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POMMERSCHE EVANGELISCHE KIRCHE
XI. Landessynode, 2. ordentliche Tagung
vom 8. - 10. Oktober 2004 in Züssow
Bericht des Bischofs
Was bewegt die Pommersche Evangelische Kirche?
Unsere Kirche auf dem Weg zu ihrer Mission
Einleitung
1. Die Herausforderungen
1. 1. Menschen mit Ressentiments
1. 2. Schwierige Rahmenbedingungen
1. 3. Zu große Strukturen
1. 4. Zurückgehende Finanzen
1. 5. Wie kann die PEK Landeskirche sein?
2. Wissen, warum wir da sind
3. Mögliche Antworten
Einleitung
Hohe Synode,
nachdem ich an dieser Stelle vor zwei Jahren in meinem Bischofsbericht analytisch gefragt habe: „Woher kommt unsere Kirche? Was ist charakteristisch für ihre Gegenwart? Welche Zukunft steht ihr voraussichtlich bevor?“ und dabei sowohl auf ihre großartige Vergangenheit als auch ihre krisenhafte Gegenwart gestoßen bin, habe ich im letzten Jahr den Schwerpunkt meiner Überlegungen auf das Thema der Gemeinde gelegt. Mir drängte sich die Erfahrung auf, dass Heilung für unsere Kirche nur von der Basis her erfolgen kann, von dorther, wo Menschen den anwesenden Christus erfahren. Nach der Verheißung Jesu ist dies dort, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ (Mt 18, 20). In diesem Sinne habe ich von der Kirche als einer Gemeindekirche gesprochen, also einer Gemeinschaft, die sich aus den einzelnen Gemeinden aufbaut, insgesamt aber mehr ist als die Summe ihrer Gemeinden. Mit ihren Gemeinden strebt die Gemeindekirche in die Öffentlichkeit. Denn „Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim 2, 4). Darum ist es gut und passend, wenn die Kirche und jede Kirchengemeinde in unserem Rechtssystem eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts ist.
Die Menschen erfahren den anwesenden Christus in einer konkreten Gemeinde. Gerade und nur so wird Christus konkret. Durch die Taufe und durch das Abendmahl wird eine Gemeinschaft von Menschen als Leib Christi definiert. Er selbst ist in dem Wort und in dem Sozialgeschehen dieser Gemeinschaft präsent. Der Leib Christi hat mancherlei Gestalten. Zu Recht sagt unsere Kirchenordnung, die in ihrer ersten Fassung unter der Verantwortung von Bischof Karl von Scheven entstanden ist: „Wo sich Menschen im Glauben um Gottes Wort und Sakrament sammeln, ist die Gemeinde Jesu Christi: in der örtlichen Kirchengemeinde ebenso wie in den übergreifenden Bereichen des Kirchenkreises, der Pommerschen Evangelischen Kirche, der Gesamtkirche und in den Werken der Diakonie und Mission sowie in den übrigen Werken der kirchlichen Arbeit. Sie alle leben von der einen Gabe und stehen in dem einen Dienst, den sie mit den Mitteln erfüllen, die ihrer besonderen Aufgabe entsprechen.“ (KO § 2)
Für die konkreten Gestaltungsaufgaben, selbst für den Stellenplan, muss dieses Kriterium beachtet werden. Die Kirche hat nicht dieses oder jenes zu tun, sie hat nicht jedes Allotria zu treiben oder die Dinge zu machen, die auch andere tun können, sondern sie soll Gemeinde aufbauen. Diese Gemeinde findet sich allerdings nicht nur in den Parochien vor Ort, sondern auch am so genannten „anderen Ort“.
Was sind aber nun die konkreten Herausforderungen, vor denen wir stehen? Noch wichtiger ist die andere Frage, woher nehmen wir die Kraft und die Ideen, diese Herausforderungen zu meistern?
