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Bildgeschichten

Heimat für Heimatlose“: Max Uecker schnitzte nach dem Krieg Ausstattungsstücke für die Dorfkirche von Elmenhorst

Max Lecker bei der Arbeit
Signatur Max Ueckers
Altar für Heimatlose
Kirche Elmenhorst
Werk Max Ueckers
Detail: Drache
Detail: Beterin
Blick zur Orgel
Der Bildschnitzer Max Uecker (1887-1978) hinterließ zahlreiche Werke in unserer Region. Geboren wurde der „Holzwurm“, wie man ihn später scherzhaft nannte, als 12. Kind einer Bauernfamilie 1887 in Anklam. Nach einer Lehre in der Kunstgewerbewerkstatt von Otto Matthey in Lassan arbeitete Max Uecker unter anderem im Grabsteingeschäft seines Schwagers in Straßburg, in der Swinemünder Firma Bartel, die heute in Heringsdorf angesiedelt ist und bei Bildhauer Gottschalk in Stargard.
Dort wurde der Kirchenmaler Franz Vögele auf ihn aufmerksam, mit dem zusammen er Bildungsreisen nach München und Österreich unternahm. Franz Vögele war es auch, der den Duisburger Gustav Hoffmann (1883-1974) nach Stargard holte, dessen fünfzigjährige Arbeit als Kirchenmaler das heutige farbige Erscheinungsbild vieler Kirchenräume und Ausstattungen in Pommern geprägt hat. Gemeinsam bewohnten die drei Freunde um 1910 in Stargard eine von ihnen „Malepartus“ genannte 7-Zimmer-Mansardenwohnung und arbeiteten bei der Restaurierung der Marienkirche mit. Bei der Wiedereinweihung der Stargarder Marienkirche nach Vollendung der Arbeiten am 30. August 1911 trat der Kaiser versehentlich dem Bildhauer auf den Fuß – nur eine der Anekdoten aus dem Leben des „Holzwurms“, deren Überlieferung seiner Tochter Linde zu danken ist.
Wie so viele mussten Max Uecker und Gustav Hoffmann 1945 ihre Heimat verlassen. Gustav Hoffmann sein Haus im Stettiner Villenvorort Finkenwalde, und Max Uecker floh mit dem Fahrrad, beladen mit seinem Werkzeug aus Treptow an der Rega, wo er neben seiner Schnitzarbeit eine Stelle als Zeichenlehrer an der Höheren Mädchenschule innegehabt hatte. In Greifswald trafen sie sich wieder, und weiter ging die Arbeit in den Kirchen. In den fünfziger Jahren kamen zahlreiche Restaurierungsaufträge.
Auch der Elmenhorster Pastor Martin Behrendt stammt aus Hinterpommern. 1899 in Pyritz geboren, amtierte er ab 1934 in Wisbuhr im Kreis Köslin. Die Fachwerkkirche dort wurde in den fünfziger Jahren abgerissen. (siehe Krystyna Maria Bastowska, Die verfallenen und zerstörten Kirchen der Wojewodschaft Köslin. in: Beiträge zur ostdeutschen Kirchengeschichte, 1999). Knapp 10 Jahre, von 1943 bis zu seiner „Republikflucht“ im Februar 1953, war Behrendt Pastor in Elmenhorst. 1947 holte Pastor Berendt Max Uecker ins Dorf und verschaffte ihm mehrere Aufträge für die Kirchen in Elmenhorst und Abtshagen.
Neben dem „Heimatkreuz“ schuf der Bildhauer die Decken- und Altarleuchter, eine Erntekrone, eine Tafel für den Gemeinderaum und einen heute schwebend über der Fünte angebrachten Deckel für den neu aufgestellten mächtigen mittelalterlichen Taufstein, der bis dahin in der Sakristei gelegen hatte. Die Metallarbeiten dafür übernahmen der seinerzeitige Kirchenälteste Schmiedemeister Schulz und dessen Schwiegersohn Müller. Einer der Altarleuchter ist mit einer tragischen Geschichte verbunden. Er wurde von einer Familie gestiftet, deren Tochter in der Nacht vor ihrem medizinischen Staatsexamen ums Leben gekommen war.
Von den beiden Leuchtern über dem Mittelgang zeigt einer mit der Jahreszahl 1948 den Kampf des Erzengels Michael gegen den Drachen. Gestiftet wurde dieser Leuchter von Pastor Behrendt. Als Motto wählte er aus dem 56. Psalm: „Ich habe dir, Gott, gelobt, dass ich dir danken will. Denn du hast mich vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen.“ (Psalm 56.13,14) Worauf spielt der Drachenkampf an? Der zweite Leuchter mit den betenden und dankenden Engeln ist eine Stiftung des damaligen Besitzers der Bürstenfabrik.
Unter dem Elmenhorster Kreuz steht in einer portalartigen Arkade „Heimat für Heimatlose“. Ein Mann und eine Frau mit einem Kind auf dem Arm nähern sich unter Dornen dieser Zuflucht. Der Mann in schwerem Mantel, den Tornister auf dem Rücken, am Gürtel ein Essgeschirr, in der Hand einen Wanderstab. Ikonographisch erinnert die Szene an die Flucht der Heiligen Familie, an Maria und Joseph. Ein großer Hund ist mit dabei, auf der anderen Seite sitzt eine Eule.
Laut einer von Pfarrer Jager später aufgeschriebenen Deutung verkörpert die Eule das Elend und Grauen, das hinter dem Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft liegt. Die Frau mit dem Kind auf dem Arm und der Hund stehen für Geborgenheit. Auf dem Rand des Lesepultes heißt es „Wir haben hier keine bleibende Statt“. Der Gekreuzigte darüber hat das schmerzerfüllte Antlitz zum Himmel erhoben.
Die Kirche bot Raum, das Leid der Heimatlosen, das in der DDR Tabuthema war, darzustellen.
© Detlef Witt 2006