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Kirchenmusik

Organisten im Weihnachtsstress - "O du fröhliche" gehört zum Heiligabend dazu

Von Thomas Morell

Die Orgel im Greifswalder Dom
21.12.2013 ǀ Hamburg.  Zwölf Kilometer liegen zwischen den Orgeln in Wesselburen und in Büsum. Der Dithmarscher Kantor Gunnar Sundebo muss an Heiligabend zwischen beiden Kirchen pendeln und wird die Strecke vier Mal zurücklegen. Für jeden der vier Gottesdienste hat er ein anderes musikalisches Programm - nur "O du fröhliche" wird am Ende immer gesungen.

Rund 300 hauptamtliche und mehr als 900 nebenamtliche Organisten der Nordkirche spielen an Heiligabend zwischen Rügen, Hamburg und Sylt. Ohne die Nebenamtlichen wäre es am 24. Dezember vor allem in den Dorfkirchen sehr viel stiller. Sie kommen aus ganz verschiedenen Berufen. "Vom Bäckermeister bis zum Professor ist alles dabei", sagt Landeskirchenmusikdirektor Hans-Jürgen Wulf (Hamburg).

So wie Pastoren nicht in jedem Jahr die gleiche Predigt halten, müssen sich auch Kantoren immer neu auf Heiligabend vorbereiten. Die Musik zum Beginn und zum Ende des Gottesdienstes wird neu ausgesucht. Für den Familiengottesdienst mit Kindern braucht es andere Musik als für die stillere Christnacht. Ein Lied wie "O du fröhliche" müsse er nicht mehr üben, sagt Sundebo. Aber das Zusammenspiel mit dem Chor sei immer wieder neu.

Rainer Schmitz, Regionalkantor in Hamburg-Harburg, musste bislang zwischen den Gottesdiensten mit dem Fahrrad den Berg nach Heimfeld zur St. Paulus-Kirche hochradeln. In diesem Jahr darf er drei Gottesdienst in seiner Stamm-Kirche in der Harburger City feiern. "Gerade zu Weihnachten möchte ich die Gemeinde mit schönen und auch ein bisschen extravaganten improvisierten Vorspielen zu den Liedern überraschen."

Musik, Predigt und biblische Texte sollten sich aufeinander beziehen. Dafür müssten sich Pastor und Kantor vorher absprechen. "Die Gottesdienstbesucher spüren das auch", sagt Wulf. Die Orgel sei eben mehr als nur Begleitung. "Musik ist Teil der biblischen Verkündigung."

Pastor Tilman Reinecke: "Im Allgemeinen singe ich a capella"

Ina Altripp ist Kantorin in Grimmen in Vorpommern. Um 10 Uhr beginnt ihr erster Gottesdienst, um 23 Uhr endet der letzte. Und weil es so weit zu ihrer Wohnung ist, bleibt sie gleich in der Kirche. "Gerade an Weihnachten muss die Familie immer mit ran", sagt sie. "Ich bin froh, wenn mein Sohn mich mit der Geige oder Flöte begleitet."

Statistisch müssen in Mecklenburg-Vorpommern zwei hauptamtliche Organisten ein Gemeindegebiet versorgen, das die Größe von ganz Hamburg hat. Pastor Tilman Reinecke in Poseritz auf Rügen muss zwei seiner drei Christvespern ohne Orgelbegleitung feiern. Es gebe zwar einen kleinen Chor, aber der sei durch das Krippenspiel schon ausgelastet. Reinecke: "Im Allgemeinen singe ich a capella." Er könne dem Mangel auch Positives abgewinnen: So würde die Orgel nicht den Gesang übertönen.

Anders sieht an der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis mit ihren fünf Orgeln aus: Hier sind mit Christoph Schoener und Manuel Gera gleich zwei hauptamtliche Kirchenmusikdirektoren im Einsatz. Drei Gottesdienste macht jeder von ihnen. Erwartet werden mehr als 12.000 Besucher - eine mittlere Kleinstadt.

Während "O du fröhliche" unangefochtener Weihnachts-Hit ist, scheiden sich an "Stille Nacht" die Geister. Noch in den 80er Jahren war es in evangelischen Kirchen verpönt. Heute ist oft in der Christnacht zu hören. An diesem Lied zeige sich, wie eng sich Brauchtum und Religion vermischen können, sagt Landeskirchenmusikdirektor Wulf. Der Kantor sei zwar keine "Wunscherfüllungsmaschine", aber er sollte die Besucher auch nicht erziehen. Mit "Jingle Bells" sollte man die Gottesdienstbesucher jedoch verschonen. Wulf: "In der Kirche sollte klar erkennbar bleiben, wovon und für wen wir singen."
Quelle: epd