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70 Jahre Partnerschaft Bayern-Mecklenburg

Berichte von Kirchleitungsbegegnungen


2016 | Neustrelitz
Bayern und Mecklenburg: Neue Wege für ländliche Räume gesucht

Vertreter der bayerischen Landeskirche, der Nordkirche und des Kirchenkreises Mecklenburg trafen sich vom 22. bis zum 24. Januar in Neustrelitz und Grünow zu ihrem jährlichen Austausch. Pastor Johannes Minkus, Pressesprecher der bayerischen Partnerkirche, schrieb folgenden Bericht:

Lernen von den Erfahrungen der Partnerkirche: Interessiert lauschen Mitglieder der bayerischen Kirchenleitung Pfarrerin Friederike Pohle, die von ihrer Landgemeinde berichtet. Nur noch 17 % der Bevölkerung in Mecklenburg ist evangelisch.

„Kirche im ländlichen Raum“ ist Thema der kommenden Frühjahrssynode. Bei einem Besuch in Mecklenburg hat sich die ELKB-Kirchenleitung über die Situation der Gemeinden auf dem Land informiert.

Die junge Pfarrerin hat Herzklopfen. 30 Personen aus der mecklenburgischen und bayerischen Kirchenleitung sitzen in ihrem Pfarrhaus und warten. Der Schweriner Bischof Andreas v. Maltzahn aus der Nordkirche sitzt neben den bayerischen Regionalbischöfen Gisela Bornowski aus Ansbach und Michael Grabow aus Augsburg.
Auch Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel und Vizepräsident Walter Schnell sind mit einer Gruppe von Synodalen aus Bayern in die Dorfgemeinde Grünow-Triepkendorf eine Stunde nördlich von Berlin gekommen.

„Zukunft ländlicher Räume“ ist das Thema des Kirchenleitungstreffens. Pfarrerin Friederike Pohle (35) beginnt ihr Projekt vorzustellen. In den sechs Dörfern ihrer Gemeinde gibt es keine echte Dorfgemeinschaft. Die alteingesessenen Familien betrachten selbst die Flüchtlinge, die nach 1945 kamen, noch als Außenseiter. Und gemeinsam blicken sie skeptisch auf die Neubürger aus Berlin und Westdeutschland, die einen verlassenen Bauernhof gekauft haben, um das Landleben zu genießen. Die Gräben zwischen den Menschen lassen sich nur überwinden, wenn man sich besser kennt, sagt Pfarrerin Pohle.
 
Kirche als „einziger Kulturträger im Ort“
 
Doch die Kräfte ihre Kirchengemeinde sind begrenzt. 380 Gemeindeglieder hat sie, verteilt auf sechs Dörfer mit sechs Kirchen. „Ich bin schon glücklich, wenn fünf Menschen in den Gottesdienst kommen“, sagt Pohle. Die Christen sind eine Minderheit, nur jeder Zehnte gehört zur Kirche.
Da kam der Maler und Künstler Wolf Leo (Alter: „unter 80“) ins Spiel. Mit schwarzer Jacke und weißem Bürstenhaarschnitt sitzt er unter den Kirchenleuten. Gemeinsam mit der Gemeinde will er in einer der Dorfkirchen eine Ausstellung machen. Die Geschichte von sechs Familien aus jedem der Dörfer will er präsentieren – durch Interviews, Fotos und Dokumente. Das Ziel: Die Bewohner lernen sich gegenseitig besser kennen, das Misstrauen untereinander abbauen. Das Ungewöhnliche: Wolf Leo ist kein Gemeindeglied. Nicht einmal Christ. Mit der Kirche arbeitet er zusammen, „weil sie der einzige Kulturträger im Ort ist“.

Johannes Minkus

2010 | Wedendorf bei Rehna
„Als Kirche wieder Sauerteig werden“ - Kirchenleitungen von Bayern und Mecklenburg in jährlicher Klausur

Seit Jahrzehnten sind die Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen in Bayern und Mecklenburg partnerschaftlich miteinander verbunden. Zwischen Kirchgemeinden und einzelnen Gruppen gibt es vielfältigen Austausch. Einmal im Jahr treffen sich ebenso die Kirchenleitungen. Am Wochenende hatte die mecklenburgische Seite nach Wedendorf bei Rehna eingeladen. Im Blickpunkt der Klausur standen die Veränderungen in den Kirchen zwischen 1989 und heute. Ein Besuch der Backsteinkirchen in Wismar, Gespräche mit Kirchenältesten und der Sonntagsgottesdienst in Kirch Grambow rundeten das Programm ab.

