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6.-16. Oktober 2016

Reisetagebuch Michigan, USA

Seit Dezember 1984 verbindet die Michigan Conference der United Church of Christ und die Pommersche Evangelische Kirche eine Kirchengemeinschaft, die jetzt im Rahmen der Nordkirche weiterlebt. Gemeinschaft aber braucht Begegnung. Deshalb besuchen (v.l.n.r.) Detlef Huckfeldt (Pastor in Tribsees), Grit Liebelt (Biochemiestudentin), Matthias Tuve (Ökumenepastor) und Conrad Witt (Theologiestudent) aus Pommern vom 6.-16. Oktober Michigan. Täglich berichten sie im Online-Tagebuch:

(Zum Vergrößern und lesen der Bildbeschreibungen bitte auf die Fotos klicken)

Tag 10

Letzter Tag: Wie die Farben des Regenbogens
Sonntag, 16. Oktober 2016

Grit Liebelt:
Heute war leider schon unser letzter Tag bei der UCC in Michigan. Für unsere letzte Nacht waren wir noch einmal bei unseren ersten Gastfamilien - den Martins und den Meabons - in Pinckney zu Gast. Einen besonderen Abschluss gab es in zwei parallel stattfindenden Gottesdiensten.

Matthias und Grit feierten mit Pastorin Marcia Meabon gemeinsam Gottesdienst in der Webster United Church of Christ. Diese ist die älteste durchgängig genutzte Kirche im Washtenaw County. Sie wurde im Jahr 1835 fertiggestellt. Kirchenchor und Kirchenmusik erinnern an Gottesdienste zu Hause. Besonders schön fand ich: Am Anfang hat ein Kind die Altarlichter entzündet. Und die Kinder werden nach vorn gerufen und hören eine Kindergeschichte, bevor sie in die Sonntagsschule gehen. Matthias hat gepredigt und ich habe die Lesung übernommen. Der Predigtext ist zu finden im 2. Timotheusbrief 3,14 – 4,5. Matthias beginnt seine Predigt mit einer Geschichte.

Es gab einen Vater, der hatte sieben Söhne, die ständig in Streit miteinander gerieten. Eines Tages rief er sie zu sich und sagte, dass derjenige, der ein Bündel mit sieben Zweigen zerbrechen könne, 100 Dollar bekäme. Niemand schaffte es, die Zweige können nur einzeln zerbrochen werden. Diese Geschichte lässt sich auf die Gesellschaft und die Kirche übertragen. Gemeinsam ist man stark und kann auch schwere Zeiten und auseinandergehende Meinungen überstehen. Matthias ruft uns dazu auf, niemals aufzugeben, egal wie schwer die Aufgaben sind, vor denen wir stehen. Am Ende des Gottesdienstes verteilen wir die letzten Notizblöcke und Landkarten. Bei Kaffee und Bananenbrot haben wir noch die Möglichkeit, Gespräche mit den Gemeindemitgliedern zu führen. Anschließend holen Conrad und Detlef uns von der Webster Church ab und wir können uns noch beim gemeinsamen Lunch vor der Abfahrt stärken.

Conrad Witt:
Detlef und ich waren beim Gottesdienst in der Community Congregational Church in Pinckney. Dort ist unsere Gastgeberin Lynn Martin Pastorin. Wir sind schon etwas früher dort um Kaffee zu trinken und die Menschen kennenzulernen. Lynn erzählt uns, dass sie sich in dieser Zeit mit vielen Gemeindegliedern unterhalten kann. Detlef ist heute der Gastprediger und wir werden herzlich begrüßt. Viele erzählen uns, dass sie Verwandte und Vorfahren aus Deutschland haben. Das ist gar nicht so selten, denn die zweitgrößte Einwanderergruppe sind die Deutschen gewesen. Detlef predigt das Gleichnis von der bittenden Witwe vor dem ungerechten Richter (Lukas 18,1-9). Er macht deutlich, dass ihm anhaltendes, permanentes Beten wichtig ist. In seiner Gemeinde in Tribsees hat er die Erfahrung gemacht, dass Beten oft ein Anfang sein kann für eine Veränderung. Er spricht davon, dass sich die Gemeinde durch stetiges Fürbitten für Geflüchtete auf die Ankunft der ersten Geflüchteten in Tribsees vorbereiten konnte. Es war der Anfang dafür, die neuen Mitbewohner willkommen heißen zu können. Er beschreibt dieses Gleichnis Jesu so, dass es manchmal nötig sei, auch „nervend“ für seine Forderungen aufzutreten.

Auch wenn wir gerne geblieben wären, müssen wir uns dann doch von denjenigen verabschieden, die wir kennengelernt haben und mit denen wir hoffentlich weiter an einer Partnerschaft mit Christus als Fundament arbeiten können.

Nachdem das Mietauto abgegeben ist und wir uns auf dem riesigen Flughafen zurechtgefunden haben, heißt es nochmal Abschied nehmen. Detlef bleibt noch für eine Woche Urlaub in den USA. Für Matthias, Grit und mich geht es zurück – über Amsterdam nach Deutschland. Nach knapp 16 Stunden sind wir dann zu Hause. Hoffentlich schlägt der Jetlag nicht allzu sehr zu!

Matthias Tuve:
Wir waren in einer Regenbogenkirche zu Gast. Die UCC liebt den Regenbogen. Denn er ist Zeichen für das, was die UCC erbittet und tut in aller Schwachheit und Kraft. That they may all be one - Auf dass sie alle eins seien (Joh. 17,21) – wie die Farben des Regenbogens. Auf der Fahrt vom annual meeting in Flint zu unserem letzten Abendesssen in Michigan entdecke und fotografiere ich das kleine Stück Regenbogen am Himmel inmitten vieler, teils düsterer Wolken. Und am nächsten Morgen in Webster höre ich am Ende des Gottesdienstes den Segen, mit dem dieser Bericht schließen soll:

Nun geh in die Welt in Frieden.
Hab Mut.
Bleibe bei dem, was gut ist.
Antworte niemandem auf Böses mit Bösem.
Ermutige die Zaghaften.
Unterstütze die Schwachen.
Hilf denen, die leiden.
Nimm jeden Menschen an.
Hab Ehrfurcht vor der Schöpfung.
Liebe den Herrn und diene ihm.
Freue Dich in der Kraft des Heiligen Geistes.
So möge die Liebe Gottes
und das Licht Christi
und die Kraft und Gemeinschaft dieses Geistes
mit uns allen sein.
Geh in Frieden.
Amen.

