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Gespräch mit Bischof Dr. Abromeit zu Johannes Bugenhagen

„Ein unglaublich guter Organisator mit großem Gottesvertrauen“

Bischof Abromeit beim ersten Bugenhagenwettbewerb im April 2014 in Greifswald
04.08.2014 ǀ Greifswald.  Unter dem Beinamen „Dr. Pomeranus“ hat Bugenhagen die Reformation im norddeutschen Raum entschieden vorangebracht und ihr in Kirchenordnungen wie der von Hamburg, Lübeck, Pommern und Dänemark eine konkrete und alltagstaugliche Gestalt verliehen. Seinem Freund Martin Luther stand er als Beichtvater zur Seite, traute ihn, taufte dessen Kinder und hielt die Grabrede. Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit hält in diesem Sommer in verschiedenen pommerschen Kirchengemeinden Vorträge über Johannes Bugenhage.

Ihre Sommer-Vortragsreihe steht unter dem Titel „Johannes Bugenhagen. Ein Pommer zieht die Fäden in Kirche und Politik“. War Bugenhagen eher ein Theologe oder ein Diplomat?

Bischof Abromeit: Bugenhagens größtes Verdienst ist die Erarbeitung einer großen Zahl von Kirchenordnungen. Diese werden allerdings heute in ihrer politischen Bedeutung weit unterschätzt. Es waren eher Staatsgesetze mit Verfassungsrang. Bugenhagen regelte für die betroffenen Territorien neben den Kirchenfragen gleich noch die Schulgesetzgebung und die Armenfürsorge. Übrigens so vorbildlich, dass seine Regelungen teilweise bis ins 19. Jahrhundert Bestand hatten. Er war der Reformator vieler norddeutscher Städte und Fürstentümer: Neben Pommern gab er Hamburg, Lübeck und Schleswig-Holstein eigene Kirchenordnungen. Mit Ausnahme von Mecklenburg ist er damit der Reformator der Nordkirche.

Schließlich führte er Dänemark und Norwegen der lutherischen Reformation zu und krönte gleich noch den neuen dänischen König und die Königin. Ohne ihn sähe das Gesicht Norddeutschlands und Nordeuropas anders aus. Bei alldem war und blieb er Theologe: Seelsorger, Prediger, Lehrer und Bibelausleger.

Welche Talente brachte er mit, um erfolgreich im Hintergrund die Fäden zu ziehen?  Worauf basierten seine Unbefangenheit und Selbstsicherheit im Umgang mit Fürsten und Königen?

Bischof Abromeit: Er war ein unglaublich guter Organisator. Man vertraute ihm. Er seinerseits hatte ein großes Gottvertrauen. Das stärkte sein Selbstbewusstsein.

Die Zeit der Reformation war eine Zeit der Auseinandersetzungen. Wie ging Johannes Bugenhagen mit Konflikten um? 

Bischof Abromeit: In den innerevangelischen Streitigkeiten stand Bugenhagen loyal an der Seite Martin Luthers, war allerdings eine Spur versöhnlicher. Seine Argumente auf der politischen Bühne bezog er aus dem Evangelium. Ein Beispiel: 1535 bekommt er bei einem Aufenthalt in Ueckermünde mit, dass der pommersche Herzog Philipp drei Aufrührer hinrichten lassen will. Er tritt vor ihn hin und erinnert ihn daran, dass selbst er als Herzog vor Gott ein Sünder ist und nur aus Gottes Gnade lebe. Darum solle er auch diese Aufrührer begnadigen. Und tatsächlich: Der Herzog wandelt die Strafe in eine Geldbuße um.

Welche wesentlichen Errungenschaften, die für uns heute selbstverständlich sind, verdanken wir im Norden Johannes Bugenhagen?

Bischof Abromeit: Wir sind evangelisch, unsere Kinder unterliegen der Schulpflicht – und zwar auch die Mädchen, worauf Bugenhagen Wert legte. Wir halten es für selbstverständlich, dass es für Notleidende eine allgemeine Sozialhilfe gibt. Alles das hat Bugenhagen uns gebracht.

Woran könnte es liegen, dass Johannes Bugenhagen – im Gegensatz zu seinem Weggefährten Martin Luther – weitgehend in Vergessenheit geraten ist?

Bischof Abromeit: Vielleicht fehlte ihm etwas von dem, was man heute gerne als Charisma bezeichnet: das Besondere, das Einmalige, vielleicht auch etwas von der Genialität Martin Luthers. Er war der gewissenhafte Arbeiter und Umsetzer von Ideen, die andere hatten, im Wesentlichen Luther und Melanchthon. Aber die Reformation konnte nur erfolgreich sein, weil es Menschen wie Bugenhagen gab. Und man kann vermuten, dass auch Luther nur so erfolgreich sein konnte, weil er einen Seelsorger hatte wie Johannes Bugenhagen. Ein Zitat: „Pomeranus hat mich oft getröstet“.

Was finden Sie an Johannes Bugenhagen am faszinierendsten? Kann er für uns heute Vorbild im Glauben und für ein Leben in der Nachfolge Christi sein?

Bischof Abromeit: Die Bereitschaft, im fortgeschrittenen Alter seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Bugenhagen war bereits 17 Jahre Schulleiter einer deutschlandweit bekannten Lateinschule, als er mit Luthers Schriften in Berührung kam. Er erkannte, dass Luther die Fehler der Kirche seiner Zeit richtig benannte, gab seine geachtete Stellung auf und ging nach Wittenberg, um als Schüler Martin Luthers neu anzufangen. Ohne diese Bereitschaft, neu anzufangen, ist sein Lebenswerk undenkbar. In diesem Sinne kann er uns Vorbild sein. Wenn Jesus Christus ruft, ist es geboten, alles andere hinter sich zu lassen.

Die Vortragsreihe zu Johannes Bugenhagen geht im August mit folgenden Terminen weiter:
  • 11. August, 19 Uhr, Leopoldshagen/Mönkebude
  • 13. August, 19 Uhr, Ahlbecker Kirche, Seebad Ahlbeck auf der Insel Usedom
  • 25. August, 19 Uhr, Barth, Evangelisches Gemeindehaus Papenstraße 3/4

Quelle: Bischofskanzlei Greifswald (ak)