Inhaltsverzeichnis
1. Die Herausforderungen
Es lassen sich gegenwärtig fünf Problemstellungen beschreiben, die klar ins Auge gefasst und anschließend bearbeitet werden müssen, um in der Gegenwart evangelische Kirche in Vorpommern zu gestalten. Ich habe mich bemüht, die Probleme nach ihrer Relevanz aufzuführen, also den wichtigsten Grund zuerst zu nennen und dann die weniger wichtigen folgen zu lassen.
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1. 1. Menschen mit Ressentiments
Kirchenferne Menschen begegnen in der Regel der Kirche nicht neutral, sondern misstrauisch. Treffend hat Professor Dr. Wolf Krötke im Hauptvortrag zum Internationalen Hearing zum Institut für die Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald am 12. Juni 2003 die Situation beschrieben:
„Die ostdeutsche Glaubenslosigkeit ist eigentlich keine begründete Weltanschauung. Sie ist ein Klima, in dem die Menschen leben. Es stößt alles ab, was es stört. Wir können es deshalb ein Klima des Ressentiments gegen den Gottesglauben oder ein Klima der Gottesvergessenheit nennen…. Jenes Klima hat sich unterdessen schon seit Generationen aufgebaut. Es verdankt sich auch nicht allein der atheistischen Indoktrination und Repression, welche in der DDR auf die Menschen ausgeübt wurde. In Mitteldeutschland, wo ich groß geworden bin, gab es ein derartiges Klima unter der Arbeiterschaft schon lange vor der DDR. Heute ist es nicht bloß für eine soziale Schicht charakteristisch, sondern prägt das Leben des überwiegenden Teils der Bevölkerung auf erstaunlich dichte Weise. Es passiert immer wieder, dass Menschen regelrecht in Erstaunen ausbrechen, wenn sie auf einen Christenmenschen treffen. Obwohl die Kirche ja nicht wenig in den Medien präsent ist, und man eigentlich von daher dies und jenes über die Christen wissen müsste, dringt das nicht auf haftende Weise in dieses Klima ein. ‘Ja, gibt es so etwas überhaupt noch?’, hat mich ein Pankower aus Anlass des Ökumenischen Kirchentages gefragt.“
Ohne dass sich dieses Klima des Ressentiments ändert, wird auch die Kirche mit ihrer Botschaft von Jesus Christus bei den Menschen in unserer Umgebung nicht landen können. Die Hauptfrage für eine Kirche, die missionarisch einladen möchte, lautet deswegen in unserer gegenwärtigen Situation: Wie können wir die gesellschaftliche Stimmung verändern?
Der Unterschied zwischen dem in unserer Gesellschaft herrschenden Klima und einem dem Glauben gegenüber aufgeschlossenen, positiven Klima ist mir bei meinem Besuch in der Zentraldiözese Singida der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania im Sommer d. J. bewusst geworden. In Tansania herrscht eine dem christlichen Glauben gegenüber sehr aufgeschlossene Atmosphäre. Man hat einfach in den letzten Jahrzehnten erfahren: Wo der Glaube an Jesus Christus ist, da hat die Gesellschaft Zukunft und hier gibt es Entwicklung. Bei der Mehrheit der Bevölkerung erscheint der christliche Glaube den afrikanischen Naturreligionen und auch dem Islam überlegen. Darum breitet er sich auch immer weiter aus. Das Wachstum der Evangelischen Kirche in Tansania ist gewaltig. Sogar die Regierung hat kürzlich die Protestanten aufgefordert, in der Mission nicht nachzulassen. Das rührt einfach daher, weil sie merkt, dass in den Regionen, in denen mehr Christen leben, Entwicklung möglich ist, während sie in überwiegend von Naturreligiosität geprägten Gebieten kaum beginnt. So hat die Kirche in Tansania gesellschaftlich weit mehr Anerkennung und Wertschätzung als wir das hier in unseren Breiten gewohnt sind. Dazu kommt, dass die evangelische Kirche in Tansania eine insgesamt junge und kraftvolle Kirche ist, bei der nicht nur Glaube und Hoffnung ihrer Menschen lebendig sind, sondern bei der auch etwa Dreiviertel ihrer Mitglieder unter 30 Jahre alt sind. Trotz vieler Fehler, die die Kirche auch in Tansania macht, lebt sie doch in einem Klima der Zustimmung.