Tag 9

Gnadengeschichten aus dem Leben
Samstag, 15. Oktober 2016 | Von Matthias Tuve

Die ersten Minuten des neuen Tages sitzen wir noch beim Bier zusammen, das wir von weither geholt haben. Im Hotel Hilton bei Flint, wo wir zwischen den beiden Tagen des annual meetings schlafen, gibt es kein Restaurant. Am nächsten Morgen ist unsere Überraschung beim Frühstück groß. Pappbecher, Pappteller und Plastebesteck, anschließend in der Tonne zu versenken. Nur Detlef wundert sich nicht. Schließlich war er 13 Jahre Pastor in Pennsylvania/USA, bevor er nach Tribsees kam. 

Heute dürfen wir vier Gäste aus Germany einen workshop gestalten für eine Stunde. Im Programm steht, dass wir drei Dinge teilen sollen, nämlich fun, stories und songs. Also beginnen wir mit den Worten des Häuptlings Seattle, vertont in einem Kanon: „Jeder Teil dieser Erde“. Am Ende des workshops können wir ihn sogar mehrstimmig gestalten. Dann stellen wir uns alphabetisch nach unseren Vornamen sortiert im Kreis auf, danach alterssortiert. Die Jüngste (Grit) ist 20, die Älteste 87 Jahre alt. Und dann gibt es eine Aufstellung zur Frage, in welchem Buch der Bibel steht mein Lieblingstext. Von der Genesis bis zur Offenbarung. Ich suche mir Matthäus aus (Jesu letzte Worte: Ich bin bei Euch bis an das Ende der Welt) und bilde die Grenze zwischen Altem und Neuen Testament. Das macht viel Spaß, bevor die Suche nach den verschiedenen Nachbarn erfolgreich gelingt – Nachbarschaft nach Namen, nach Alter, nach Lieblingsbibelvers.

Danach stelle ich auf einer klitzekleinen Karte unser nächstes Kirchentagsmotto in Pommern vor: “Jetzt ist die Zeit der Gnade.“ Dazu von unserem display table (Tisch auf dem Markt der Möglichkeiten) den 800 Jahre alten Backstein aus Tribsees, das Sahnekännchen aus Südafrika, das Basecap aus Greifswald und das Teamer-T-Shirt aus Sassen. Vier „Einheimische“ aus Michigan erzählen spontan anhand eines dieser Objekte eine Gnadengeschichte aus ihrem Leben – und wir vier Pommern auch. Grit hat das Basecap von Greifswald. Für sie ist es eine Gnade, dass diese Stadt voller junger Menschen ist, die so viel bewegen können und auch in Gang bringen für eine offene Stadt, in der alle gut leben können.

Nach dem workshop bleibt Forrest Hoppe zurück. Er hat in den 90er Jahren öfter Gäste aus Greifswald beherbergt und fragt, was man außer Besucheraustausch noch tun könnte, um die Partnerschaft zu stärken. Einige Ideen sind ihm gekommen, die schreibt er auf. Ich bitte ihn, auch seine Erinnerungen an jene Zeit zu notieren, damit sie nicht verlorengehen.

Beim Mittagessen sitzen wir kurz mit Pastor Greg Larsen zusammen. Er koordiniert die Jugendarbeit, allerdings ehrenamtlich als Gemeindepastor und nicht mit einer eigenen Stelle. Grit und Conrad fragen ihn, ob es nicht eine schöne Idee wäre, auch mal mit pommerschen Jugendlichen nach Michigan zu kommen – oder mit jungen Leuten aus Michigan in die Nordkirche. Greg findet das gut, wenn es langfristig überlegt ist.

Zwischendurch sehe ich Deborah Kohler, die 2012 zum Gründungsfest der Nordkirche kam. Conrad Witt aber begegnet Akua Budu-Watkins. Sie erzählt ihm, dass ihr Ururgroßvater aus Deutschland kam. Den Vornamen weiß sie nicht mehr. Aber den Nachnamen: Witt! Ururgroßopa Witt hat damals eine Frau von den Cherokee geheiratet. Akua aber nennt nun Conrad ihren Cousin!
Am Nachmittag verschenken wir unsere Ausstellungsstücke. Conference Minister Dr. Campbell Lovett bekommt den 6,5 kg schweren Backstein, Manager Bob Heisler das Greifswald-Basecap und Liza Soulliere (beide aus dem head office der UCC Michigan) einen Playmobil-Luther.

Mit einem Gottesdienst schließt das annual meeting, das uns so viele Kontakte und interessante Einblicke in das Leben der UCC Michigan verschafft hat. Nun wartet nur noch der letzte Tag auf uns!

Tag 8

Annual Meeting in Michigan: Synode auf Amerikanisch
Freitag, 14. Oktober 2016 | Von Detlef Huckfeldt

Der Morgen in Lansing begann schon vor dem Aufstehen. Die Sonne war noch unten – der Sternenhimmel klar und hell von der frostglatten Terrasse zu bestaunen. Auf dem Program: der erste Tag des 2016 Annual Meetings der Michigan Conference of the United Church of Christ. Diese zweitägige mit unserer Synode vergleichbaren Veranstaltung findet einmal im Jahr statt. Dieses Jahr ist die Woodside Church in Flint der Gastgeber. Und so ist die Tagesordnung eine Mischung aus parlamentarischem Geschäft, Vorträgen und Gottesdiensten. Für viele Pastoren und Gemeindeglieder ist es auch eine Gelegenheit, sich zu treffen und sich auszutauschen. Unsere Rolle wird sein, die Partnerschaft zwischen unseren Kirchen bekannt zu machen.

Dafür hatten wir schon vor unserer Abfahrt einen Informationsstand vorbereitet: Fotos aus dem Pommerschen Kirchenkreises und von den anderen ökumenischen Partnern hatten wir mitgebracht, auf DIN A4 gedruckt und laminiert. Aus unbekanntem Grunde ist das schönste Foto von der Kreideküste Rügens nicht durch den Laminator gegangen. Zum Glück gab es gegenüber der Woodside Church die Bibliothek des Mott Community College, wo eine freundliche Mitarbeiterin, gern bereit war, zu helfen.

Neben dem Rügenfoto gab es Fotos vom Greifswalder Marktplatz, von der Tribseer St. Thomas Kirche und von Partnerschaftsbegegnungen mit Südafrika und Schweden. Zu jedem Bild ein passender Gegenstand: zum Ostseeküstenfoto etwas mitgebrachter Ostseestrandsand, zum Schwedenfoto ein Dalarnahest, zum Tribseer Kirchenbau ein klosterformatiger Backstein (vermutlich aus der frühgotischen Bauphase um 1380 mit barocken Kalkmörteltränen, die vermutlich der 1730er Bauphase zuzuordnen sind). Jedenfalls war Matthias Tuve froh, den Backstein aus dem Reisegepäck loszusein. Zum Sanddornfoto gab es Cracker mit Sanddornmarmelade (Pomm-Jam). Einige Nordkirchenwerbegeschenke konnten mit einem Landkartenrätsel gewonnen werden. (Find Europe on a world map! Find Germany on a Europe map! Find the Nordkirche on a Germany map! Find Pommern on a Nordkirchen map. Find Greifswald on the Pommern map!)

