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Finanzen

Corona-Krise wirbelt Kirchenfinanzen durcheinander - Nordkirche setzt "Task Force Finanzen" ein

Von Franziska Hein

15.05.2020 ǀ Frankfurt a.M./Schwerin.  Die Kurzarbeit wirbelt auch die Kirchenfinanzen auf lange Sicht durcheinander: Denn das Kurzarbeitergeld ist steuerfrei. Evangelische Landeskirchen und katholische Bistümer rechnen mit einem Rückgang der Kirchensteuereinnahmen bis zu 25 Prozent.

Haushaltssperren, Einstellungsstopps und die Verschiebung von Bauprojekten aufs kommende Jahr - Bistümer und Landeskirchen stellen sich auf schwere finanzielle Einbußen infolge der Corona-Krise ein. Die katholischen Bistümer Mainz und Würzburg verhängten eine Haushaltssperre, größere Ausgaben müssen erst geprüft werden. Auch die Nordkirche rechnet mit einem erheblichen Minus und hat bereits eine "Task Force Finanzen" eingesetzt, sagte Kirchensprecher Stefan Döbler. Diese soll die finanzielle Lage der Landeskirche überprüfen und Handlungsempfehlungen entwickeln. Schätzungen oder belastbare Zahlen würden voraussichtlich erst im Sommer vorliegen.

Zu den Sofort-Maßnahmen der Nordkirche gehören Sperren für die Besetzung frei werdender Personalstellen und für Beförderungen in Leitung und Verwaltung. Auch bei der Haushaltsplanung 2021 werde man Restriktionen hinsichtlich der Besetzung landeskirchlicher Stellen und Investitionsvorhaben berücksichtigen, so der Sprecher.

Das Bistum Osnabrück verkündete Sparmaßnahmen, neue Bauvorhaben sollen bis auf weiteres aufgeschoben werden. Der Grund dafür sind fehlende Kirchensteuereinnahmen für dieses und das kommende Jahr durch den konjunkturellen Einbruch und Kurzarbeit. Denn Kurzarbeitergeld wird nicht besteuert.

Die Kirchensteuer ist die mit Abstand größte Einnahmequelle der Kirchen. Katholiken zahlten im Jahr 2018 knapp 6,5 Milliarden Euro an Kirchensteuern, bei den Protestanten waren es rund 5,8 Milliarden Euro. Sie ist direkt an die Einkommenssteuer gekoppelt. Die Höhe des Kirchensteuersatzes ist regional verschieden: In Bayern und Baden-Württemberg liegt er bei acht Prozent, in den übrigen Bundesländern bei neun Prozent der Lohn- oder Einkommenssteuer sowie der Kapitalertragsteuer.

Ausfälle entstehen den Kirchen nicht nur durch den Rückgang der Kirchensteuer. Auch fehlende Einnahmen aufgrund leerstehender Tagungshäuser und abgesagter Veranstaltungen, Verluste durch ausfallende Kollekten, weniger Mieteinnahmen sowie der Wegfall von Elternbeiträgen für Kindergärten und Schulen kommen hinzu.

Gut die Hälfte aller 27 katholischen Bistümer hat bereits Einsparungen angekündigt, auch in vielen der 20 evangelischen Landeskirchen beschäftigt man sich mit Nachtragshaushalten und Sparplänen. Allerdings lässt sich in der derzeitigen Lage schwer vorhersagen, wie groß der Ausfall bei der Kirchensteuer tatsächlich wird.

Die sieben bayerischen Bistümer und das Bistum Speyer rechnen jeweils mit Einnahmerückgängen bei der Kirchensteuer im zweistelligen Millionenbereich. In aktuellen Schätzungen geht die größte evangelische Landeskirche Hannover sogar von Einnahmeverlusten bis zu 105 Millionen Euro aus. Das wäre doppelt so viel wie in der Finanzkrise 2008/2009. Der leitende Geistliche der Evangelischen Kirche im Rheinland rechnet mit einem Minus von zehn bis 15 Prozent EKD-weit, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck etwa erwartet nach Aussagen ihres Vizepräsidenten einen Rückgang der Kirchensteuer zwischen zehn und 25 Prozent.

Doch die Angaben basieren auf Schätzungen. Weder die Bischofskonferenz noch die EKD legen öffentlich auf Anfrage konkrete Zahlen vor. Seriöse Zahlen ließen sich nicht nennen, sagte jüngst der der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Es werde aber ein "schmerzlicher Prozess", kündigte der Limburger Bischof an. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sprach davon, genau hinsehen zu müssen, was man noch finanzieren könne und was nicht.

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen rechnet mit einem Korridor zwischen 15 und 20 Prozent. Die Auswirkungen seien aber sehr unterschiedlich je nachdem, wie hoch der Ausfall wirklich wird. Zehn Prozent zu kompensieren, sei für die meisten Landeskirchen und Diözesen wohl kein Problem, 25 Prozent hingegen seien "ein Fiasko", sagte Raffelhüschen, der im vergangenen Jahr eine Studie über die Entwicklung der Mitgliederzahlen in der EKD und der Bischofskonferenz geleitet hatte. Vor allem finanzstarke Landeskirchen und Bistümer können die Verluste durch Rücklagen ausgleichen. Durch die gute Konjunktur lagen die Kirchensteuereinnahmen in den vergangenen Jahren auf einem hohen Niveau.

Die Entwicklung bei der Kirchensteuer könne sogar noch progressiver ausfallen als die allgemeinen Steuerprognosen, sagt Raffelhüschen. Diejenigen, die viel Kirchensteuer zahlten, seien oft Menschen mit einem Einkommen aus selbstständiger Arbeit. Da schlage ein Einbruch besonders zu Buche. Jeder Tag, an dem die Beschränkungen infolge der Corona-Pandemie weiter gelten, könne sich beim Steueraufkommen erst in Wochen auswirken, sagte der Finanzexperte. Er rechnet damit, dass der Wachstumseinbruch noch bis ins kommende Jahr anhält.

Nach Veröffentlichung der Steuerprognose von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am Donnerstag werden die Finanzabteilungen der Kirchen anfangen zu rechnen. Genauere Zahlen werden vermutlich erst im Juli vorliegen.
Quelle: epd

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