Auch in unserer Region war der Ursprung des Christentums durch die Missionierung durch Otto von Bamberg einhergegangen mit einer Änderung des gesellschaftlichen Klimas. Als der christliche Glaube als zukunftsweisend empfunden wurde, schlug die Stimmung um und die Mehrheit der Bevölkerung orientierte sich neu. Also heißt m. E. für uns die wichtigste Frage: Wie kann das gesellschaftliche Klima von einem Klima mit Ressentiment zu einem Klima des Interesses und der Zustimmung verändert werden.
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1. 2. Schwierige Rahmenbedingungen
In der abgelaufenen Woche hat Mecklenburg-Vorpommern die rote Laterne in der Arbeitslosenstatistik wiederum von Sachsen-Anhalt übernommen. Wenn man dann noch das West-Ost-Gefälle in unserem Bundesland berücksichtigt, weiß man, wo eine wesentliche Ursache für die Unzufriedenheit der Menschen liegt. Wer keine Arbeit hat, fühlt sich nutzlos und nicht gebraucht. Bei 20 bis 30 % Arbeitslosen in der Region Vorpommern und vielen Schicksalen, die wiederum von diesen Menschen abhängen, ist die Stimmung einfach schlecht. Junge Menschen bekommen in Vorpommern gerade noch ihre Ausbildung, dann verlassen die meisten von ihnen unser Land. Sehr wenigen gelingt es als junger Familie, sich eine Existenz in Vorpommern auszubauen. Und weil es gerade die Jüngeren in der Gesellschaft sind, ist die gefühlte Hoffnungslosigkeit noch viel stärker als die reale Chance, doch noch einen Arbeitsplatz und eine Existenz zu finden.
Eine Kirche, die gottvoll und hoffnungsstark ihrem Glauben Ausdruck gibt, wäre bestimmt anziehend. Aber sie müsste sich von dem lähmenden Mehltau der Resignation in der Gesellschaft unterscheiden und sich an Gott genug sein lassen. Wenn Menschen spüren, von dieser Kirche geht Ermutigung aus, dann wird diese Kirche für kirchenferne Menschen anziehend sein.
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1. 3. Zu große Strukturen
Allerdings fällt es einem Menschen in einem zu großen Anzug schwer, einen properen Eindruck zu machen. Ende der 50er Jahre, die Pommersche Evangelische Kirche hatte etwas über 700.000 Gemeindeglieder, konnten sich diese in gut 400 Kirchen versammeln. Damals kam auf jeweils 1750 Gemeindeglieder ein Kirchengebäude. Nach dem Mitgliederschwund, den unsere Kirche in den letzten 45 Jahren erleben musste, kommt heute auf 265 Gemeindeglieder eine Kirche. Soviel Kirchengebäude für so wenig Menschen war noch nie. Während in den 50er Jahren ein Pfarrer in Pommern für durchschnittlich 2300 Gemeindeglieder zuständig war, muss die Pfarrerin heute sich lediglich nur noch um 820 Gemeindeglieder kümmern. Wir stehen sogar vor dem denkwürdigen Tatbestand, dass in einzelnen Fällen,
z. B. in Neubaugebieten es möglich geworden ist, neue Kirchen zu bauen, ohne dass dort bisher lebendige Gemeinden entstanden sind.
Auch für die Einrichtungen, Dienste und Werke der Pommerschen Evangelischen Kirche ist zu konstatieren, dass hier überall eine wichtige, häufig sogar unverzichtbare Arbeit getan wird. Der Bericht des Konsistoriums über die Arbeit in der Landeskirche legt darüber ausführlich Zeugnis ab. Und doch ist dieses filigrane Gebilde der landeskirchlichen Dienste und Werke bei einer Landeskirche, die sich mitgliedermäßig auf die Größenordnung eines westdeutschen Kirchenkreises zu bewegt, in Zukunft kaum weiter zu unterhalten.
