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Analyse

EKD-Papier "Rechtfertigung und Freiheit" zeigt schwierige Verständigung von Historikern und Theologen

Von Bernd Buchner

22.09.2014 ǀ Frankfurt a.M.  Wie kann der sündige Mensch Gnade vor Gott finden, wie also wird er "gerechtfertigt"? Die Frage Martin Luthers treibt die Christen bis heute um. Ein EKD-Papier zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 sorgt für lebhafte Diskussionen.

Über mangelnde Aufmerksamkeit für ihre jüngsten Stellungnahmen kann sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nicht beklagen. Das 2013 veröffentlichte Familienpapier löste eine ebenso heftige Kontroverse aus wie das vor kurzem vorgestellte EKD-Dokument "Rechtfertigung und Freiheit". Dessen Titel klingt nach trockener Theologie, doch hinter ihm verbirgt sich ein Kernanliegen des Protestantismus: Wie findet der Mensch Gnade vor Gott?

Die Frage Martin Luthers (1483-1546) hat im 16. Jahrhundert maßgeblich zur Kirchenspaltung geführt. Und doch ist erstaunlich, dass noch heute mit solcher Leidenschaft darum gerungen wird. Kritik an dem EKD-Papier kam nicht nur von Historikern, sondern auch von katholischer und evangelikaler Seite. Drei Jahre vor dem 500. Reformationsjubiläum sieht sich die Ökumene einer Belastungsprobe ausgesetzt.

Wovon handelt das 112-seitige Dokument, das von einer Kommission unter Leitung des Berliner Kirchenhistorikers Christoph Markschies erarbeitet wurde? Es gehe darum, "für heute zu klären, was Reformation bedeutet", sagte EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider bei der Präsentation im Mai. Der Text zielt auf eine innerprotestantische Verständigung über die Luthers Kernthese: dass der Mensch sein Heil allein aus göttlicher Gnade gewinnen kann und nicht aufgrund eigener Verdienste.

In der Einleitung wird die Reformation als "offene Lerngeschichte" mit ihrer Bedeutung für die Gegenwart beschrieben. Danach benennt das Dokument die "Kernpunkte reformatorischer Theologie". Im Zentrum steht Luthers Rechtfertigungslehre, interpretiert mit Hilfe der fünf sogenannten Exklusivpartikel, die alle mit dem Wort "allein" beginnen: Christus, aus Gnade, im Wort, aufgrund der Schrift, durch den Glauben. Abschließend fragt der Text nach den Möglichkeiten, das Jubiläumsjahr 2017 zu feiern.

Kritik: Dogmatische Geschichtsdeutung?

Kurz nach Erscheinen von "Rechtfertigung und Freiheit" war der Streit eröffnet. Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann und der Lutherbiograf Heinz Schilling störten sich vor allem an der theologischen Grundierung des Textes. Sie warfen der EKD eine "dogmatische Geschichtsdeutung" vor. Beide verschärften ihre Kritik später noch. Schilling rügte, in dem Text würden "Märchen" verbreitet. Kaufmann monierte, die Kirche schwinge sich nach Manier der DDR-Geschichtspolitik zur zentralen Deutungsagentur des Protestantismus auf.

Von katholischer Seite wurde eingewandt, das Dokument berücksichtige zu wenig die jüngsten ökumenischen Erträge, etwa die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Der frühere vatikanische Ökumeneminister, Kardinal Walter Kasper, warf der EKD "konfessionalistische Eigenbrötelei" vor. Andere katholische Theologen pflichteten Kasper bei. Am weitesten ging der Ökumeniker Wolfgang Thönissen: Die katholische Kirche solle alle Einladungen zu den Reformationsfeierlichkeiten zurückweisen.

Dies wiederum stieß bei evangelischen Theologen auf Unverständnis. Die Forderung sei grotesk, schrieb der Kirchenhistoriker Volker Leppin, Mitverfasser des Papiers. Er warnte davor, eine "Theologie des Misstrauens" wiederzubeleben, "die den anderen nicht mehr anders sein lassen kann". Der Theologe Christoph Strohm wies den Vorwurf der "Lutherideologie" zurück. Sein Bruder, Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bekundete, er könne in dem Dokument keinen Widerspruch zu ökumenischen Fortschritten erkennen.

Doch auch Verständnis für die katholische Kritik wurde geäußert, so durch den Catholica-Beauftragten der deutschen Lutheraner, und die schwedische Erzbischöfin Antje Jackelén. Die im Sauerland geborene Theologin wies zudem darauf hin, dass die Diskussion über "Rechtfertigung und Freiheit" hauptsächlich in Deutschland geführt werde.

Deutung der Reformation weder Historikern noch Theologen überlassen

Eine genaue Lektüre des Textes zeigt, dass die EKD mit Kritik an den reformatorischen Prinzipien nicht spart und zudem ausdrücklich vorschlägt, sich mit Blick auf das Reformationsjubiläum auch ökumenischen Fragen zu widmen. Die Debatte über "Rechtfertigung und Freiheit" offenbart überdies, wie schwer die Verständigung zwischen Historikern und Theologen ist. Weder den einen noch den anderen dürfe die Deutung der Reformation allein überlassen werden, unterstrich denn auch Vizepräsident Thies Grundlach vom EKD-Kirchenamt.

Als einziger Katholik stellte sich der Freiburger Theologe Magnus Striet hinter das Papier. Es erzähle keineswegs eine "einseitige Jubelgeschichte" der Reformation, schrieb er. Zugleich wies er auf einen zentralen Punkt hin: In der Frage der Rechtfertigung scheinen sich die Konfessionen keineswegs so einig, wie es nach der epochalen Erklärung von 1999 schien. Dass allein Gott den Glauben bewirke, sei "menschlich nicht zu akzeptieren", kritisierte Striet.

Die Diskussion über den EKD-Text wird weitergehen. Für den Herbst hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen eine Studie angekündigt, in der eine "gemeinsame Deutung des Ereignisses der Reformation" versucht wird. Auch dieser Text wird die ihm gebührende Aufmerksamkeit finden.
Quelle: epd

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