Viele Besucher haben uns angesprochen und sich über die Partnerschaft ihrer Kirche mit Pommern informiert. Das lag vielleicht auch daran, dass Matthias Tuve zu Beginn der Assembly ein Grußwort sprechen durfte und sich jeder von uns mit den Worten „Meet us at our display table. Attend our workshop!“ vorgestellt hat.

Den Hauptvortrag hielt The Rev. Dr. Jennifer Harvey von der Drake University, die sich mit ihrem jüngsten Buch „Dear White Christians“ einen Namen gemacht hat.  Darin erklärt sie, dass auch jahrelange Versuche der Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen, den latenten und offenen Rassismus in den USA nicht überwinden konnten. Sie erklärt die Beziehungen für gebrochen, also einen Zustand der repariert werden muss, zum Wort reparieren passt Reparation. Sie plädiert für einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte, auch der Geschichte derjenigen Kirchen, die sich schon immer für den Ausgleich zwischen Schwarz und Weiß eingesetzt haben.

Die Versammlung beschäftigte sich unter anderem mit dem Thema Trinkwasser. In Detroit wird von Armut betroffenen Menschen das Wasser abgestellt, wenn sie mit den monatlichen Raten in Verzug geraten. Das kann z.B. zur Konsequenz haben, dass dann das Jugendamt einschreitet und den Familien die Kinder entzieht.  In Flint haben Sparmaßnahmen der Bundesstaatlichen Regierung dazu geführt, dass verunreinigtes Wasser ins öffentliche Netzt eingespeist wurde, das zudem die alten Leitungen derart angegriffen hat, dass der Trinkwasserkonsum zu Bleivergiftungen geführt hat. Einige Menschen sind ernsthaft erkrankt. Auch Todesfälle sollen mit vergiftetem Wasser im Zusammenhang stehen. Viele Kirchen helfen, Wasserflaschen an ärmere Menschen zu verteilen.

Die Jahresrechnung des vergangenen Jahres und der Haushalt dieses Jahres wurden verabschiedet. Die Michigan Conference finanziert sich aus Zinserträgen und den Geldern, die die einzelnen Gemeinden ihr zuweist. Die Zahlungen der Gemeinden sind freiwillig und sind in den letzten Jahren rückläufig.

Im Gottesdienst hören wir eine wortgewaltige Predigt von The Rev. Deborah Conrad, die kein Thema ausließ. Still wurde es – aber auch nur für einen Moment – als sie feststellte, dass die Kirchen keine Steuern zahlen würden, und den politischen Gemeinden dadurch etwa 1 Millarde Dollar verloren gingen – und dann fragte, sind wir(die Kirche) das denn Wert? Die Gäste aus Pommern singen: Siahamba und mit dem Segen des Conference Minister Campbell Lovett geht es zum Dinner.  Dort werden wir gebeten „Vom Aufgang der Sonne“ zu singen – Wir hatten wohl am vorigen Sonntag in der Plymouth Church einen guten Eindruck hinterlassen.

Tag 7

Michigan State University und ein "Trumpkin"
Donnerstag, 13. Oktober 2016 | Von Grit Liebelt

Heute ist der erste Morgen, an dem wir selbst für unser Wohl verantwortlich sind. Für zwei Nächte sind wir zu Gast im „Parish House“, einer Art Ferienhaus der Michigan Conference United Church of Christ. Das Gebäude ist ein altes Farmhaus und ein großer Garten gehört zu dem Grundstück. Hier haben in drei Schlafzimmern 15 Leute Platz. Außerdem gibt es eine große Küche und Wohnzimmer, drei Bäder und einen Raum mit Waschmaschine und Trockner. Von dem Gelände führt ein Weg direkt zum Michigan Conference Office.

Nach dem Frühstück holen wir dort Campbell Lovett ab und starten in einen weiteren Tag voller neuer Erfahrungen. Der erste Weg geht zu dem Campus der Michigan State University. Hier sind etwa 50.000 Studenten eingeschrieben. Der Campus ist 2x2 Meilen groß und wirkt in sich wie eine eigene Stadt. Es gibt sogar einen Teil, in dem etwas Landwirtschaft betrieben wird und z.B. Eis von Campuseigenen Kühen hergestellt wird. Es ist auffällig, dass viele Studenten mit dem Auto unterwegs sind, es gibt sogar extra Parkhäuser auf dem Gelände. Viele der Gebäude sind aus Backstein, außer das „Eli and Edythe Broad Art Museum“, welches wir zu Beginn besuchen. Ausstellung des südafrikanischen Künstlers Gideon Mendel. Auf einem Foto, es wirkt schon vergilbt und alt, ist ein kleiner Junge zu sehen. Neben ihm steht eine weitere Person, vielleicht sein Vater, dies ist aber nicht genau zu erkennen. Die linke Hälfte des Bildes ist verschmiert, die Farben des Fotos wurden von Wasser weggewischt. Dieser Teil des Museum thematisiert ein aktuelles klimatisches Problem: Flut, Überschwemmung, Hochwasser. Es werden Vergrößerungen von Bildern gezeigt, die in den Fluten gefunden wurden. Das Bild des kleinen Jungens stammt aus Deggendorf, in Bayern, wo 2013 ein Donauhochwasser über die Lande zog. Wir sehen weitere, teilweise schockierende Bilder, von zerstörten Siedlungen, Kindern, die in den Trümmern Ball spielen und Helfern, die Leichensäcke auf einen LKW laden. Gerade in armen Regionen, Nigeria oder den Philippinen, sorgen solche Naturkatastrophen für viele Probleme. Einige Flutopfer hat der Fotograf in ihr überflutetes Haus begleitet und sie dort porträtiert.

Eine weitere Ausstellung zeigt Skulpturen, Bilder, Installationen und kurze Filme chinesischer Künstlerinnen. Sie haben in ihrer Kultur mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen.

