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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

August 2017: "Wer betrügt, der fliegt" (oder doch nicht?)

Collage: Sabine Bartels
"Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Verlangen, sie ans Licht zu bringen, soll in Wittenberg über die folgenden Sätze disputiert werden…" So die Einleitung zu Martin Luthers '95 Thesen', als er sie im Oktober 1517 an die Öffentlichkeit gibt. Er will keinen Skandal inszenieren, sondern einen Skandal beendet sehen. Deshalb sucht er die öffentliche Diskussion über ein kirchliches 'key business' seiner Zeit: den Ablaß. Die dezente Polemik seiner Thesen zeigt an, daß es ihm um Klärung und Reform geht. Dafür muß allerdings die Wahrheit über einen üblen Mißstand auf den Tisch. So stößt Luther eine Entwicklung an, mit der er wohl selber kaum gerechnet hatte. -

Auf dem Diesel-Konzil in Berlin, so liest man, spielte die 'Liebe zur Wahrheit' keine Rolle; jedenfalls kam sie nicht so auf den Tisch, daß sie das Ergebnis nennenswert beeinflußt hätte. War nicht vorher von "gigantischem Betrug", "kriminellen Machenschaften" die Rede gewesen; von schädlichem Feinstaub und Stickoxiden im Abgasen auch, an denen jährlich Tausende sterben; von den nachhaltigen Schäden an Flora und Klima ganz zu schweigen; davon, daß ein Verwaltungsgericht im Grünen-Ländle jetzt beidhändig die Handbremse gezogen und Fahrverbote anvisiert hat? Na und? Es geht schließlich um eine Schlüsselindustrie der Volkswirtschaft. Da kann man schon einiges an politischem 'Ablaß' erwarten. Betrogene und Geschädigte waren zum Treffen übrigens nicht eingeladen. -

Seit drei Jahren kursiert das bayrische Sprichwort "Wer betrügt, der fliegt". Gemeint sind nicht etwa Software-Manipulierer oder Chefs aus der Autobranche. Gemeint sind Menschen, die nach der Flucht aus Kriegs- und Elendsgebieten über die Runden kommen müssen. Daß es dabei gelegentlich auch zu sehr 'kreativem' Umgang mit geltenden Regeln und finanziellen Ansprüchen gekommen ist, trifft zu. Merkwürdig nur, wie anhaltend schrill die Beschwerden darüber in der Öffentlichkeit sind, immer wieder. Von den Mühen, sich irgendwie physisch und psychisch 'über Wasser' zu halten, erfahre ich oft in Gesprächen. Gibt es mal einen offiziellen 'Gipfel', bei dem Betroffene selber 'die Wahrheit ans Licht bringen' können, was das wirklich ist: Krieg, Flucht, Gewalt in jeder Form, Verzweiflung, Zukunftsangst und was das mit Menschen macht – oder wissen die Nicht-Betroffenen es eh besser, gerade in Wahlkampfzeiten? -

Es geht jedes Mal um Geld, immer wieder um Geld.
Wir vergessen nur zu leicht, daß der erste große Auftritt des Magisters aus Wittenberg einen massiven religiös-pekuniären Anlaß hatte.
Wir verdrängen nur zu gern, daß es bei den Auto-Manipulationen zuerst um üppige Profit-Absicherungen geht und dann um Arbeitsplätze.
Wir verweigern uns der trostlosen Banalität, daß man mit Hilfe des Asylbewerber-Leistungsgesetzes wirklich nicht reich wird, ganz bestimmt nicht.        

"Liebe zur Wahrheit...Verlangen, sie ans Licht zu bringen… disputieren". Martin Luther nennt drei Voraussetzungen dafür, daß überhaupt etwas in Gang kommt: Wunsch und Wille, die Wirklichkeit ungeschminkt anzusehen; Bereitschaft und Fähigkeit, öffentlich zugänglich zu machen, was sich als wahr herausgestellt hat; zusammen mit anderen Wege zu überlegen und wagen, sie zu gehen. Dabei sollten vor allem die zu Wort und zur Geltung kommen, die betroffen sind. Was dabei herauskommt, weiß niemand im Voraus. Auch Luther wußte es nicht, aber dieses Risiko ist unvermeidlich.

Pastor Walter Bartels