigkeit und Befreiung, könne man etwa im Religionsunterricht Fragen wie diese diskutieren: „Wie wünscht ihr euch die Welt?“ Oder: „Wie können wir an dieser Vision einer besseren Welt mitarbeiten?“ Die Kirche sei die Gemeinschaft derer, die versuchen, wie Jesu zu leben und zu handeln, sagte Benk. Insofern könne eine christliche Lebenshaltung als Gegenkonzept zu gesellschaftlichen Gegebenheiten gesehen werden.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 09/2019

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