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Altersgrenze beim Abendmahl

Christi Leib, für Kinder gegeben?

Von Sybille Marx

Wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums: Kinder nehmen am Abendmahl teil, trinken aus dem Kelch, essen die Oblate – hier in einer Kirche in Knesebeck, Niedersachsen.
10.02.2019 ǀ Altentreptow/Steinhagen/Klatzow.  In Klatzow, Steinhagen, Greifswald und vielen mecklenburgischen Gemeinden ist es längst üblich, in Altentreptow zögern Kirchenälteste noch: Sollten Kinder schon vor der Konfirmation am Abendmahl teillnehmen?

Der berühmte Kirchenvater Augustinus fand es selbstverständlich, dass Kinder am „Tisch des Herrn“ Brot und Wein bekommen – genauso wie erwachsene Christen. „Es sind Kinder, aber sie werden zu Gliedern von ihm“, schreibt er im 4. Jahrhundert. „Es sind Kinder, aber sie empfangen seine Sakramente. Es sind Kinder, aber sie werden zu seinen Tischgenossen, damit sie das Leben haben.“

Heute, 17 Jahrhunderte später und gut 1700 Kilometer weiter nördlich, ist die Lage komplizierter – in der Gemeinde Altentreptow zum Beispiel, zu der auch Elisabeth Prinzler gehört. Fünf Kinder zwischen ein und zehn Jahren hat die Kantorin. Wann immer sie in ihrer alten Heimat Sachsen den Gottesdienst besucht, erlebt sie: Ihre Kinder werden dort eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen. „Und die lieben das“, sagt sie. Abendmahl sei für sie etwas Besonderes.

Erst Konfirmation, dann Abendmahl

Doch in Altentreptow gilt wie in vielen pommerschen Gemeinden noch die Regel: erst Konfirmation, dann Abendmahl. Die Kinder müssten ja verstehen, was in dem Sakrament geschieht, heißt es. Eine Auffassung, die bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht und erst seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in der evangelischen Kirche wieder hinterfragt wird.

Immerhin, einen Segen am Abendmahlstisch können die Kinder in Altentreptow von Pastor Michael Giebel bekommen. „Das wollen meine aber nicht“, sagt Elisabeth Prinzler. Sie spürten, dass das nicht dasselbe sei. Auch Giebels älteste Tochter, die früher in der Greifswalder Johannesgemeinde schon aus dem Kelch trinken und die Oblate essen durfte, reagiert so. Sie erlebe sich als ausgeschlossen, erzählt der Pastor. „Das gab anfangs lautstarken Protest.“

Natürlich: Jede Gemeinde hat ihre eigenen Traditionen, in Sachen Kinder- Abendmahl darf der Kirchengemeinderat entscheiden. „Mir geht es nicht darum, einfach etwas von Greifswald auf Altentreptow zu übertragen“, sagt Giebel. Und auch nicht darum, nur für seine und Prinzlers Kinder eine Lösung zu finden. Aber durch sie stelle sich die Frage: Wieso machen wir das eigentlich so? Und was suggerieren wir damit?

"Für beide Haltungen gibt es gute Argumente“

Im vergangenen Sommer lud Giebel Barbara Schlicht als Referentin für die Arbeit mit Kindern im pommerschen Kirchenkreis zu einem Abend mit den Kirchenältesten ein. Schlicht, die persönlich für die Öffnung des Abendmahls ist, zeigte auf, wie sich der Umgang mit dem Thema im Laufe der Jahrhunderte änderte. „Für beide Haltungen gibt es gute Argumente“, sagt sie diplomatisch.

„Der Vortrag war super“, findet Elisabeth Prinzler, doch die Skeptiker seien immer noch skeptisch. Der Altentreptower Kirchenälteste Axel Kurth etwa, der selbst vier Kinder hat, findet die Frage schwer zu entscheiden. „Es ist eben nicht irgendein Essen, sondern die Tischgemeinschaft mit dem Herrn.“ Bei Paulus im Korintherbrief stehe, dass man dieses Mahl „würdig“ einnehmen müsse. Aber ab welchem Alter könnten Kinder das? „Diese Linie finde ich schwer zu ziehen“, sagt Kurth.

Noch skeptischer ist der Kirchenälteste Gerd Habeck in der Gemeinde Klatzow, die ebenfalls zu Giebels Bereich gehört. „Im Abendmahl nehmen wir Christi Blut in uns auf“, sagt er. Wer das nicht in würdiger Haltung tue, könne laut Paulus sogar krank werden oder sterben. Möglicherweise bringe man die Kinder beim Abendmahl also in Gefahr.

"Keine theologische Begründung"

Dass in Klatzow schon seit mehr als 15 Jahren Kinder am Abendmahl teilnehmen, hat für Habeck nichts verändert. Die heutige Pröpstin Helga Ruch hatte damals als Gemeindepastorin mit dem Kirchengemeinderat auf Bitten eines Achtjährigen beraten, erzählt sie. „Uns wurde deutlich, dass es keine theologische Begründung dafür gibt, Kinder vom Abendmahl auszuschließen.“ Bei den Paulusversen gehe es ja nicht um Alter oder Verstand, „sondern um das hartherzige Verhalten einiger Reicher gegenüber den Armen“. Und immer wieder beobachte sie seitdem, dass Kinder das Abendmahl ganz besonders ehrfürchtig einnähmen.

Pastorin Ines Dobbe aus Steinhagen nahe Stralsund findet die Beteiligung von Kindern am Abendmahl selbstverständlich, den Ausschluss anmaßend und abweisend. „Wir laden Kinder auch nicht zu einem Fest ein und sagen, von der Torte dürft ihr nicht essen.“ Bald nach ihrem Dienstantritt 2006 brachte sie das Thema in den Kirchengemeinderat ein. „Die Resonanz war positiv.“ Allen habe eingeleuchtet, dass die Frage des Verstandes nicht ausschlaggebend sein könne für das Abendmahl. „Was wäre sonst mit geistig Behinderten?“

Mehrmals im Jahr finden in Steinhagen also Familiengottesdienste statt, bei denen alle zum Abendmahl eingeladen sind. „Die Kinder machen dabei die Erfahrung, dass sie in der Kirche ernährt werden“, sagt Ines Dobbe. Symbolisch wie real. Diese Erfahrung stärke sie fürs Leben.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 06/2019

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