Nach dem Kunstmuseum laufen wir über den begrünten Campus zum Wissenschafts- und Kulturmuseum der Michigan State University. Neben den Studenten treffen wir ein paar Eichhörnchen. Das Museum zeigt verschiedenste Stücke aus der Geschichte von Michigan und der Welt. Fossilien, gefunden an den großen Seen, Kunstwerke der Indianer und ersten Siedler, Textilien aus dem mittleren Osten des 19. Jahrhunderts. So erhalten wir einen guten Überblick aus Erdgeschichte, Kunst und Kultur.

Nach dem Mittag geht es nach Lansing zu den „St. Vincent Catholic Charities“. Dort stellt uns Judy Harris ihrer Arbeitsgruppe vor, die in der Flüchtlingsarbeit tätig ist. Die UCC unterstützt dieses Projekt finanziell. In einer Gesprächsrunde lernen wir viele verschiedene Leute und ihre Arbeit kennen. Die Gruppe kümmert sich um ankommende Flüchtlinge und hilft ihnen die Sprache zu lernen, eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zu finden. Judy erzählt uns, dass in letzter Zeit sehr viele Flüchtlinge angekommen sind und das aktuelle Ziel ist, diese nach drei Monaten in die Selbstständigkeit zu entlassen. Sie sagt das Wichtigste ist, dass sie schnell einen Job finden und für sich selbst sorgen können, dann sind die Ängste in der Bevölkerung auch nicht so groß. Für die Stadt Lansing sind die ankommenden Leute ein großer Segen. Die Wirtschaft wird gestärkt, und Schulen, die sonst geschlossen werden müssten können weiter bestehen. Natürlich gibt es auch hier Leute, die Angst haben und Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen. Sie werden bestärkt durch Trump, der sagt, dass Flüchtlinge den Amerikanern die Arbeitsplätze wegnehmen. Doch nach den Tagen, an denen solche Reden im TV und Radio zu sehen und zu hören sind, gibt es Leute, die sich bei Judy melden und als Freiwillige helfen wollen. Spannend ist, dass in der Arbeitsgruppe auch Leute tätig sind, die selbst als Flüchtlinge in die USA gekommen sind. Sie kommen aus Vietnam, dem Sudan, Burundi und Bhutan. Sie sind für die Organisation sehr wertvoll, da sie die Erfahrungen der ankommenden Flüchtlinge nachvollziehen können und Sprachbarrieren aus dem Weg räumen. Judy Harris erzählt, dass zurzeit daran gearbeitet wird die Menschen mit Wintersachen auszustatten: Mäntel, Stiefel und Handschuhe. Vor allem die afrikanischen Flüchtlinge steigen barfuß oder in Flipflops aus dem Flugzeug. Das ist für den Winter hier keine passende Kleidung. Letztes Jahr gab es eine Woche, in der die Temperatur nicht über -20 °C gestiegen ist. - Abend sitzen wir noch in unserem Haus zusammen. Und plötzlich lachen wir, worüber wir seit Tagen lachen, seit wir Ihn entdeckt haben - den Pumpkin (Kürbis), aus dem ein Trumpkin wurde.

Tag 6

250 Meilen durch den beginnenden Herbst
Mittwoch, 12. Oktober 2016 | Von Conrad Witt

7 Uhr – der Wecker klingelt! Es wird ein langer Tag, denn wir haben mehr als 250 Meilen zurückzulegen. Und wir haben wieder Koffer zu packen – leider müssen wir unsere Gastgeber Marcia und Dr. Avery Aten schon wieder verlassen. Die beiden Ruheständler haben sich in den 80ern-Jahren ein altes, heruntergekommenes Farmhaus gekauft. „Unter der Veranda haben schon Stinktiere gehaust“, erzählt uns Avery Aten. Matthias reagiert -wie immer- spontan: „Die Natur wollte sich das Gelände zurückholen.“ Die Heizkörper sind im Originalzustand um 1885. Wir durften für zwei Nächte Gäste im aus- und umgebauten Stallgebäude sein. Wir bedanken uns sehr herzlich bei Marcia und Avery.

Bevor es los geht, machen wir mit Avery einen ausgedehnten Morgenspaziergang entlang des Thunder Bay Rivers. Alpena zeigt uns noch einmal, wie schön es hier ist! Bemerkenswert ist der „Art Walk“ – eine Art Gemäldegalerie im Freien. Viele Gemälde sind in der Stadt verteilt und wollen angeschaut werden. Auch der Lake Huron, einer der 5 großen Seen im Norden der USA, ist immer präsent. Das Wetter kann sich sehr schnell ändern. Der See speichert die Temperatur und sorgt dafür, dass Sommer und Winter hier immer noch ein bisschen länger bleiben – ganz wie bei uns an der Ostsee. Auf dem „Great Lakes Maritime Heritage Trail“ entlang des Thunder Bay Rivers lesen wir auf Ausstellungstafeln, dass viele, viele Schiffe und Boote im Lake Huron versunken sind. Am Tag davor zeigte Avery mir Bojen, die im Wasser schwimmen. Bei jeder Boje liegt ein Wrack, das von einem Team noch geborgen werden soll.

Der Pastor von Alpena, Dr. Paul Lance, und seine Frau Patty begleiten uns noch zur Kirche von Atlanta, einer kleinen Stadt, die fast ausgestorben ist, wie uns erzählt wird. Pastorin Virginia „Ginny“ Titus sagt, dass es in diesem Ort noch 240 Kinder gibt – vom Kindergarten bis zur High School. Die letzten werden danach auch die Stadt verlassen, um einen Job zu finden. Soziales Engagement ist hier der größte Auftrag dieser Kirche. Im Keller des Gemeindegebäudes entdecken wir viele Räume, in denen Lebensmittelvorräte, Hygiene-Artikel und Kleidung für Babys sind. Über 100 Menschen und Familien kommen pro Monat um hier das Nötigste zum Überleben zu bekommen, wenn das Geld knapp ist. Dieser Besuch zeigt uns ein in Europa selten gezeigtes Bild von Amerika.

Die Fahrt nach Lansing führt durch den beginnenden Herbst. Farbenfrohe Wälder säumen die Straße, überall werden Kürbisse feilgeboten, manchmal zu richtigen Kunstwerken aufgetürmt. Nach einem kurzen Besuch im Büro der Michigan Conference (also: UCC im Bundesstaat Michigan) in East Lansing, machen wir uns gemeinsam mit Conference Minister Dr. Campbell Lovett auf den Weg zu seiner Gemeinde in East Lansing – der Edgewood United Church. Dort treffen wir die Environment Task Force – eine Gruppe, die sich darum bemüht, eine klimafreundlichere Gemeinde zu werden. In ein paar Wochen soll das Dach des Hauptgebäudes mit Solarmodulen gedeckt werden. Mit ehrenamtlicher Hilfe wurden schon andere Maßnahmen verwirklicht: Steigerung der Energieeffizienz, neue Isolation und Veränderungen im Einkaufsverhalten der Gemeinde. Dabei lernen wir auch Pastorin Elizabeth Miller kennen. Die junge Frau (32) ist erst seit 5 Monaten in der Gemeinde. Sie wuchs in Kalifornien (Westküste) auf und studierte in Boston, Connecticut (Ostküste). Sie erzählt uns, dass sie 48 der 50 Bundesstaaten der USA schon besucht hat. Mississippi und Alaska fehlen ihr noch!

