Nach oben

Reformationsempfang der Nordkirche in Stralsund mit rund 160 Gästen:

Bischof Abromeit: „Wir können und dürfen uns nicht aus der Politik heraushalten!“

31.10.2013 | Stralsund (ak). „Reformation Macht Politik“ – so lautete das Thema beim heutigen (31. Oktober) Jahresempfang des Nordkirchensprengels Mecklenburg und Pommern in Stralsund zum Reformationstag. Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Gerhard Ulrich, und der Präses der Nordkirchensynode, Dr. Andreas Tietze, begrüßten rund 160 Gäste aus den Bereichen Politik, Kultur und Medien, unter ihnen der Mecklenburg-Vorpommersche Ministerpräsident Erwin Sellering, Wirtschaftsminister Harry Glawe und Justizministerin Uta-Maria Kuder. Zum ersten Mal war auch der Berliner Erzbischof Reiner Maria Kardinal Woelki unter den Gästen.
 
In der Stralsunder Kirche St. Nikolai hielten zuvor die Bischöfe Andreas von Maltzahn (Schwerin) und Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald) eine Andacht. In Anspielung auf das Thema meinte Bischof Abromeit in seiner Ansprache: „Kirche macht Politik! Der Glaube zielt auf das ganze Leben. Und darum werden Christenmenschen immer auch Folgerungen ziehen, die im Bereich der Politik zu konkreten Forderungen führen. Wir können und dürfen uns nicht heraushalten!“ Zwar gebe es eine klare Aufgabentrennung: „Die Aufgabe der Kirche ist es, den Glauben zu verkünden. Die Aufgabe der Politik ist es, das Leben in unserem Staat so zu ordnen, dass Gerechtigkeit zum Zuge kommt.“ Doch müsse die Kirche auf „Gerechtigkeitslücken“ hinweisen. Aktuell sei das die Not der Flüchtlinge aus Afrika. Abromeit forderte in diesem Zusammenhang eine neue Flüchtlingspolitik: „Wir können nicht in einem Europa leben, an dessen südlichen, durch das Mittelmeer gezogenen Grenzen täglich Menschen ertrinken!“ Er erinnerte auch an das Schicksal der 1000 Arbeiter und ihrer Familien, deren Beschäftigung auf der Stralsunder Werft mit dem heutigen Tag ausgelaufen ist.
 
Nach der Andacht begrüßten Landesbischof Gerhard Ulrich und Synodenpräses Dr. Andreas Tietze die Gäste im Löwenschen Saal des Stralsunder Rathauses. Tietze betrachtete insbesondere die Schnittstelle zwischen Kirche und Politik: „In beiden Bereichen streben wir nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit und sind auf der Suche nach den besten Lösungen für Probleme. Wie verbunden dürfen und sollen diese beiden Sphären sein?“ Landesbischof Gerhard Ulrich betonte, dass Kirche und Staat zwei getrennte Bereiche seien – „zwei Reiche, wie die Reformatoren sagen“. Ulrich: „Aber auch das Reich der Welt, auch das ‚wirkliche Leben‘ ist für uns Christen kein Gottfreier Raum, sondern hat sich messen zu lassen daran, ob er ein den Menschen freundlicher Raum ist. Und Christenmenschen erheben ihre Stimme, mischen sich ein. Vor allem: sie gestalten mit in vielen Bereichen des Lebens der Menschen – in Kultur, Bildung, Diakonie. Wir sind dankbar, dass in der Landesregierung und weit darüber hinaus diese unsere Verantwortung nicht nur wahrgenommen, sondern auch begrüßt und unterstützt wird.“
 
Der Adressat dieses Danks, Ministerpräsident Erwin Sellering, hob umgekehrt das Engagement der Kirche als unverzichtbar für die Gesellschaft hervor: "Die Kirche steht für Zusammenhalt und Gemeinschaft in unserer Gesellschaft und lebt diese Werte in der täglichen Gemeindearbeit. Werte, die eine Gesellschaft tragen und auch bei der Vollendung der inneren Einheit Deutschlands eine zentrale Rolle spielen." Der Regierungschef brachte in seinem Grußwort auch seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die Landeshauptstadt Schwerin Sitz des Landesbischofs der Nordkirche geworden sei.
 
Den Festvortrag hatte Professorin Cornelia Richter von der Universität Bonn unter die Überschrift „Reformation und Politik. Christsein zwischen Staat und Kirche“ gestellt. Sie untersuchte zwei Ebenen: Einmal das Agieren in der „äußeren Welt“, also der Gesellschaft, und das „innere Leben“. „In dem inneren Leben geht es darum, eine Balance zu finden zwischen dem Politischen und dem eigenen Leben im Glauben“. Allerdings könne man scharfe Trennung zwischen dem Öffentlichen und Privaten vornehmen, „weil jeder Aspekt unseres privaten Lebens an das Politische gebunden ist, von der Geburt eines Kindes und dessen Status im Rechtssystem, bis zu den letzten Wochen und Tagen des Lebens in Krankenhäusern oder Hospizen und deren Zuständigkeiten wie Belastbarkeiten.“ Ihr Resümee: „Christlicher Glaube wirkt nie nur für sich im stillen Kämmerlein und kann nie lebensfern gelebt werden.