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Wort zum Osterfest 2019

Bischof von Maltzahn: Hoffnung – aus Erschütterung

Bischof Dr. Andreas v. Maltzahn
20.04.2019 ǀ Schwerin.  Die Bilder der brennenden Kathedrale Notre-Dame haben nicht nur in Frankreich viele Menschen tief bewegt. Auch mir ist es so ergangen. Erleichterung dann, als klar wurde: Kein Anschlag wie damals in New York!

Woher dennoch diese Erschütterung, fragte ich mich, auch unter Menschen, die sich nicht als gläubig verstehen? Ist es das Gespür: Selbst wenn ich vielleicht nichts mit der Idee eines Gottes anfangen kann – wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht selber schaffen können, von Herkunft, aus unserem Geprägtsein? Diese Kathedrale – ein Symbol dafür. Vielleicht auch Symbol für das unsichtbare Fundament einer ganzen Gesellschaft – und unverhofft steht die Verlässlichkeit dieses Fundaments radikal in Frage? Pascal Mercier schreibt in seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“:

„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer… Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.“

Man muss kein Christ sein, um so zu empfinden. So erstaunt es nicht, dass angesichts der brennenden Kathedrale manche die Hoffnung aussprachen, diese Katastrophe könne die französische Gesellschaft zur Besinnung und zu neuem Miteinander führen. Die ersten Anzeichen sind ermutigend: Notre-Dame soll auferstehen. Die Spendenbereitschaft ist enorm. Menschen unterschiedlichster Religion und Weltanschauung zeigen sich solidarisch.

Ostern erinnert uns an den Hoffnungs-Grund unseres Lebens: Tod und Zerstörung behalten nicht die Oberhand. Die Quelle allen Lebens – Gott selbst – steht dafür ein. Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist Symbol dafür. Das heißt zugleich: Wo wir Schönheit und Stille, Geist und Poesie Raum geben in unserem Leben, finden wir zu einer Achtsamkeit, die einander fremde Menschen spüren lässt, wie viel sie untereinander verbindet. Wo Menschen guten Willens zusammenstehen, können sie jede Herausforderung meistern – auch die Not jener zu wenden, die kaum noch Aufmerksamkeit erregt. Und nicht zuletzt: Wo wir nach dem tragenden Grund unseres Lebens fragen, können wir Gott als Geheimnis der Welt neu entdecken.

Manchmal braucht es Erschütterung unserer Fundamente, damit wir wach werden – und zur Hoffnung finden, die trägt.

Dr. Andreas v. Maltzahn
Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche (Schwerin)


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