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IHK Veranstaltung zu "Unternehmer in der Verantwortung 2018"

Bischof Abromeit: "Soziale Marktwirtschaft ist eine der größten Errungenschaften der Nachkriegspolitik"

Diskutierten im Schweriner Ludwig-Bölkow-Haus über sittliche und ökonomische Rahmenbedingungen des Wirtschaftslebens: (v.l.) IHK-Vizepräsident Matthias Belke, IHK-Präsident Hans Thon, Landtagsvizepräsidentin Beate Schlupp, Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit und Erzbischof Dr. Stefan Heße.
06.10.2017 ǀ Schwerin.  Der Greifswalder Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit hat sich am Freitag bei der Auftaktveranstaltung zu "Unternehmer in der Verantwortung 2018" der Industrie- und Handelskammer Schwerin für eine gesetzliche Regulierung von Wirtschaft und Kapitalmarkt ausgesprochen. Der Dieselskandal habe gezeigt, dass die Gier der Menschen "größer und perfider" sei, als er es vermutet habe.

Martin Luthers Thesen zum Handel und zum Finanzwesen seien 500 Jahre nach der Niederschrift aktueller denn je. „Wenn Luther über die Gier spricht, erscheint er mir sehr modern. In seiner Schrift sieht er die wirtschaftlichen Probleme seiner Zeit, die uns auch heute noch belasten. Luther kritisiert Monopole, Dumpings, illegale Absprachen, Spekulanten und das Problem, dass kleine Vergehen hart bestraft werden, während die ‚großen Fische‘ mit ihren Wirtschaftsverbrechen ungehindert davonkommen“, sagte Abromeit.

Rund 60 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nahmen an der IHK-Veranstaltung unter dem Titel „Der ehrbare Kaufmann und das christliche Menschenbild“ im Schweriner Ludwig-Bölkow-Haus teil. Es sprachen auch der Hamburger Erzbischof Dr. Stefan Heße, Hans Thon, Präsident der IHK zu Schwerin und die Vizepräsidentin des Landtags, Beate Schlupp (CDU).

Erzbischof Heße ermunterte Unternehmer, sich im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden anständig zu verhalten, ohne dabei allein gesetzliche Vorgaben zum Maßstab zu machen. „Anstand lebt von dem Bewusstsein, dass wir alle als Menschen die gleiche Würde haben – egal ob arm oder reich, jung oder alt, heimisch oder zugewandert“. Ohne ein Mindestmaß an Anstand könne die Gesellschaft nicht funktionieren, so Heße. Respekt lasse sich nicht einklagen und kein Gesetz erzwinge menschliche Wertschätzung und Anerkennung.

Bischof Abromeit: "Wirtschaft und Kapitalmarkt regulieren“

Martin Luther habe dem erstarkenden Handelswesen des 16. Jahrhunderts grundsätzlich positiv gegenüber gestanden, sagte Bischof Abromeit . Ebenso deutlich habe er allerdings die menschliche Gier als Sünde kritisiert. Der Bischof zitierte aus Luthers Schrift „Über Kaufhandlung und Wucher“: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der daran an niemanden gebunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten ausübst, soll es durch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, so dass du es ohne Schaden und Nachteile deines Nächsten ausübst.“

Abromeit folgerte: „Luther ist also getragen von einem positiven Menschenbild. Er traut dem Menschen zu, seine mächtige Gier durch Gesetz und Gewissen zu begrenzen.“ Allerdings bedürfe es dazu eines Staates, der sich deutlich positioniert: „Wir brauchen klare Gesetze und Richtlinien durch den Staat. Nur eine gerechte, konsequente und durchsetzungsstarke Politik kann für eine gute und menschenfreundliche Wirtschaft sorgen. Der Dieselskandal hat es in aller Deutlichkeit ans Tageslicht gebracht: Die Gier der Menschen in unserem Land ist größer und perfider, als ich es vermutet habe. Wir brauchen Gesetze und das sind heutzutage eben auch internationale Gesetze, die Wirtschaft und Kapitalmarkt regulieren.“

Der Zins macht den Menschen träge

Durchweg negativ dagegen sei Luthers Urteil über den Zins gewesen, erläuterte Bischof Abromeit: „Denn ist der Zins einmal da, werden die Fragen im Kopf wach: Wo kriege ich mehr für mein Geld? Wo ist der beste Zins, die beste Rendite? Damit verliert der Mensch den Menschen und auch Gott aus dem Blick. Das ist die eine Seite. Darüber hinaus macht der Zins den Menschen träge. Dabei ist der Mensch für Luther ein homo faber, ein fröhlich schaffender, schöpferisch-kreativer Geist. Luther sagt: ‚Denn der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen‘.“ Diese Hochschätzung des menschlichen Tuns nannte Bischof Abromeit einen „ungeheuer motivierenden Zug bei Luther“, der „ein positives und lebensbejahendes Menschenbild“ zum Ausdruck bringe.

Bischof Abromeit resümierte: „Ich halte die soziale Marktwirtschaft für eine der größten Errungenschaften der deutschen Nachkriegspolitik und sehe darin ganz das Anliegen Luthers, dass gerade auch die Schwächsten in der Gemeinschaft zu ihrem Recht kommen – ohne die Freiheit und den Schaffensdrang des Menschen abzuschnüren. Der Protestantismus steht an der Wiege der sozialen Marktwirtschaft, weil er die Verantwortung des Individuums ebenso anerkennt wie seine Schutzbedürftigkeit vor dem Mutwillen Anderer.“
Quelle: Bischofskanzlei Greifswald/Erzbischöfliches Amt Schwerin/epd/kmv