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1. 4. Zurückgehende Finanzen
Bis zum Jahr 2009 erwartet die EKD insgesamt einen Rückgang ihrer Finanzen um 25 %. Die Gründe liegen vor allen Dingen in der Umschichtung des deutschen Steuersystems weg von direkten hin zu indirekten Steuern und im so genannten demografischen Faktor, also im Rückgang des evangelischen Anteils an der Bevölkerung. Der Rat der EKD hat sich deswegen mit der Formulierung von Grundsätzen zur mittelfristigen Finanzpolitik der EKD befasst. Dabei ist es zu einer Umkehrung der Begründungspflicht gekommen.
„Nicht mehr die lange und gute Tradition einer Aufgabe ist ausschlaggebend, sondern die zukünftige Bedeutung. Bei jeder finanziellen Unterstützung durch die EKD muss die Frage überzeugend beantwortet werden können, ob es für die Zukunft des Protestantismus in Deutschland von herausragender Bedeutung sei, diese Aufgabe fortzusetzen. Was würde der Evangelischen Kirche fehlen, wenn es diese Aufgabe nicht mehr gäbe?“
Alle Aufgaben innerhalb der EKD sollen unter diesem Kriterium überprüft werden. Dabei sollen alle diejenigen Bereiche finanzielle Priorität erlangen, „die die EKD als Dienstleister und Beförderer der missionarisch einladenden Gliedkirchen ausweisen“.
Wenn bereits die EKD insgesamt in dieser Weise umdenkt, dann sollten wir als kleine Gliedkirche im Nordosten Deutschlands, die die gegenwärtigen Entwicklungen noch deutlicher spürt, uns daran ein Beispiel nehmen. Ich kann der Landessynode und der Kirchenleitung nur vorschlagen, angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, ebenfalls die Begründungspflicht umzukehren und prinzipiell bei jeder Aktivität zu fragen: Was trägt diese Aktivität für die Zukunft der Evangelischen Kirche in Pommern aus? Was würde der Region und der Pommerschen Evangelischen Kirche fehlen, wenn es diese Aufgabe nicht mehr gäbe?
Wir werden schon bei der diesjährigen Haushaltsberatung an einigen Stellen an solche Punkte geführt. Im Haushaltsplan sollte all das Priorität haben, was die missionarische Einladung befördert.
Wie ernst die Probleme in finanzieller Hinsicht bei uns in Pommern sind, hat die mittelfristige Finanzplanung, mit der wir OKR i. R. Dr. Fischer beauftragt hatten, zutage gebracht. Als im Frühsommer die Zahlen vorlagen, war deutlich, dass die Kirchenleitung handeln musste. Nach mehrfacher Diskussion in der Kirchenleitung wurde schließlich am 18. Juni der Grundsatzbeschluss zur Haushaltskonsolidierung gefällt, den Sie in Kopie mit dem gegenwärtigen Bearbeitungsstand als Anlage zum Bericht der Kirchenleitung erhalten haben. Alle Gründe, die allgemein für den Rückgang der Kirchenfinanzen in Deutschland sprechen, gelten für Pommern auch. Dazu kommen – wie wir alle wissen – auch einige hausgemachte Probleme, die besonders in den nächsten Jahren die finanzielle Leistungsfähigkeit der Landeskirche belasten.
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1. 5. Wie kann die PEK Landeskirche sein?