Ein Beschnuppern ist nicht nötig, obgleich sich die meisten eher selten sehen. Sofort kommen die Vertreter der mecklenburgischen Kirchenleitung und des Landeskirchenrates bzw. des Landessynodalausschusses in Bayern ins offene und vertrauensvolle Gespräch. „Für die Beziehung zwischen einer kleinen und einer großen Landeskirche bemerkenswert“, sagt Landesbischof Dr. Andreas von Maltzahn. Und für seinen bayerischen Amtskollegen Johannes Friedrich ist der jährliche Austausch mehr als eine gute Tradition: „So authentisch etwas von der kirchlichen Situation zu erfahren, gemeinsam über den christlichen Glauben und die Zukunft der Kirche nachzudenken, ist ein Gewinn“. Unbefangen werden Dinge angesprochen und verschiedene Sichtweisen deutlich. Im Gespräch wird erkannt, was sich von der Situation her gleicht und wo es Unterschiede gibt, wo man voneinander lernen kann.

Thematisch spannte das Treffen einen Bogen zwischen der friedlichen Revolution vor zwei Jahrzehnten und der heutigen Zeit. Ganz persönlich erinnerten sich die Teilnehmer etwa an das erste Treffen des Neuen Forums in Schwerin, an den Ansturm der Ostdeutschen in bayerischen Städten nach der Grenzöffnung, an eigentlich verbotene Rüstzeiten von mecklenburgischen und bayerischen Jugendlichen zu DDR-Zeit im heutigen Tschechien oder an die Zeitungsschlagzeile zum Mauerfall: Last die Glocken läuten. Beim Blick zurück blieb es nicht. Heute sei Engagement für Veränderungen genauso wichtig wie damals, sagte jemand. Und ein anderer, dass er die mit Kerzen errungene Demokratie trotz mancher Schwächen gut finde.
Impulsreferate gab es zu der Frage, welche Aufgaben die Kirche damals und heute hat. Gottfried Timm, SPD-Landtagsabgeordneter und früherer Pastor, wünschte sich, dass seine Kirche spirituelle Kraft entfalte, das heißt „gegenwärtig und standhaft“ sein sollte. Dies schließe ein, „im Konfliktfall parteiisch zu sein“ und für Gerechtigkeit, so wie sie Jesus predigte, in der Zivilgesellschaft einzutreten. Als Kirche da zu sein steht ebenso für Martin Scriba, früher Pastor an der Schweriner Paulskirche und heutiger Landespastor für Diakonie, immer noch ganz oben – vor allem in der Kirchgemeinde vor Ort. In der Demokratie habe die Kirche ihre Wende-Rolle „als Moderator und Plattform verloren“. Heute müsse die Frage nach Gott wach gehalten werden und die Sinnfrage beantwortet werden. Konkret, wo es lang gehe, an welchen Werten sich Menschen orientieren können.
Fazit der Diskussion: Die Kirche hat in der ausdifferenzierten Gesellschaft die Aufgabe, orientierende Kraft zu sein. Dazu müssen wir „Sauerteig werden und neu buchstabieren, was Nachfolge Jesu ist“, so Landesbischof von Maltzahn, der einräumte, dass dies zu DDR-Zeit leichter gewesen sei. Der bayrische Oberkirchenrat Detlev Bierbaum warb dafür, als Kirche neue Wege der Mitgliederbindung zu gehen, Foren anzubieten und für Menschen aller Couleur offen zu sein.

Gespannt waren die Gäste auf den Ausflug nach Wismar. Alle Backsteinkirchen der Hansestadt standen auf dem Programm. Begeistert vom Eindruck in St. Georgen stimmten die Kirchenleitungen einen Lobgesang in dem noch leeren Kirchraum an. Später hörten sie beim Kaffeetrinken in der Heiligen Geist-Gemeinde etwas von den „Geistlichen Hebungen“ und über die Schwierigkeiten zwischen Kommune und Gemeinden, die Stadtkirchen künftig für kirchliche und kulturelle Zwecke zu nutzen. Eindrucksvoll – trotz Eiseskälte - ebenso die Führung durch Pastor Thomas Cremer in Heiligen Geist. In St. Nikolai machte Stefan Meyer auf den Altar von St. Georgen aufmerksam, der derzeit dort aufgestellt ist. In der beheizten Winterkirche beschloss eine Andacht die Visite an der Ostsee.

Den Gottesdienst feierten die Mitglieder der Leitungsgremien in Kirch Grambow und erlebten eine lebendige Gemeinde und einen engagierten Pastor Andreas Ortlieb, der ausgehend vom Text des Sonntags passend zum Thema des Treffens über die Kraft von Gottes Wort predigte. Dass sich 50 Kinder zur Rüstzeit in den Winterferien angemeldet haben und die Kirchgemeinde ganz bewusst den Brückenschlag zu Vereinen in Rehna sucht, war in einer Runde mit Kirchenältesten zu erfahren. Zum Abschied bedankte sich Landesbischof Johannes Friedrich für die herzliche Gastfreundschaft und lud alle Mecklenburger ein, vom 12. bis 16. Mai zum Ökumenischen Kirchentag nach München zu kommen. „Es wird ein schöner Kirchentag.“ Und es böte sich die Chance, die Partnerschaft zwischen Mecklenburg und Bayern weiter zu vertiefen und gemeinsam mit anderen Christen neue Erfahrungen zu machen.

Christian Meyer

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