Wir erleben eine lebendige Gemeinde für alle Generationen. Seit vielen Jahren treffen sich immer mittwochs ca. 30 Leute zum gemeinsamen Abendessen. Die Idee ist in der „Not“ entstanden. Peggy erzählt: „Eine Freundin und ich und unsere Kinder hatten am gleichen Abend nacheinander Chorprobe und mussten dazwischen etwas essen.“ So entstand dieses gemeinsame Essen und Quatschen. Hinterher gibt es noch einen kurzen Film, um anschließend darüber zu diskutieren. Wie ich finde, ist dies eine tolle Idee um gemeinsam einen schönen Abend innerhalb der Gemeinde zu haben. Matthias entdeckt inzwischen, wie international diese Gemeinde ist. Mickey (Computerfachfrau) und ihre Tochter Martina kommen aus Taiwan, Jerry (Künstler) aus den USA, Phiwa (UCC-Pastor in St. Louis) stammt aus Südafrika. Vier Kontinente auf einem Foto. Auf Phiwas T-Shirt steht: „Als Christ stehe ich in Solidarität mit meinen muslimischen Nachbarn“ - Trotz der langen Fahrt war es wieder ein schöner Tag!

Tag 5

One way – Wrong way!
Dienstag, 11. Oktober 2016 | Von Matthias Tuve

Auf dem Weg zur Kirche bleibe ich plötzlich stehen. Das Bild, das sich mir bietet, ist zu verlockend. One way – Wrong way! Hier richtig. Dort falsch. Die Kirche mitten dazwischen. Wie im wirklichen Leben. Aber wie oft kann man nicht so klar sagen, was der Weg ist! – An der Kirche angekommen, freue ich mich. Da ist ja wirklich Bob Case! Vor 31 Jahren habe ich ihn in Greifswald kennengelernt. Bob gehörte zur Delegation der UCC Michigan zum Bugenhagenjubiläum. Wir fuhren zusammen in den Wald, um Grünes für die Blumensträuße der Christuskirche zu holen. Bob staunte, was alles in so einen kleinen Trabant passt. Damals kam er als frischgebackener Pastor von Alpena – und jetzt ist er schon im Ruhestand. Wir treffen uns mit Anglikanern, Lutheranerinnen, einer Katholikin und etlichen UCC-Leuten am Friedenspfahl vor der First Congregational Church. Dort steht schon spanisch, vietnamesisch und englisch, was heute nun auch deutsch am Pfahl angebracht werden soll: Möge Friede auf Erden sein. Als der Pfahl vor Jahrzehnten errichtet wurde während des Vietnamkrieges, sorgte das für viel Gesprächsstoff.  Wir singen und beten: „Lass Frieden auf Erden sein. Lass ihn mit mir beginnen. Lass jetzt diesen Moment sein.“ Dabei nageln Grit und Conrad das deutschsprachige Friedensschild an. Solche Friedenspfähle könnten wir bei uns daheim auch gut gebrauchen, denke ich beim Zusehen. Welche Sprachen würden wir in Pommern auf den Pfahl nehmen?

Danach treffen wir uns beim lutherischen Gemeindehaus. Der „L.A.RC.C-Covenant“ (nämlich Geistliche der lutherischen, anglikanischen, römisch-katholischen und UCC-Gemeinden) kommt jeden Dienstag von 11-12 Uhr zusammen, um über den Predigttext des kommenden Sonntags zu reden. Jede Woche! Heute geht es um die Witwe, die einem ungerechten Richter so lange auf die Nerven geht, bis er endlich Recht spricht, um seine Ruhe zu haben. Ich erzähle die Kurzgeschichte eines DDR-Schriftstellers von einem DDR-Bürger, der ein Anliegen hat und im Amt bis zu der Tür geht, an die er klopfen müsste, um zu dem Beamten zu gelangen, der ihm vielleicht helfen würde – oder auch nicht. Und wie er da vor der Tür steht und steht und steht – und schließlich wieder los geht, ohne angeklopft zu haben. Seine Angst war größer als sein Mut. Der anglikanische Kollege sagt: So wie die Witwe sind manche Mitglieder meiner Gemeinde, die attackieren mich manchmal ganz schön! Wir stellen fest, dass solche Menschen sehr wichtig sind, damit auch ihre Perspektive in den Blick gerät – und damit sich Dinge ändern, die sich ändern müssen. Es ist ein ganz dichtes Gespräch, und eine Stunde ist viel zu kurz. Gut, dass wir bei „J.J.“, wo wir am Eingang freundlich durch einen kleinen Gästeschreck begrüßt werden, das Gespräch noch weiterführen können.

Alpena liegt nicht in den Alpen, sondern am Huronsee. Der Weg zum Strand ist kurz – nur über zwei Straßenkreuzungen hinweg. Aber am alten Leuchtturm, 1840 nördlich von Alpena für den Schiffsverkehr auf den Großen Seen errichtet, ist es noch schöner. Die Wanderung durch einen Zedernwald tut uns gut. Eine riesige Glocke hängt neben dem Leuchtturm im Glockenstuhl, ein gewaltiger Klang ertönt, als wir sie anschlagen. Wenige Kilometer weiter steht der „neue“, 1870 errichtete Leuchtturm auf der Presque-Halbinsel. Im Leuchtturmwärterhaus nebenan erfahren wir vom harten Leben des Leuchtturmwärters  und seiner Familie, die unentgeltlich mithelfen musste. Einer der Wärter, nämlich Elmer Byrnes, ist zwar 1956 gestorben, sitzt aber täuschend lebensecht in seiner Uniform am Schreibtisch. 18 Jahre hat er hier gedient.

Abendessen bei Jay und Marilyn Kettler. Ein großes Haus mit dreiseitiger Veranda mitten im Wald. Vor 12 Jahren ist es auf zwei Trucks angekommen und in sechs Stunden errichtet worden. Jay zeigt stolz die Fotos von damals. Grit wundert sich: „Was, Ihr kennt auch Greifswald und Stralsund?“ Klar! Auch sie gehörten vor zwei Jahren zur 11-köpfigen UCC-Delegation. Wir feiern „Reunion“! Und Jay grillt. Daneben steht ein großer Whirlpool auf der Veranda. Das warme Wasser sprudelt verlockend. Schade, dass ich meine Badehose nicht dabei habe.  Aber auch so war es ein toller Tag.

