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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

März 2018: Schön, dabei gewesen zu sein

Christlicher Andachtsraum in Nostorf Horst. (Foto: Walter Bartels)
Wenn man Büro und Schreibtisch ausräumen muß, weil die Zeit um ist, landet so Manches gleich im Papierkorb. Aber das Sortieren per Hand ist schwieriger als haufenweise alte Dienst-Mails per mouse click zu löschen. Einige Briefe, Bücher 'gucken' mich noch mal an als wollten sie sagen: Weißt du noch…?

Ein Bändchen von Navid Kermani fiel mir gerade wieder in die Hände, ein Bericht über seine Recherche und Expedition auf der Balkanroute vor drei Jahren. Beim Durchblättern lese ich: Die Lokalblätter ebenso wie die nationalen Fernsehsender informierten, wie jeder einzelne Deutsche helfen könne, und selbst die fremdenfeindlichste Zeitung überhaupt in Deutschland erzählte von einem auf den anderen Tag die Lebensgeschichten der Fremden, erzählte so eindrücklich von Krieg, von Unterdrückung, von den Strapazen und Gefahren ihrer Flucht, daß man die Rettung nicht einmal an den Stammtischen ganz schlecht finden konnte…

Das war 2015. Ein bißchen reibe ich mir die Augen. War ich wirklich dabei in den Monaten, hier im Land? Wie lange ist das her; gerade mal drei Jahre?! Kaum zu glauben und doch wahr, was da alles passiert ist. Ja, es gab auch Haß gegen die Fremden, es gab Anschläge, aber nun standen den Bedrohten sofort die Politiker zur Seite und besuchten ihre Heime, erinnert sich Kermani. Jetzt, drei Jahre später, gibt es einen 'Heimatminister', der schon vor Dienstantritt mal ganz unmißverständliche Hinweise gibt, wohin es bitte schön Richtung Heimat geht.

Ich erinnere mich an Gesichter und Geschichten, denen ich in den vergangenen drei Jahren begegnet bin, vor allem in den Erstaufnahme-Einrichtungen in Stern Buchholz und in Horst: Viel Bruchstückhaftes im Vorübergehen; Kurzfassungen unglaublicher Geschichten; aber auch viele intensive Begegnungen: mit Tränen und Lachen, mit Reden und Schweigen. Von den Namen habe ich nur wenige behalten, am ehesten dann, wenn sie sich mit Schicksalen und Dramen verbanden. Oft habe ich mich gefragt: Wie hält man, wie hält frau so etwas aus?

Die Andachtsräume in Stern Buchholz und Horst waren und sind wichtige Orte für all das. Mittendrin und gleichzeitig ein bißchen entrückt. Sie bieten, bei aller Nüchternheit, eine Art 'objektive Intimität'. Niemand kann ermessen, was in ihnen alles bedacht, bebetet, bedankt, beweint, beschwiegen wurde. In einer der ausliegenden Bibeln hat jemand zwei Verse aus dem 139. Psalm unterstrichen: 

You have searched me, Lord,
and you know me.
You know when I sit and when I rise;
you perceive my thoughts from afar.


Walter Bartels


Flüchtlingspastor Walter Bartels geht Ende März in den Ruhestand.