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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Februar 2017: Trau dich mal

Mahnwache in Schwerin Januar 2017 (Foto: USK-Flüchtlingsrat MV)
2013 begann ich eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, die ich dieses Jahr mit Erfolg abgeschlossen habe. Ich arbeite jetzt in Vollzeit als Maler und Lackierer und bin sehr stolz darauf. Aber immer noch bekommen wir nur eine Duldung für drei Monate. Und eine Duldung bedeutet lediglich die „Aussetzung der Abschiebung“. Ich habe Angst, dass man auch mich und meine Familie abschieben will.

So konnte man es kurz vor Weihnachten lesen, im www.afghanistan-adventskalender.de unserer Kirche. Die Geschichte verbarg sich hinter dem Türchen vom 22. Dezember. Als Quadir (Name geändert) 14 Jahre alt war, wurde sein Vater von den Taliban gefangen genommen; gegen viel Geld und mit noch mehr Glück kam er frei. Die Familie konnte in den Iran fliehen. Zurück nach Afghanistan, das ging nicht: Die Taliban vergessen nichts. Dann also nach Italien, schließlich nach Deutschland… Wie Quadirs Geschichte sich entwickelt hat, kannst du im Kalender lesen, in Zeitraffer. Mit ein bißchen Fantasie und Empathie kannst du dir ausmalen, was nur angedeutet wird und was nicht auf die Schnelle zu erzählen ist.

Wie Quadir haben in diesen Wochen viele Männer, Frauen, Kinder Angst, daß sie nach Afghanistan zurückgeschickt, abgeschoben werden sollen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hält Abschiebungen nach Afghanistan für nicht vertretbar, wegen der dortigen (Un-)Sicherheitslage. "Die innerstaatlichen bewaffneten Konflikte im Land haben sich zugespitzt", erklärt Stefan Heße, Hamburger Erzbischof und Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Von ihrer Angst erzählen afghanische Flüchtlinge, die sich täglich um Nachricht von ihren Familien bemühen. Die Unruhe und Sorge macht viele von ihnen krank. Immerhin: Mehrere Bundesländer, auch Schleswig-Holstein, prüfen ernsthaft ihre Abschiebe-Praxis. Welche Informationen, Einschätzungen, Berichte braucht es denn noch, um Geflohene vor lebensgefährlicher Rückführung in ihr verlorenes Land zu bewahren?!  

Am 11.Februar wird es bundesweit einen 'Tag gegen Abschiebung nach Afghanistan' geben, auch in Mecklenburg-Vorpommern: mit Aktionen und Mahnwachen. Geh nicht einfach vorbei. Trau dich, frag mal nach. Einfach mal anhören, was Menschen in ihrer Furcht zu erzählen haben. Du sollst ja gar nicht einen Flüchtling bei dir zuhause aufnehmen. Aber sich mal in ein Gespräch verwickeln lassen, das geht doch. Und vielleicht verstehen: Auch dieser Mensch hat nur dieses eine Leben auf dieser Erde, wo er seinen Platz zum Leben sucht.

Pastor Walter Bartels