Tag 4

It is just like at home!!!
Montag, 10. Oktober 2016 | Von Detlef Huckfeldt

Heute Morgen ging es nach Hamburg. Meistens fahre ich ja einfach durch Hamburg durch - auf dem Weg von Elmshorn nach Tribsees. Das Hamburg in Michigan ist eben nur etwas kleiner. Und so ist man schneller durch. Mittagessen gab es im „Bavarian Inn“ in Frankenmuth. Eigentlich auch wie zu Hause: Die Bedienung – ein Afroamerikaner- sprach recht fließend Deutsch, trug Lederhosen und Seppelhut und der Rheinische Sauerbraten war auch gut – also fast wie daheim. Mit Eileen und Rev. Dr. Campbell Lovett haben wir dabei über das Programm unseres Besuchs gesprochen und die Michigan Conference UCC zum Ökumenischen Kirchentag in Greifswald 2017 eingeladen.

Frankenmuth wurde 1845 von fränkischen Immigranten gegründet. Das sieht man heute noch – an vielen Häuser prangen deutsche Aufschriften. Shopping im Quilt Shop von Frankenmuth – ein Auftrag von zu Hause (denn auch in Pommern weiß man zu quilten – die Amerikaner machen es zu einer Kunst) - dann ein kurzer Stopp in der Outlet Mall “Birch Run.” „Three Shirts for the price of one.“

Und weiter ging es auf der langen Reise in den Norden. Die Landschaft flach, große Farmen, unendliche Weiten und ein schöner, blauer, offener Himmel. Auch fast wie zu Hause. Öffentliches Radio gab es – mit besserem oder schlechterem Empfang – leider war NPR (National Public Radio) das Geld ausgegangen und so beschränkte sich das Programm meistenteils auf Fundraising-Appelle.

Immer entlang der Küste des Lake Huron ging es bis nach Alpena. Am Straßenrand immer wieder „Clinton“- oder „Trump“-Schilder, mit denen die Grundstückseigentümer ihre Unterstützung für ihre Kandidaten ausdrücken. Auch für lokale Richter und bundesstaatliche Kandidaten wird geworben. Viel weniger Müll entsteht auf diese Weise als bei uns.

In Alpena wurden wir von Rev. Dr. Paul Lance, dem Pastor der First Congregational Church, UCC empfangen. Die Kirche ist schon das dritte Gebäude der Gemeinde an derselben Straßenecke. Die alte Holzkirche aus dem 19. Jahrhundert musste einer modernen Backsteinkirche weichen. Dann wurde in den 50er Jahren eine noch neuere Kirche mit Zementsteinen gebaut – denn die Zementindustrie ist heute Alpenas stärkster Industriezweig.

Abendessen in der Gaststätte. Ohne Ausweis gibt es kein Bier – jedenfalls nicht für die, die wie unter 45 aussehen. Conrad hatte keinen Ausweis dabei und bekam deshalb Wasser. Waffen könnte er aber schon ab 18 kriegen – auch ohne Ausweis. Das freilich ist anders als bei uns. Bei der Familie Aten aber, bei der wir untergebracht sind, fühlen wir uns wie zu Hause.

Tag 3

Lebendige Gottesdienste und aktuelle Probleme
Sonntag, 09. Oktober 2016 | Von Grit Liebelt

Heute war der erste Tag, den wir ohne Begleitung unserer Gastgeberinnen Lynn und Marcia gemeistert haben. Entgegen aller Erwartungen finden wir unser Ziel, die Plymouth United Church of Christ in Detroit, ohne Umwege. Die 750 aktiven Gemeindemitglieder von Pastor Dr. Nicholas Hood haben hauptsächlich einen afroamerikanischen Hintergrund. Gottesdienst findet zweimal am Sonntag statt, 8.30 Uhr und 11.00 Uhr. Für diejenigen, die es nicht zur Kirche schaffen, gibt es einen Livestream. Nach unserer Ankunft werden wir von vielen Seiten sehr herzlich begrüßt. Als wir uns im Gottesdienst vorstellen und spontan das Lied „Vom Aufgang der Sonne“ zum Besten geben, bekommen wir reichlich Applaus. Musikalisch können wir mit der Gestaltung des Gottesdienstes jedoch nicht mithalten. Es gibt in der Gemeinde mehrere Gospelchöre, einen davon lernten wir heute kennen. Die Männer und Frauen singen unter der Leitung von Kantor Lamar Willis, begleitet von der Orgel, Klavier, Gitarren und Schlagzeug, mehrere sehr schöne Lieder. Der Pastor spielt fantastisch Mundharmonika. Der gesamte Gottesdienst ist von Musik geprägt, alle singen und klatschen dynamisch mit. Auf diese Weise wirkt alles sehr lebendig und fröhlich. Auch die Gebete werden von einer sanften Orgelmusik begleitet, sodass eine sehr andächtige Atmosphäre geschaffen wird. Der Predigttext des Gottesdienstes ist zu finden bei Genesis 18, 23. „Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit den Gottlosen umbringen?“ Es ist die Geschichte von Abraham, der mit Gott über die Zerstörung von Sodom und Gomorra verhandelt. Würde er es wirklich tun, auch wenn fünfzig, vierzig, zwanzig, zehn Gerechte in der Stadt zu finden sind?

Pastor Hood sagt, dass es ok ist, mit Gott zu sprechen, und durch Hinterfragen sein Handeln verstehen zu wollen. Häufig wird man auf diese Weise dazu gelangen, sein eigenes Leben und Handeln zu hinterfragen. Es ist jedoch nicht richtig, mit Gott zu verhandeln. Der Herr ist so viel größer als das, was wir uns vorstellen können. Auch in Situationen, in denen wir Menschen geneigt sind zu verhandeln, wird Gott die Gerechten belohnen und seine schützende Hand über die Gläubigen halten. „Erkennt, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst“ (Ps. 100,3) zitiert Nicholas Hood. Am Ende der Predigt fordert er alle dazu auf, in sich zu gehen und zu überlegen, in welchen Situationen man selbst begonnen hat, mit Gott zu verhandeln. „Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann …“ oder „ich werde immer … machen, wenn du mir jetzt hilfst“. Solche Verhandlungen sind nicht notwendig. Das Einzige, worauf es ankommt, ist der Glaube und Vertrauen in Gott.

