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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

April 2017: Real-digital: egal?

Der ungläubige Thomas (Gerrit van Honthorst / Wikipedia)
Kürzlich las ich während einer Zugfahrt in der Bord-Zeitschrift einen Artikel über 'Die Empathie-Maschine'. Da wurde von Testpersonen berichtet, die mithilfe einer 'Virtual-Reality-Brille' (diesem dicken Ding vor den Augen) in künstliche Szenarien und Welten eintauchen. Die von einem Computer erzeugten Foto- und Videobilder erwecken den Eindruck, als ob man sich in Echtzeit in einem 'Echt-Raum' befände. Mit Steuerungsgeräten in den Händen bewegt man sich durch Landschaften, Straßenschluchten, Wohlfühl-Welten, Kampfzonen, die beim VR-Brillenträger unterschiedlich heftige Reaktionen hervorrufen: erhöhten Puls- und Herzschlag, Angst, Erregung, Glück, Panik… 'Erlebnis pur'. Technisch-raffiniertes Spiel und reale Wirklichkeit fließen zusammen, kaum noch unterscheidbar. Nach dem Abnehmen der Brille braucht's ein paar Minuten, bis die Testperson wieder sicheren Boden unter den Füßen spürt…

Was ist Wirklichkeit, was Einbildung oder Spiel? Wo sind die Grenzen, wo bleibt die Unterscheidung, wo beginnt die Manipulation? fragt ein technik-konservativer Zeitgenosse wie ich. In Medizin und Psychologie wird intensiv erforscht, welchen therapeutischen Nutzen die 'Empathie-Maschine' haben könnte. Eine Magersüchtige etwa könnte ihren Körper mal als normalgewichtig erfahren, so die Hypothese. Könnten Vorurteile gegenüber Fremden und Flüchtlingen vermindert werden, wenn ich mich mittels der VR-Brille in ein Flüchtlingscamp in Jordanien versetzt fühlte, fragt der Autor. Kann die Maschine empathische Fähigkeiten fördern, sogar erzeugen und damit die Welt besser machen?

Mir ist mulmig. Reale Erfahrungen durch virtuelle ersetzen; virtuelle Gebilde statt Begegnungs- und Erfahrungslernen unter Menschen aus Fleisch und Blut – da fehlen mir Phantasie und Zutrauen. Unzählige Menschen haben im Kontakt mit der real fremden Welt von Geflohenen und Emigrierten erfahren, was das heißt: weg müssen, alles verloren zu haben, verfolgt zu werden – und haben Empathie gelebt, ganz ohne VR-Brille. Viele haben mittlerweile auch manche rosarote Brille abgelegt; haben sich auf reale Schwierigkeiten und auf schwer Verständliches eingelassen: einfühlend, skeptisch, helfend, bisweilen auch ernüchtert.

In der Ostergeschichte kommt ein Mann vor, den ich besonders mag. Als 'ungläubig' wird der Jünger Thomas hartnäckig bezeichnet, weil er nicht einfach übernimmt, was andere ihm als Realität aufdrängen wollen. Er will mit eigenen sinnlichen Mitteln der Wahrheit über Jesus so nahe kommen wie möglich, buchstäblich 'empathisch'. Daß seine Sichtweise der Ergänzung bedarf, entdeckt er dann selber (Joh 20, 24-28). Später, so berichtet die Heiligen-Vita, begibt er sich in so fremde und ferne Welten wie kein anderer der Apostel.

Empathie – für mich bleibt sie ein Abenteuer, durch nichts zu ersetzen.             

Pastor Walter Bartels