Ob die Pommersche Evangelische Kirche auch in Zukunft alle Aufgaben, die eine Landeskirche wahrnehmen muss, auch leisten kann, ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Frage der Kräfte. So sieht auch das EKD-Gutachten von 2003 schon in wenigen Jahren die Grenze der Leistungsfähigkeit der Pommerschen Evangelischen Kirche als Landeskirche als erreicht an. Wir haben darum als Landeskirche schon vor und außerhalb des Grundsatzbeschlusses zur Konsolidierung der Finanzen der Pommerschen Kirche die Konzentration der gesamten Verwaltung in einer Einheit in Greifswald beschlossen und den Rückbau der landeskirchlichen Dienste mit Hilfe einer Strukturkommission begonnen. Aber offensichtlich waren die im letzten Jahr vollzogenen Kürzungen und kw-Setzungen im Stellenplan noch ungenügend. Wenn die Kirchenleitung nun unter Aufnahme eines Landessynodalbeschlusses von 1993 – die Zahl von durchschnittlich 1000 Gemeindeglieder pro Pfarrstelle wieder in Erinnerung ruft, dann ist dies einerseits eine durchaus moderate Reaktion auf die beschriebenen Nöte, kann aber andererseits in einem konkreten Fall als eine enorme Härte empfunden werden. Trotzdem gibt es dazu – auch im Blick auf die Gesamtdiskussionslage in der EKD – keine Alternative.
Auf diesem Hintergrund hat die Landessynode sich ja bereits im Juni 2003 entschieden, Gespräche mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs über eine gemeinsame Kirchengestalt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern aufzunehmen. Diese Gespräche wurden offiziell am 10. Januar 2004 in Barth aufgenommen und haben mittlerweile an Fahrt gewonnen (Einzelheiten dazu sind dem Bericht der Kirchenleitung zu entnehmen.). Als ein nicht geringes Problem erscheint natürlich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Mecklenburgische Landeskirche etwa doppelt so groß ist wie die Pommersche Kirche. Zwar stehen wir in unserem Bundesland vor exakt den gleichen Herausforderungen, aber es ist nicht einfach, sich auf Augenhöhe zu unterhalten. Das haben die Gespräche zwischen den beiden Diakonischen Werken gezeigt, auch wenn sie dann doch zu einem annehmbaren Ergebnis geführt haben. Zum Gesprächsprozess mit der Mecklenburgischen Kirche sehe ich keine Alternative und kann auch meinerseits sagen, dass das Miteinander in der hierfür zuständigen Arbeitsgruppe „Gemeinsame Kirchengestalt“ atmosphärisch gut und sehr konstruktiv ist.
Insgesamt hat sich die Pommersche Kirche auf einen ausgesprochen anstrengenden Umstrukturierungsprozess eingelassen. Sie sucht gleichzeitig nach Innen und Außen eine neue Gestalt. Dabei stellen sich unweigerlich die Fragen: Mit welchen Kräften will unsere Kirche diesen mehrfachen Umformungsprozess leisten?
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2. Wissen, warum wir da sind
Manche Begriffe gehen auf Wanderschaft und finden sich in einem neuen Kontext und in einer veränderten Bedeutung wieder. So ist es auch dem ursprünglich aus der Bibel stammenden Begriffen Vision und Mission gegangen. Nachdem sie in Kirche und Theologie beinahe zu Unwörtern geworden sind, haben sie in der Betriebwirtschaftslehre und in der Organisationstheorie eine Renaissance begonnen. Während das Stichwort Mission – wenn auch zurückgehend – in Theologie und Kirche manchmal noch etwas anrüchig ist, ist es in der Betriebwirtschaftslehre ein neutraler Begriff, der „eine generelle Zielausrichtung und eine Grundorientierung für das strategische und operative Management vermittelt.“ Das heißt, der Betriebswirtschaftler sagt: Wenn du etwas erreichen willst, musst du deine Ideen und Überlegungen auf eine bestimme Mission konzentrieren. Wir werden dies z. B. im Leitbildprozess zu bedenken haben. Letztlich ist es die Frage: Was wollen wir als Kirche? Was bewegt uns als Pommersche Evangelische Kirche?
