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30 Jahre Deutsche Einheit – ein persönlicher Blick von Christoph de Boor

Doppelte Wirklichkeit

Christoph de Boor
04.10.2020 ǀ Neustrelitz.  Was ist aus unseren Träumen von vor 30 Jahren geworden? Einer, der davon erzählen kann, ist der Theologe und Synodale Christoph de Boor, Geschäftsführer der Diakonie Mecklenburgische Seenplatte. Mitten in der „doppelten Wirklichkeit“ in Mecklenburg aufgewachsen, gestaltete er die Friedliche Revolution mit – und hoffte auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Wenn ich an 30 Jahre Deutsche Einheit denke, kommt mir Verschiedenes in den Blick – subjektiv und bis heute von meinem Aufwachsen in der DDR geprägt. Als ich 1961 geboren wurde, existierten die beiden deutschen Staaten schon seit zwölf Jahren, und durch Berlin wurde eine Mauer gebaut. So bin ich groß geworden in der DDR mit ihrer doppelten Wirklichkeit: hier das Pfarrhaus der Eltern, Verwandte diesseits und jenseits der Grenze und Westfernsehen. Da die Scheinwelt des real existierenden Sozialismus mit ihrem niederschwelligen Einfluss.

Vor 1989 stand die Existenz zweier deutscher Staaten für mich nicht infrage. Das war nicht gut und nicht heil, aber die zwangsläufige Folge des Zweiten Weltkrieges, den Deutschland begonnen und verschuldet hatte. So war es, und so würde es noch lange bleiben. Dass das politische System der DDR ein Unrechtssystem war, war immer klar. Und doch hatte die DDR Spuren in mir hinterlassen: Zumindest den Antifaschismus und die guten Absichten des Anfangs hatte ich den Herrschenden bis 1989 geglaubt. Als im Dezember 89 aus „Wir sind das Volk“ langsam „Wir sind ein Volk wurde“ und als auch bei uns in Waren auf den Demonstrationen zum ersten Mal Deutschlandfahnen auftauchten, war ich nicht begeistert. Nach Jahren der Stagnation und des Stillstands war hier endlich, endlich etwas in Bewegung gekommen. Polen hatte es vorgemacht, und von der Sowjetunion konnten wir jetzt wirklich Glasnost und Perestroika lernen. Wir wollten hierbleiben und jetzt Veränderungen in der DDR. Wir wollten Demokratie und Freiheit, und viele hofften auf einen anderen Sozialismus, einen mit menschlichem Antlitz. Das politische Unrechtssystem in der DDR musste weg – aber war das kapitalistische System der „BRD“ eine gute Alternative?

Dann ging es ganz schnell. Der überwiegende Teil der DDR-Bevölkerung wollte die Wiedervereinigung und wollte sie schnell. „Wenn das Westgeld nicht zu uns kommt, gehen wir zum Westgeld“, hieß es. Wir hatten Demokratie gewollt, und nun war demokratisch und mit großer Mehrheit entschieden worden – über die Wiedervereinigung und auch über den Weg. Ich war damals nicht gegen die Einheit, und mit dem Wissen von heute ist für mich auch vollkommen klar, dass eine Reform der DDR schon wirtschaftlich nicht möglich gewesen wäre. Aber gegen den Weg hatte ich Bedenken. Am Ende war es ein Beitritt, keine Vereinigung. Die alte Bonner Bundesrepublik wuchs einfach um das Gebiet der vorherigen DDR, die fünf neuen Länder übernahmen (fast) das ganze politische und wirtschaftliche System der BRD. Für die einen änderte sich fast alles, für die anderen fast nichts. Keine neue gemeinsame Verfassung, keine gemeinsame neue Hymne.

„Die West-Kirchen waren staatsnah“

Heute ist das Leben im wiedervereinigten Deutschland selbstverständlich, und ich kann es mir nicht anders vorstellen. Jahr für Jahr wächst die Zeit der gemeinsamen Erfahrungen der früher Ostoder Westdeutschen. Die Gegenwart wird gesamtdeutsch erlebt. Das wird auch im Blick auf die Generationen deutlich: Dass wir Älteren ost- oder westdeutsch geprägt sind, wird so bleiben, und immer, wenn wir über die Schulzeit, die Junge Gemeinde oder die Musik reden, merken wir es. Schon bei unseren großen Kindern ist davon kaum noch etwas zu spüren. Die 30-Jährigen sind ganz selbstverständlich in Deutschland und Europa zu Hause. Und das ist gut so.

