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Momentaufnahmen aus dem Kurs. Fotos: R. Neumann






Mit clowneskem Blick die Wirklichkeit wahrnehmen

 

Karlshagen (rn). Die Standesabzeichen hingen um den Hals, saßen auf dem Kinn oder standen, gehalten von einem dünnen Gummiband, auf dem Kopf. Dann zogen alle die rote Plastiknase ins Gesicht – und 15 Clowngestalten waren geboren.

 

Wenig später entwickeln sich aus der Clowngruppe die einzelnen Gestalten. Eine Frau mit großem Koffer geht eilig und forsch, eine andere watschelt durch die Karlshagener Kirche und die „Concierge“ geht mit aufmerksamen Augen durch den Raum – schließlich will sie alles wissen. Es sind die Teilnehmenden der Fortbildung für Menschen, die das clowneske Stolpern für ihre Arbeit entdecken wollen: „Clownerie in Kirchen und Gemeinde“. In ihren neuen Rollen ist alles etwas anders: der Blick, der Gang, die Haltung, die Gesten. Die eigene Persönlichkeit erfährt mithilfe der roten Nase ein großes Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten.

 

Genau dies ist auch eines der Ziele des mehrteiligen Kurses, den das Theologisch- Pädagogische Institut (TPI) in Greifswald ausgeschrieben hatte. Die Teilnehmenden kommen zu je einem Drittel aus Pommern, Mecklenburg und anderen Landeskirchen und das Alter reicht von 30 bis 75 Jahren. Sie arbeiten im Pfarramt, in der Schule, in der Altenpflege oder im Kindergarten.

 

Eva Stattaus, Leiterin des TPI sagte, daß „wir seit Jahren mit Strukturen beschäftigt sind. Wir werden immer entkräfteter und durch diese stark persönlichkeitsorientierte Fortbildung wird soziale Kompetenz und das kreative Potential bei den Teilnehmenden entwickelt.“

 

Und dann treten die Clowns auf und auch die Clowninnen haben ihren Auftritt. Ein Mann mit dickem Bauch tritt in die Mitte. Er, der Taxifahrer und sie, die Concierge fahren in einem Auto. Bald geht es links scharf um die Kurve, bald rechts. Seitenblick und unverblümter Blick ins Publikum – ein unmöglicher Fahrgast! Womöglich fängt sie gleich noch an und putzt die Scheiben von innen! Auch strömt von ihr nicht gerade ein guter Körperduft aus! Hier kommen einfache Menschen in ihrem Alltag zum Zug, mit Kurven und Hindernissen. Mit der typischen clownesken Übertreibung, dem kleinen Überschuss an Witz erscheint alles lustig und allzu-menschlich zugleich.

 

„Darin gleicht das Clownspiel den biblischen Geschichten“, sagt die Leiterin des Kurses Dr. Gisela Matthiae. Und sie erzählt ein Beispiel: „Jona ist eigentlich wie ein pubertierender Junge. Er hat eine Null-Bock-Mentalität und gerade er wird zum Vorbild und bringt eine ganze Stadt zur Umkehr, das steht schon quer zur normalen Erfahrung“ meint sie. Biblische Helden sind oft komische Helden und Gottes Geschichten mit uns Menschen stehen oft quer zu unseren Alltagserfahrungen. Die Unbedeutenden gewinnen an Wichtigkeit. „Clowns finden ungewöhnliche Lösungen für jede Situation und verlieren bei allem nie die Hoffnung“, so die Theologin und Clownin aus Gelnhausen.

 

Jeder Fortbildungstag beginnt mit den Aufzeichnungen im Lerntagebuch und mit einer Andacht. So wird das Persönliche und das Biblische zu Beginn des Tages miteinander verbunden. Dann folgen Bewegungsübungen, damit die Rolle in den Körper schlüpft. Übungsspiele und Rollenentwicklung im szenischen Spiel schließen sich an.

Am Ende der Fortbildung im Februar 2009 steht die Erarbeitung eines eigenen Stückes, das die Teilnehmenden in ihrem jeweiligen Berufsfeld aufführen.

 

Und dann spielen die Clowns wieder. Da ist eine in einen Hundehaufen getreten und drei andere sehen zu. Sehen die Peinlichkeit, sind froh, daß es ihnen nicht passiert ist und warten ab, wie sie die Situation löst. In den Blicken Distanz, Schadenfreude, Spott. Ob sich das bald in Mitleid oder wirkliche Hilfe wandelt?

 

„Auch diese Spannung ist biblisch“, so Gisela Matthiae. „Biblische Geschichten handeln vom Scheitern, von Schwächen, von Rettung und Erlösung.“ Darin kommt Gott den Menschen ganz nahe. Denn „die zentrale Verrücktheit unseres christlichen Glaubens ist die Tatsache, dass Gott Mensch wurde. Absurd eigentlich, und anstössig. Das bringt den Himmel auf die Erde. Und Clowns spielen genau an dieser Grenze zwischen dem (Allzu-) Menschlichen und dem Göttlichen.“

 

Und nach den szenischen Darstellungen nehmen sie die roten Nasen ab. Der Blick verwandelt sich, aber der Gang bleibt noch etwas. Umschalten in die Alltagsperspektive - das braucht Zeit. Gerade dies ist eine Chance, denn nach dem Clownspiel ist die Wahrnehmung verändert, sagt Eva Stattaus, ein bisschen menschlicher und ein bisschen göttlicher eben.

Rainer Neumann

(8.9.2008)

 








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