Im Zuge des Leitbildprozesses sind darauf viele Antworten gegeben worden, auch unterschiedliche, aber im Zentrum hat sich doch folgendes herausgestellt: Liebevoll vorbereitete, schön gefeierte Gottesdienste werden sehr hoch gewertet und gleichzeitig wird eine notwendige öffentliche Wirkung der Kirche gefordert. Daneben werden viele andere kirchliche Aktivitäten mehr oder weniger hoch gewichtet, wie Seelsorge, Spiritualität, Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Kirchenmusik usw. Die Betriebswirtschaftslehre sagt uns aber, wenn es nicht gelingt, ein gemeinsames Ziel, in diesem Sinne eine Mission, zu formulieren, dann werden wir zu wenig Ausstrahlung nach außen entwickeln. Wenn wir gemeinsam etwas wollten und wenn wir auch noch wüssten, was wir wollten, dann fingen wir an, eine Ausstrahlung in unsere Umgebung zu entwickeln. Sonst senden wir diffuse Signale aus und die Menschen wissen gar nicht, was sie von der Kirche zu erwarten haben. Wer etwas bewirken will, muss sich konzentrieren.
Unserer Kirche sind im Lauf der letzten Jahrzehnte, in manchen Fällen muss ich sogar sagen, Jahrhunderte, Aufgaben zugewachsen, die nicht zu ihrem originären Aufgabenbereich gehören. Besonders seit der Wende hat es auf Grund vielfältiger neuer Möglichkeiten eine Explosion der Tätigkeit und Aufgabenbereiche gegeben. Ich schlage nun unserer Kirche vor, sich auf den nur ihr eigenen geistlichen Auftrag zu beschränken.
Um Missverständnisse auszuschließen, füge ich gleich hinzu: Das bedeutet keinen Rückzug aus der diakonischen Arbeit oder der politischen Verantwortung unserer Kirche. Beschränkung auf den geistlichen Auftrag ist keine Reduktion der Ganzheitichkeit des Lebens. Denn geistliche veränderte Menschen werden auch die Gesellschaft verändern. Ich schlage keinen prinzipiellen Rückzug aus der diakonischen und politischen Arbeit vor. Aber Ursache und Wirkung dürfen nicht verwechselt werden. Wenn wir auf der Seite der Begründung für Diakonie und politische Verantwortung zu schwach werden, werden wir in Zukunft auch keine Wirkung mehr erzielen. Außerdem müssen wir in der Zeit zurückgehender Ressourcen den Grundsatz beachten, was andere auch machen können, müssen wir nicht unbedingt auch noch machen. Wir werden deswegen in Zukunft manches, was andere Institutionen oder Einrichtungen in unserer Gesellschaft gut erledigen können, lassen dürfen.
Nun wird natürlich die Diskussion darüber einsetzen, was denn der eigentliche geistliche Auftrag der Kirche sei. Wir haben darum als Synode vor drei Jahren einen Leitbildprozess in Gang gesetzt, der eigentlich auf dieser Synode zum Abschluss kommen sollte. Es war geplant, auf Grund eines von der Synode beschlossenen Leitbildes einen Entwicklungsplan für die Pommersche Evangelische Kirche zu entwerfen. Leider sind wir noch nicht so weit. Es besteht nun die Aussicht, auf der Frühjahrssynode den von der Koordinierungsgruppe vorgelegten Vorschlag zum Leitbild zu behandeln. Da es die Situation aber nun erfordert, will ich persönlich mich im Zusammenhang der Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht vor einer Aussage drücken, wo ich denn den eigentlichen Auftrag der Kirche sehe.
Die Kirche hat an einer Stelle etwas zu sagen, an der sonst niemand etwas beitragen kann. Gott hat ihr die Botschaft von der Rechtfertigung des Gottlosen aufgrund des stellvertretenden Opfers Christi aufgetragen. Es ist die Botschaft von der Sündenvergebung. Das ist das Evangelium, die Gute Nachricht: obwohl wir den Ansprüchen, die Gott, unser Schöpfer, an uns stellt, nicht gerecht werden, wendet er sich uns immer wieder neu zu und ermöglicht in jedem Menschenleben neue Anfänge.
