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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Oktober 2017: Auch eine Fluchtgeschichte

Ruine des Klosters Nimbschen (Foto: kloster-nimbschen.de)
Beweise gibt es nicht, aber es muß sich um einen waghalsigen Coup gehandelt haben: daß nämlich in den Fässern auf dem Planwagen nicht Heringe, sondern ein Dutzend Nonnen gesteckt haben sollen. Der Wagen des Herrn Koppe sei in der Nacht zum Osterfest unbemerkt vom Gelände des Klosters gerumpelt. Koppe war gewerblicher Lieferant für das Kloster Nimbschen; er hatte also Zugang zum locus delicti. Nicht ganz sicher also, die Heringsfässer, aber nicht weniger vorstellbar als viele wagemutigen Fluchten nach Europa, von denen etwa Ahmad oder Rebecca berichtet haben.

'Locus delicti' muß man wörtlich nehmen: eine schwere Straftat. "Eine Nonne auf der Flucht war rechtlos. Jeder, der ihr half konnte sich strafbar machen, das konnte im Extremfall bis zur Hinrichtung gehen. Die Strafe für die wieder eingefangenen Nonnen hieß ewige Kerkerhaft bei Wasser und Brot", erklärt der Historiker Martin Treu aus Wittenberg. Pikant an dem Fall: Ein gewisser Martin Luther war eingeweiht. Die Aktion entsprach dem, was er von der Unterbringung von Mädchen und jungen Frauen im Kloster hielt: gar nichts, wie der Brief vom 10. April 1523 an den Freund Georg Burghardt (Spalatin) zeigt.

Zu den Neuerungen der Reformation gehört auch Luthers Kritik am erzwungenen oder aufgenötigten Zölibat. Wer ihn leben will, solle es tun, sich aber nicht einbilden, damit Gott gefälliger zu sein. Die klostermüden Nonnen, die am Ostermorgen (!) den Fässern entstiegen, sehnten sich nach einem lebendigen Leben. Dafür haben sie sehr viel riskiert – unter ihnen auch eine gewisse Katharina von Bora.

In Luthers Brief ist alles versammelt, was auch aktuelle Fluchtgeschichten ausmacht: ein als lebensfeindlich nur ertragenes Leben; Entschluß zu einem riskanten Fluchtweg; sogar ein Schlepper (wenn auch 'ehrenamtlich'); leere Hände bei der Ankunft; Erstaufnahme und erste Hilfe bei der Unterkunft; UnterstützerInnen; Geldsorgen; böse Gerüchte im Ort. Daß Luther die 'Integration' der Frauen u.a. via Verheiratung betrieb, ist nachvollziehbar damals. Daß solche Integration nicht so reibungsvoll ablief, hat er selber an der selbstbewußten Katharina erfahren: die wollte zunächst eigentlich einen Anderen…  

Die Flucht der Frauen wirkt heute hübsch anekdotisch. Neben deren persönlichem Risiko ist sie aber auch Ausdruck der Auflösung jahrhundertealter Strukturen. Luther und all die Mitstreiter haben Teil daran und sind mitten drin: hoch aktiv und voller Unruhe, was daraus werden wird.
Seinen Brief beendet er mit der Bitte an Spalatin: 'Bete für mich'. Das ist keine Floskel. In Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls und einer sehr ungewissen Zukunft braucht es mehr als Wagemut und pfiffige Organisation. Das Geschenk des Gelingens kommt oft genug von woanders her.