Nach dem Gottesdienst kommen viele Gemeindemitglieder auf uns zu. Alle freuen sich, dass Gäste aus Europa da sind, und haben ein paar nette Worte an uns zu richten. Wir werden sogar dazu eingeladen, gemeinsam mit dem „Pilots Club“ zum Mittag zu essen. Das ist eine Gruppe von Gemeindemitgliedern, die sich seit vierzig, fünfzig Jahren treffen und Projekte, wie zum Beispiel Camps für Jugendliche, organisieren. Nachdem wir uns selbst noch einmal vorgestellt haben, haben wir die Chance ein paar interessante Gespräche zu führen.

Am Nachmittag treffen wir uns mit Walt Kemnitz im Zingerman’s roadhouse in Ann Arbor. Campbell Lovett und seine Frau Eileen sind ebenfalls da. Walt Kemnitz ist Anwalt und setzt sich, zusammen mit einer Gruppe von bisher sechs Leuten aus der UCC Michigan, gegen Rassismus und für die Rechte von Schwarzen und Minderheiten ein. Da er nur wenig Zeit hat, gibt er uns eine kurze Zusammenfassung über die afroamerikanische Geschichte, die Sklaverei, die Jim Crow laws, die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King. Anschließend erklärt er uns die aktuellen Probleme. Es herrscht immer noch eine gespaltene Gesellschaft. Auf der einen Seite sind reiche Weiße, auf der anderen separierte Afroamerikaner, die weniger verdienen, in schlechteren Gegenden aufwachsen, und von der Polizei und vor Gericht strenger behandelt werden. Walt Kemnitz trifft sich einmal im Monat mit seiner Gruppe. Zusammen versuchen sie Ansätze zu finden, die Leute, vor allem die weiße Bevölkerung, für das Thema zu sensibilisieren. Er sagt, es wird ein schwieriger Weg werden, die Ungerechtigkeit zu beseitigen. Denn obwohl die Vereinigten Statten von Amerika (noch) einen schwarzen Präsidenten haben, kann man nicht von einer geeinten und gleichberechtigten Gesellschaft sprechen.

Abendbrot gibt es bei Michael und Remy Young in Pinckney. Vorher gehen wir in ihrem riesigen Garten spazieren, im Haus bewundern wir eine ebenso riesige Gemäldesammlung. Lauter Originale! Eins der Bilder entfacht unsere Fantasie: Ist da die Schöpfung gemalt? Oder das Jüngste Gericht? Steht da im Hintergrund der Berg der 10 Gebote? Oder wird gerade die Geburt Jesu verkündet? Wir können uns nicht sattsehen. Das Essen schmeckt wunderbar. Wie das Gespräch zum Ausklang dieses Tages. 

Tag 2

Detroit - Eine Stadt der Superlative
Samstag, 08. Oktober 2016 | Von Conrad Witt

„Have a nice trip“, hieß es heute Morgen als wir uns mit Marcia Meabon nach Taylor, einem Vorort von Detroit aufmachten. Rund 5 Millionen Menschen leben in der Metropolregion von Detroit. Nach Taylor lud uns Pastor Geoffrey Drutchas in die St. Pauls-Gemeinde der United Church of Christ ein. Er erzählte uns, wie die Gemeinde im 19. Jahrhundert aus deutschsprachigen Siedlern, die dorthin vor den Napoleonischen Kriegen flohen, entstanden ist. In diesem Vorort, wo heute Fastfood-Restaurants, Tankstellen und Vorort-Shops zu sehen sind, lebten die Menschen bis zum Zweiten Weltkrieg von der Landwirtschaft. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Gemeinde mehrheitlich deutsch-sprachig, erst danach wurde Englisch zur Standardsprache. „Ich bin der erste Pastor in dieser Gemeinde, der kein Deutsch mehr spricht“, sagt Geoffrey Drutchas. - Im Saal der Kirche entdecken wir viele blaue Kisten. Decken sind darin, Laken, Kissen, Handtücher. Auch ein großer Stapel Matratzen steht daneben. Die Gemeinde beteiligt sich wie 54 andere Detroiter Kirchen am rollenden Obdachlosenheim. Ab morgen Abend werden für eine Woche obdachlose Menschen in dieser Kirche ein Nachtlager finden – und auch etwas zu essen. Dann ist die nächste Kirche dran, erklärt uns Eileen Drutchas, die Frau des Pastors.

Ihr Ehemann ist für diesen Tag unser Guide für alle Sehenswürdigkeiten in Detroit. Er kennt sich in seiner Heimatstadt sehr gut aus und geht mit strammem Schritt voraus und wir versuchen ihm zu folgen. Detroit ist eine Stadt der Superlative. Es gibt Superreiche und Superarme, leer stehende Straßenzüge und zugebaute Wolkenkratzerviertel. Manche Straßen sehen gefährlich aus und wir wurden vorher davor gewarnt, dort mit nicht verschlossenen Türen und Fenstern zu fahren. Nichts ist passiert! Stattdessen ermutigt uns Geoffrey, einmal anzuhalten in einem Stadtteil, wo sichtbar ist, wie nötig es ist, dass die Kirche etwas tut für aus der Gesellschaft Ausgestoßene und aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe Diskriminierte. Wir besuchen die Mayflower Baptist Church. Pastor Douglas Butler erklärt uns das Motto seiner Gemeinde: „200 Seelen wollen wir jedes Jahr ernähren, schützen, heilen, kleiden und erlösen.“ Ein großartiges und ebenso großes Projekt, denken wir uns. Nahezu alle Player haben diesen Stadtteil aufgegeben und wir sind froh, dass der Pastor, seine Frau und einige Freiwillige sich dieser Aufgabe annehmen.

Detroit bietet viel Kunst und Architektur. Geoffrey scheint ein Spezialist in Sachen Tourguiding für Kunst zu sein. Das Detroit Institute of Arts ist eines der wichtigsten Museen seiner Art in den USA. Zirka 65.000 Ausstellungsstücke aus allen Epochen sind dort zu finden. Wir beschränken uns auf eine Halle mit Wandgemälden. Das war eine perfekte Ergänzung zum gestrigen Ford-Komplex in Dearborn, Michigan. Die Gemälde zeigen einen kurzen Abriss der Stadtgeschichte von Detroit – mit all ihren Innovationen und Schwierigkeiten.