Auf dem Hintergrund solcher, kurz zusammengefasster biblisch-theologischer Überlegungen ließe sich als so genanntes Mission-Statement formulieren: Die Pommersche Evangelische Kirche soll ein Instrument dafür sein, dass Menschen in Vorpommern, die Gott nicht kennen, den Dreieinigen Gott als Hilfe und Trost zum Leben und Sterben erfahren.
Eine solche Mission setzt ein Verständnis der Welt als Schöpfung Gottes voraus. Und diese Welt ist nicht nur die Sichtbare, sondern diese wird von Gottes unsichtbarer Welt umgeben. Die Zeit ist in der Ewigkeit eingeschlossen. Dieses Leben bereitet auf das nächste, auf die Ewigkeit vor.
Vielleicht empfinden manche unter uns gerade meine letzten Sätze als steil und für den heutigen Menschen nur schwer zu vermitteln. Das ist auch einer der Gründe, warum die Lenkungsgruppe sich sehr schwer tut, eine kurze und prägnante Formulierung des Leitbildes vorzulegen, das gleichzeitig biblisch-theologisch verantwortet und sprachlich einfach und zugänglich ist. Aber wir werden uns dieser schweren Aufgabe stellen müssen und dürfen ihr nicht ausweichen. Es kommt eben darauf an, das Evangelium nicht zu verkürzen und es gleichzeitig in den Horizont unserer Gegenwart hineinzustellen. Vielleicht müssen wir auch eine ganz neue Sprache lernen. Studierte Theologen und Gemeindeglieder brauchen beide, allerdings je auf ihre Weise, eine Sprachschule des Glaubens. Hüten müssen wir uns sowohl vor einer Verkürzung des Evangeliums wie vor einer Klerikalisierung unserer Redeweise. Wenn es uns peinlich ist, von der Ewigkeit zu reden, dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn keiner dahin will. Aber auch eine fromm abgedrehte Sprache macht keine Vorfreude auf den Himmel.
Hier liegt aber unsere eigentliche Aufgabe, bei der uns niemand anders vertreten kann. Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Ewigkeit und der Kirche ist eine Botschaft anvertraut, die diese Sehnsucht erfüllen kann. Den metaphysischen Durst zu stillen, das vermag kein anderer. Wir werden manches andere, das andere auch tun können, lassen dürfen. Aber an dieser Stelle ist die Kirche aufgefordert, ihre unvertretbare Aufgabe wahrzunehmen.
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3. Mögliche Antworten
Die Leitfrage lautet: Wie kann die Pommersche Evangelische Kirche diese einmalige, ihr anvertraute Aufgabe unter den gegenwärtigen Herausforderungen wahrnehmen? Aufgrund der sich gegenwärtig abzeichnenden Entwicklung könnten wir in etwa fünf Jahren folgende Situation haben: Die Pommersche Evangelische Kirche ist dann Teil einer Föderalen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Mecklenburg-Vorpommern. Sie wird geleitet von einer gemeinsamen Synode für die ganze Kirche. Für Aufgaben und Entscheidungen in Vorpommern gibt es eine Teilsynode in Pommern. Es gibt eine gemeinsame Kirchenleitung und – vielleicht so etwas wie einen gesonderten Kirchenausschuss für Vorpommern. Und auch die Frage, ob Greifswald weiterhin einen Bischofssitz hat, muss in diesem Zusammenhang geklärt werden. Die gesamte Kirche wird verwaltet von einem Kirchenamt mit einem Hauptsitz in Schwerin und einer Nebenstelle in Greifswald. Für den vorpommerschen Teil wird es etwa 107 Pfarrstellen geben. Viele Pfarrstelleninhaber haben einen Zusatzauftrag für überregionale Aufgaben. Fast alle Ämter, Dienste und Werke werden für beide Kirchenteile in Mecklenburg und Vorpommern gemeinsam arbeiten. Wir sollten uns dieses mögliche Zielfoto des Gesprächsprozesses mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs vor