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Ein Witwer erzählt von seiner Trauerzeit – mitten im Alltag der anderen

Das Jahr, als meine Frau starb

Wie können wir Trauernden beistehen? Darüber nachzudenken, sei eine Chance für Kirche, meint der Autor.
24.11.2019 ǀ Schwerin.  Wie sollten andere sich verhalten, wenn ein trauernder Mensch unter ihnen ist? Ihm Hilfe anbieten? Ihn zum Mittagessen einladen? Ihn lieber gar nicht ansprechen? Johannes Martin* erzählt, was ihm nach dem Tod seiner Frau guttat – und was er schmerzlich vermisst hat.

Vor einem Jahr verstarb meine Ehefrau. Mit ihrem Tod brach für mich eine Welt zusammen. Die Hinterbliebenen, Ehepartner, Kinder, Geschwister, Eltern und enge Freundinnen sind nun gezwungen zu lernen, den Verlust auszuhalten und das Leben ohne die Verstorbene neu zu ordnen.

Uns steht zwar die Seelsorge in der Kirchengemeinde, in der Krankenhausseelsorge, bei der Telefonseelsorge oder in Trauergruppen offen. Inzwischen können wir sogar an einer Online-Trauertherapie teilnehmen. So wertvoll und wichtig diese Hilfen sein können, es bleiben viele Stunden im Alltag, in denen wir auf das Verständnis unseres Umfelds angewiesen sind.

Als klar wurde, dass medizinisch nichts mehr zu machen war und meine Frau sterben würde, kam sie auf die Palliativstation und dann ins Hospiz. In dieser Zeit erfuhren sie und wir großartigen Beistand durch die Kirche. Meine Frau sprach viel mit der Krankenhausseelsorgerin, und beide lachten und weinten gemeinsam. Der Krankenhausseelsorger kam ins Hospiz, hielt eine Andacht und half uns, ein Abschiedsgespräch zu führen, das ich allein nie hingekriegt hätte.

Am vorletzten Tag kam der Pastor und segnete meine Frau und uns ein letztes Mal vor ihrem Tod. Nach ihrem Tod feierten wir im Hospiz mit einer Pastorin aus der Familie die Aussegnung. Wir fanden Trost darin, dass wir meine Frau bis zum Schluss christlich begleiten durften.

Nach der Trauerfeier wandelte sich der Beistand. Es kamen auch einige Menschen zu mir und sagten, wenn ich was bräuchte, sollte ich ruhig anrufen. Für die meiten ging der Alltag schnell wieder los, während die Trauerzeit über mich einbrach. Für mich und die Menschen um mich herum fing eine schwierige Zeit an.

„Gottesdienste schmerzten“

Manche versuchen, ihre Trauer verborgen zu halten und allein zu bewältigen, aber das war mir nicht möglich. Menschen, denen ich begegnete, schienen häufig sehr unsicher, wie sie mit mir umgehen sollten. Unsere gemeinsame Unsicherheit und wohl auch die Angst, einfach zu fragen, führten manchmal dazu, dass ich mich völlig allein gelassen fühlte. Ostersonntag ging ich früh spazieren und begegnete zufällig einigen Menschen aus der Kirchengemeinde, die auf dem Weg zum gemeinsamen Osterfrühstück waren. Vielleicht wirkte ich abweisend, denn diese Personen wünschten lediglich einen guten Tag und gingen weiter ins Pfarrhaus. Dabei hatte ich auf eine spontane Einladung zum Frühstück gehofft und fiel in eine tiefe Verzweiflung, als mir aufging, dass ich Ostersonntag allein verbringen würde.

Nächstenliebe und Seelsorge gehören zu den Hauptaufgaben jeder Kirchengemeinde, und die Tür muss für Trauernde offen bleiben. Für die Kirchengemeinde stellt sich die Frage, wann und wie sie Trauernde begleitet und wann auf die speziellen Angebote des Kirchenkreises hingewiesen wird. In der akuten Trauerzeit erlebte ich, wie manche Pastoren das Gespräch mit mir suchten und andere Gesprächen aus dem Weg gingen. Wie viel Begleitung soll dem Pastor aufgetragen werden und wie können sich Ehrenamtliche einbringen?

Gottesdienste schmerzten, zu stark sind die Gefühle und zu wenig gelingt die Beherrschung. Welcher Raum kann für Trauernde im Gemeindeleben und im Gottesdienst geschaffen werden, damit diese sich nicht zurückziehen? Welche Möglichkeiten gibt es, Trauernde zu ermutigen und zu ermöglichen, dass sie wieder am Gemeindeleben teilnehmen? Wollen Gemeindeglieder, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskolleginnen, Freunde im Fußballverein oder die Kameraden in der Feuerwehr den Trauernden aktiv begleiten? Wenn ja, wie viel Zeit haben sie, wie viel können sie sich zumuten? Rufen sie abends an, laden sie auf einen Spaziergang oder zum Essen ein? Verstehen sie, dass der Trauernde gerade jetzt vielleicht nicht reden möchte, und wenden sich trotzdem das nächste Mal nicht ab?

Sterben, Tod und Trauer bieten gerade für Kirchengemeinden und Christenmenschen die Chance, sich auf das Wesentliche des christlichen Glaubens zu besinnen, den Umgang damit zu diskutieren, alte Formen wiederzuentdecken und neue zu finden. Wenn nicht in der Kirche, wo dann?

* Der Name wurde von der Redaktion geändert
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 47/2019

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