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Heinrich Bedford-Strohm im Interview

Die Netzgemeinde ist kein echter Ersatz

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht über ein schwieriges Jahr 2018.
06.01.2019 ǀ München.  Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, spricht über das Jahr 2018, das auch für seine Kirche schwierig gewesen sei. Er erwartet, dass der Einfluss von Rechtspopulisten im neuen Jahr schwindet und ethische Fragen zum Werbeverbot für Abtreibungen verantwortlich entschieden werden. Die digitale Gemeinde biete durchaus Chancen, sagt Bedford- Strohm. Sie könne jedoch aus seiner Sicht immer nur eine Ergänzung und kein echter Ersatz sein.

2018 war ein Jahr des politischen Streits. Die Bundespolitik wurde vor allem im Sommer durch die Stänkereien der CSU und die Bayern- Wahl aufgeheizt. Erwarten Sie, dass jetzt Ruhe einkehrt?

Heinrich Bedford-Strohm: Das politische Klima hat sich schon beruhigt. Ich spüre in Bayern eine deutliche Veränderung: Die Demokraten stehen zusammen, die scharfen Töne haben abgenommen. In Deutschland und gerade im wirtschaftlich starken Bayern haben wir die Chance, ein ökologisches Wirtschaftsmodell zu entwickeln, das nicht auf der Zerstörung der Natur beruht. Das wird man uns in spätestens zehn Jahren förmlich aus den Händen reißen. Alle, die heute eine Transformation der Wirtschaft vorantreiben, handeln nicht nur entlang ethischer Grundorientierungen, sie sind auch besonders klug.

Was erwarten Sie für die Wahlen 2019? Werden die Rechtspopulisten an Zustimmung verlieren?

Das hoffe ich, und ich erwarte das auch. Gerade für die Europawahl im Mai wünsche ich mir entsprechende Ergebnisse. Derzeit zeigen viele Menschen, die für die Demokratie einstehen, deutlich Flagge. Jene, die aufpeitschen, ohne Lösungen anzubieten, sitzen jetzt auch in den Parlamenten. Da bricht manches von den großen Worten schnell zusammen, davon bin ich überzeugt.

Die Koalition will am Werbeverbot für Abtreibungen festhalten, den Paragrafen 219a aber so ergänzen, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und Ärztekammern neutral über Schwangerschaftsabbrüche informieren können. Ein guter Kompromiss?

Es gibt eine große Einigkeit darüber, dass es Werbung für einen Schwangerschaftsabbruch nicht geben darf. Eine Abtreibung ist eine rechtswidrige, unter bestimmten Bedingungen aber straffreie Handlung. Im Zentrum des ethischen Konflikts stehen die Not der Frau und das Leben eines werdenden Menschen. Einfache Antworten auf diesen Konflikt sind nicht tragfähig. Frauen muss in dieser Situation geholfen, sie müssen gut beraten werden. Und nach ihrer Entscheidung müssen sie begleitet werden, egal wie die Entscheidung lautet. Und deswegen müssen auch medizinische Informationen über einen Schwangerschaftsabbruch möglich sein.

Die evangelische Kirche hat in den vergangenen Monaten intensiv über Wege zur Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt debattiert. Vor wenigen Tagen traf sich der Rat mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Wie ist der Stand?

Ich sehe überall in der evangelischen Kirche eine große Bereitschaft, schonungslos hinzusehen und aufzuklären. Wir wollen das sehr gründlich machen. Von einer Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung können alle nur profitieren: bei der Aufarbeitung der Fälle, beim Aufruf an alle Menschen, sich zu melden, wenn sie solche Erfahrungen gemacht haben, und bei der Prävention.

Wie arbeiten Sie denn in Zukunft mit Herrn Rörig zusammen?

Wir haben darum gebeten, dass für die Aufarbeitung gemeinsam mit den Betroffenen klare Leitlinien entwickelt werden. Für alle gesellschaftlichen Organisationen muss es genau definierte Maßstäbe bei der Aufarbeitung geben. Das Grundproblem betrifft alle Bereiche, in denen es Jugendarbeit gibt, wenn auch die Gefahrenquellen unterschiedlich sind. Wir wollen uns gerne helfen und beraten lassen. Deswegen wollen wir unsere Zusammenarbeit verstärken.

Wo liegen die spezifischen Gefahrenquellen in der evangelischen Kirche Ihrer Meinung nach?

Es muss beispielsweise untersucht werden, ob die partnerschaftliche Kultur in der evangelischen Kirche mit flachen Hierarchien einer der Faktoren gewesen ist, die sexualisierte Gewalt begünstigt haben. Sie kann als Einfallstor missbraucht werden, unter dem Anschein von menschlicher Nähe Grenzen zu verletzen.

Wie wollen Sie Betroffene an der Aufarbeitung stärker beteiligen und dann in einem weiteren Schritt auch entschädigen?

Das Wort „Entschädigung“ würde ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Für das geschehene Leid kann niemand „entschädigt“ werden. „Anerkennungsleistungen“ oder „Unterstützungsleistungen“ sind da passendere Begriffe. Auch das sind Themen, über die wir noch genauer mit dem Unabhängigen Beauftragten sprechen werden.

Auf der Jahrestagung der EKD-Synode im November wurde nicht nur über die Reaktion auf Fälle sexualisierter Gewalt beraten. Auch das Thema Digitalisierung stand auf der Agenda. Kann es Ihrer Meinung nach eine Gemeinde geben, die nur im digitalen Raum existiert?

Eine Netzgemeinde kann eine Gemeinde, in der man sich von Angesicht zu Angesicht begegnen kann, niemals ersetzen. Aber ich schließe nicht aus, dass über einen Austausch im Netz ein Gemeinschaftsgefühl entstehen kann. Trotzdem wäre ich da zurückhaltend. Für mich ist die digitale Gemeinschaft immer nur komplementär zu einer anfassbaren Gemeinschaft.

Können Sie sich ein digitales Abendmahl vorstellen?

Das fällt mir schwer. Aber wir sollten natürlich offen sein und auf die Kraft des Heiligen Geistes vertrauen. Wer weiß, ob der Heilige Geist nicht auch über die digitalen Kanäle seine frohe Botschaft zu den Menschen bringt.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 01/2019

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