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Neujahrsbotschaft von Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit

Frisches Wasser aus der Quelle - Taufe anerkennen

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit
31.12.2017 ǀ Greifswald.  "Sola gratia": Das Wichtigste im Leben gibt's umsonst. Die Jahreslosung für 2018 schließt wunderbar an das Reformationsjubiläum an, das wir 2017 an so vielen Orten und auf so unterschiedliche Weise gefeiert haben: "Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst" (Offb 21,8).Seit Christi Kreuzestod haben alle Menschen Zugang zur Quelle des Lebens - allein aufgrund der Gnade Gottes. Dabei geht es nicht um ein Genussmittel, das unser Leben noch schöner oder glücklicher macht, sondern um das, was das Leben überhaupt ermöglicht. Auf dieser Grundlage können wir heute die Globalisierung mit ihren Licht- und Schattenseiten in den Blick nehmen: Nicht Egoismus und auch nicht der gerade wieder aufflammende Nationalismus nach Art des 19. Jahrhunderts ebnen den Weg zu den Quellen des Lebens. Wir leben in einer Zeit, in der die Welt enger zusammengerückt ist. Menschen sind aus Syrien, dem Irak, Iran und Afghanistan in den letzten Jahren zu uns geflüchtet. Selbstverständlich können nicht alle bei uns bleiben, viele nur so lange, bis in ihrer Heimat wieder stabile Verhältnisse eingekehrt sind.

Einige muslimische Geflüchtete haben sich in der letzten Zeit taufen lassen, sie sind zum Christentum konvertiert. Sie sind nach Deutschland gekommen und hatten den Eindruck, zum ersten Mal in ihrem Leben aus dieser Quelle lebendigen Wassers trinken zu können. Die meisten stammen aus dem Iran und Afghanistan, Ländern, in denen es in den letzten Jahren einerseits ein großes Interesse am Christentum gegeben hat und in denen anderseits der Religionswechsel vom Islam zum Christentum mit dem Tode bestraft wird. Schon in ihrer Heimat haben einige unter Lebensgefahr Verbindung zu christlichen Gemeinden gesucht. Andere haben bei uns über den Kontakt zu christlichen Helfern, einer Kirchengemeinde oder Tauf- und Glaubenskursen den christlichen Glauben kennengelernt und sich später taufen lassen. Für diese Konversionen finden Religionssoziologen, Kriminologen und Politiker viele Motive - etwa, Asylbewerber täten dies, um eine drohende Abschiebung zu verhindern. Dabei erkennen unsere Gerichte häufig eine Konversion zum Christentum nicht als Grund für eine Verfolgung im Herkunftsland an oder verlangen im Verfahren, den Glauben an Jesus Christus in einer Art Glaubenstest zu beweisen. Muslime, die sich taufen lassen, werden so unter Generalverdacht gestellt.

Liegt es nicht eher an denen, die den Glauben der neuen Christen beurteilen sollen, dass diese Gott nicht zutrauen, heute noch Leben zu verändern? Sind wir hier so sehr gesättigt, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, dass Menschen von der christlichen Friedensbotschaft so begeistert sind, dass sie ihr Leben umkrempeln? Dem Durstigen will Gott zu trinken geben, heißt es in der Losung. Gönnen wir es den Geflüchteten, außer dem Lebensnotwendigen hier auch noch die Quelle des Lebens selbst gefunden zu haben und freuen uns mit ihnen.

Richter, die sich zutrauen, den Glauben der neu Getauften zu beurteilen, geraten in Gefahr, die vom Grundgesetz gezogene Grenze zwischen Staat und Kirche zu verwischen. Nach dem Grundgesetz sind Fragen des Religionswechsels Gewissensentscheidungen und staatlicher Beurteilung entzogen. Es ist irritierend, wenn ein Richter die von einer Körperschaft des öffentlichen Rechts ausgestellte Taufurkunde nicht anerkennt. Hier sind die politischen Instanzen gefordert, Recht und Gesetz so eindeutig zu fassen, dass Richter keine Spielräume haben, die grundgesetzliche Unterscheidung von Kirche und Staat zu unterlaufen. Religionsfreiheit ist eine unaufgebbare Errungenschaft der freiheitlichen Demokratien. Als Christen sind wir dankbar, dass wir in Deutschland unseren christlichen Glauben ohne Einschränkungen leben und bekennen dürfen. 2018 werden wir viele Gelegenheiten haben, aus der "Quelle lebendigen Wassers" zu trinken. Wir brauchen es, um als Christen unseren Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten. Ich wünsche den Christinnen und Christen und allen Bürgerinnen und Bürgern Mecklenburg-Vorpommerns für das Jahr 2018 die notwendige Wegzehrung mit einem Schluck dieses lebendigen Wassers. Ich wünsche allen ein gesegnetes Jahr 2018!

Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern (Greifswald)