In diesen Tagen spielt natürlich auch immer Tagespolitik eine Rolle. Am 8. November finden die Präsidentschaftswahlen statt – ein Aufhänger, um über Politik beim Mittagessen zu reden. Wir haben erfahren, dass Michigan der erste Bundesstaat der USA war, der 1834 die Todesstrafe abgeschafft hat. Persönliche Gespräche mit den Menschen, denen wir hier begegnen, lassen manche Vorurteile gegenüber Amerikanern zerbröckeln. In der Innenstadt (Down Town) besichtigen wir ein Denkmal für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Detroit aufgebaut haben. Arbeit scheint für Amerikaner ein großes Identifikationssymbol zu sein. An diesem Denkmal lese ich: „Die Errungenschaften der Arbeit sind Amerikas Stärke.“

Die Promenade am Detroit River, dem Grenzfluss zu Kanada, zeigt uns aber auch ein anderes Gesicht. Freiheit ist ein wirklich großes Thema. Obwohl vielen Gruppen diese nicht gewährt wurde, gab es im 19. Jahrhundert viele Mutige, die sich im Untergrund organisierten, flüchtige Sklaven aus den Südstaaten der USA aufnahmen und mit Booten über den Detroit River nach Kanada in die Freiheit brachten. „Gateway to Freedom“ ist heute an einem Bronzedenkmal, das daran erinnert, zu lesen. Wir sind beeindruckt.

Tag 1

Ankunft in der amerikanischen Autostadt
Freitag, 07. Oktober 2016 | Von Matthias Tuve

Donnerstagabend 17:30 Uhr. Endlich landet unser Flieger in Detroit. „Yeah!“ schreit eine Frau neben mir und ballt die Faust. „Yeah!“ Ihre ganze Erleichterung schreit sie heraus. In den letzten zwei Stunden war es, als flögen wir durch einen Hurrikan. Nun haben wir es geschafft! In Deutschland ist schon fast Mitternacht. Hier scheint noch die Sonne. Sechs Stunden Zeitverschiebung. Die Pastorinnen Marcia Meabon und Lynn Martin holen uns ab vom Flughafen. Sie sind auch unsere ersten Gastgeberinnen. Müde fallen wir ins Bett.

Am Freitag lernen wir die amerikanische Legende kennen. Wir besuchen den riesigen Henry-Ford-Komplex in Dearborn, Detroit. Henry Ford (1863-1947) hat das amerikanische Autoimperium aufgebaut und ihm seinen Namen gegeben. Und präsentierte seine Lebensweisheiten in Sätzen wie diesen: „Enten legen ihre Eier im Stillen. Hühner gackern beim Eierlegen. Was ist die Folge? Alle Welt isst Hühnereier!“ - Ziemlich beeindruckt schauen wir uns in seiner Produktionshalle um. Ein Rundweg führt wie eine Kirchenempore an den Wänden entlang um die Autofertigungslinie herum. Wir können also live aus erhöhter Position beobachten, wie gearbeitet wird. Fotos sind leider verboten. Immer wieder bleiben wir stehen und sehen zu, wie das Fließband die Autos langsam durch die Halle befördert. Und wie sie an unendlich vielen Stationen durch die Menschen, die hier arbeiten, nach und nach komplettiert werden. 1.000 Leute pro Schicht, 3.000 pro Tag. Wie ein großer Organismus sind sie, faszinierend, wie das alles durchdacht ineinandergreift und funktioniert. Jeden Tag verlassen 1.200 fertige Autos das Gebäude. 77.000 Menschen arbeiten für Ford allein in Detroit. Aber welch ohrenstrapazierender Lärm!

Später sind wir im Ford Museum. Es birgt unter anderem eine Ausstellung zur amerikanischen Geschichte. Vor vielen Exponaten bleiben wir länger stehen. Der Lincoln, in dem John F. Kennedy 1963 erschossen wurde. Der Bus, in dem Rosa Parks 1955 sich weigerte, für einen weißen Mann ihren Sitzplatz herzugeben. Und die Violinen von Henry Ford, der in seinen letzten Lebensjahren wieder begann, Geige zu spielen. Also irgendwann vor 1947, seinem Todesjahr. Ungläubig entziffere ich: Zwei der Instrumente stammen von dem berühmten Geigenbauer Stradivari. Unschätzbare Kostbarkeiten! Nun hängen sie hier, statt mit ihrer Musik Menschen zu verzaubern. Verrückt!

Aber am meisten sinne ich den Gesprächen mit Lynn Martin nach, die sich auf der langen Hin- und Rückfahrt im Auto entwickeln. Lynn arbeitete von 1986-1988 beim Militärseelsorger der amerikanischen Armee in Worms. Dienstfahrten und private Ausflüge führten sie durch die halbe Bundesrepublik. Mit dem trotzdem in zwei Jahren Ersparten finanzierte sie ihr anschließendes Theologiestudium, war dann Lehrerin und Pastorin der ELCA (Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika) in Süd-Ohio. Um 2000 beschließt sie, diese Arbeit aufzugeben. „Es ist nicht genug, von der Gnade zu predigen und sie selber zu bekommen,“ sagt sie zu ihrer Entscheidung. „Du musst die Gnade auch leben und weitergeben.“ Jahre der Neuorientierung folgen. Aber seit 2005 ist sie wieder Pastorin – in der United Church of Christ (UCC), in Pinckney, Michigan. Und verfolgt auch manche schräge Ideen. Morgen zum Beispiel startet eins ihrer Fundraising-Projekte. Genaugenommen ist es nicht ihr eigenes. Ein Gemeindeglied hat es vorgeschlagen und organisiert es auch selbst, ein Kirchenältester. Aber Lynn macht mit. Um 9 Uhr steht ein Bus vor der Tür. Der bringt 50 Leute aus ihrer Gemeinde ins Kasino nach Detroit. Ins Kasino! Dort spielen sie, essen und trinken – und reden. Das Reden ist Lynn am wichtigsten. Auch wenn „nebenbei“ 1.000 Dollar für die Gemeindekasse abfallen. Die zahlt das Kasino. Ich höre ziemlich irritiert zu. Ob das wirklich eine gute Idee ist? „Die Leute spielen sowieso,“ sagt Lynn. „Aber zweimal im Jahr machen wir es zusammen, es hilft der Gemeinde finanziell, und es ergibt sich manches Gespräch, das ich sonst nicht hätte.“ Ich überlege halblaut: Soll ich mich morgen Lynn anschließen und mir anschauen, wie das geht? Abends erzähle ich Marcia davon. Marcia und Lynn sind schon lange befreundet. Marcia sagt: „Was das Kasino angeht - da habe ich auch meine Fragen.“ So geht unser erster ganzer Tag in Michigan zu Ende. Vor welchen Fragen werden wir morgen stehen?

Reiseroute auf interaktiver Karte


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