Und unsere Kirche? Die Friedliche Revolution ist ohne die Menschen aus den Kirchen und die Kirchen nicht vorstellbar. Nach 1990 war es dann für die ostdeutschen Kirchen nicht leicht, ihren Platz und ihren Weg zu finden. In der DDR war Kirche „eingesperrt“, manchen fiel nun der Weg aus den Kirchenmauern heraus schwer. Als Kirchen in der DDR hatten wir einen gesunden Abstand zu den staatlichen Stellen. Die West-Kirchen waren für mich damals ungewohnt staatsnah und zu wenig Gegenüber, und so habe ich eine ganze Zeit mit der wiedervereinigten Kirche gefremdelt.

Ehrliches Bemühen aller

An vielen Stellen nutzten Kirchgemeinden die neuen Möglichkeiten, und gerade der Aufbau der Diakonie ist dafür ein Ausdruck. Dass ich seit 1994 in der Diakonie arbeiten kann, dafür bin ich dankbar. Das war mein Platz, von dem aus ich versuchen konnte, mich einzusetzen. Diakonie ist ein Teil unserer Kirche, und ich fand es richtig, hinaus in die Welt zu denen zu gehen, die Hilfe und Unterstützung benötigten. Ich fand es richtig, das mit den Menschen zu tun, die dazu bereit sind, und nicht nur nach Kirchenmitgliedschaftzu fragen. Das war damals eine spannende und auch belastende Diskussion, die heute bei der Frage der Kirchen-Mitgliedschaft ähnlich grundsätzlich geführt wird. Wie weit können wir uns zur Welt und in die Welt hinein öffnen, ohne uns selbst zu verlieren?

2005 wurde ich in die Landessynode gewählt: sinkende Mitgliederzahlen, die Kirchensteuereinnahmen, das schwierige Verhältnis zwischen Pommern und Mecklenburg, dann die Initiative zur Nordkirche, die verfassunggebende Synode. Anders als die Wiedervereinigung durch Beitritt habe ich die Bildung der Nordkirche als das ehrliche Bemühen aller erlebt, gemeinsam eine neue Kirche zu werden. Natürlich spiegeln sich in der Praxis auch die Zahlenverhältnisse der drei früheren Kirchen wider, und das Beharrungsvermögen in Kiel ist groß. Und doch glaube ich, dass wir in unserer Ost-West-Nordkirche vielfältig voneinander profitieren. Was zur Deutschen Einheit 1990 auch dazu gehört, ist der enorme Transformationsprozess, der in Ostdeutschland die ersten Jahre bestimmte. Das DDR-System mit der Bevormundung, der Gleichmachung und der Normierung hatte uns natürlich geprägt. Und auf einmal mussten wir in einem System zurechtkommen, das wir nicht gelernt hatten. So kam für eine viel zu große Zahl der Menschen zur Freude über die Freiheit, die Einheit und die vielen Möglichkeiten die Enttäuschung: die hohe Zahl der Arbeitslosen, die Perspektivlosigkeit mancher Berufsgruppen, der Abbau industrieller Kerne, der Frust über die Wende-Gewinner und das Empfinden, ein Verlierer zu sein. Wer heute nach den Ursachen für Pegida, die ostdeutsche AfD oder rechte Tendenzen fragt, wird an den Erfahrungen dieser Zeit nicht vorbeikommen.

Nichts ist selbstverständlich

Zum Schluss noch ein Ausblick. Mit dem Ende des Kalten Krieges konnte es so scheinen, als seien alle Konflikte gelöst und wir könnten nun friedlich und gemeinsam das Leben im vereinigten Deutschland und einem zusammenwachsenden Europa gestalten. Aber gerade in den letzten fünf Jahren ist sichtbar geworden, dass nichts selbstverständlich ist. Da blüht ein Nationalismus auf, den ich mir nicht hätte vorstellen können. Demokratie und die Rechte der anderen werden offen infrage gestellt. Menschen, die vor Gewalt und Hunger flüchten, ertrinken im Mittelmeer, und Europa ist unfähig, gemeinsam zu reagieren.

Heute reicht es nicht, sich in unserer Demokratie und mit den Grundrechten des Grundgesetzes wohlzufühlen, heute müssen wir unsere Demokratie schützen und verteidigen. Das christliche Menschenbild kennt keine Nationalitäten. Wir leben gut in unserem zusammenwachsenden Deutschland, es gibt Gründe genug, dankbar zu sein. Und es bleibt viel zu tun für jeden Einzelnen und für uns als Kirche in unserem Land und unserer Welt, damit Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eine Chance haben.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 40/2020

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