Augen stellen. Gewiss ist nicht alles wünschenswert und doch haben wir aufgrund der seit Jahren eingetretenen Entwicklungen kaum eine andere Chance, die kirchlichen Angelegenheiten zu ordnen. Man muss das allerdings - gerade auf dem Hintergrund der eben in Erinnerung gerufenen neutestamentlichen Botschaft – nicht nur negativ sehen. Der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, hat vor einem Jahr während eines Vortrages hier in Greifswald in der Theologischen Fakultät den denkwürdigen Satz für die Evangelische Kirche insgesamt formuliert, den wir auch als Motto für die Strukturveränderungen bei uns gebrauchen können: „Wir sollten fröhlich kleiner werden und dabei wachsen wollen!“
Häufig wird mir in Gesprächen mit Gemeindegliedern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unverständnis, Resignation, ja manchmal Verzweiflung angesichts der kirchlichen Veränderungen der letzten Jahre und der noch ins Haus stehenden zum Ausdruck gebracht. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklungen, trotz der Mühe, die sie uns bereiten, abzulehnen sind. Die Kirche ist in ihrer äußeren Gestalt nach evangelischem Verständnis eine „ecclesia semper reformanda“. Wir dürfen uns nicht an eine zufällig gewordene historische Struktur gewöhnen. Gerade als Evangelische Kirche müssen wir bereit sein, uns immer und immer wieder zu wandeln. Entscheidend sind nicht die Strukturen, in denen die Kirche das ihr anvertraute Evangelium verkündet. Entscheidend ist, ob es als Evangelium wirklich zu Sprache kommt, Menschen erreicht und sie in eine Beziehung zu Jesus Christus bringt. Wenn wir unter dieser Aufgabe die gegenwärtigen kirchlichen Strukturen betrachten, dann müssen wir selbstkritisch zugeben, dass dies auch mit den vorhandenen Strukturen nur sehr unzureichend gelungen ist. Vielleicht steht ja am Ende dieses Umwandlungsprozesses eine Kirche, die flexibler und zeitgemäßer den ihr anvertrauten Auftrag der Evangeliumsverkündigung wahrnehmen kann.
Auch ein Blick in den säkularen Bereich zeigt, dass die Anpassung von Strukturen und Stellenplänen ein ganz normaler Vorgang ist. In Greifswald ist gerade kürzlich die Stadtverwaltung durch das Ergebnis eines Gutachtens erschüttert worden, in dem festgestellt wird, dass die Stadt Greifswald auf ein Drittel ihrer Angestellten verzichten könnte und gleichzeitig noch in der Lage wäre, die notwendigen Aufgaben zu erfüllen. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass bei veränderten Voraussetzungen und Bedingungen auch die Strukturen verändert werden müssen.
Auch in fünf Jahren bei dann ca. 100.000 Gemeindegliedern in der Pommerschen Evangelischen Kirche können wir mit den Möglichkeiten, die uns unsere Gemeindeglieder, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die anderen Gliedkirchen der EKD eröffnen, im Gestaltungsraum Vorpommern bei den Menschen sein. Wir werden auch dann in ganz Vorpommern durch Haupt- oder Ehrenamtliche präsent sein. Zu Gottesdiensten an vielen Orten wird im ganzen Land eingeladen werden. Seelsorge wird angeboten werden und die Kirche kann die Menschen an den Schwellensituationen des Lebens (Geburt, Erwachsenwerden, Hochzeit, Tod) begleiten. Allerdings muss das Netz der landeskirchlichen Angebote und der Gemeinden gezielt neu geknüpft werden und darf nicht einfach so übernommen werden, sie es zufällig historisch gewachsen ist. Wahrscheinlich wird die Evangelische Kirche in Vorpommern auch in fünf Jahren präsenter sein als alle anderen Institutionen. Unser Netz wird dichter sein als das der kommunalen Ämter, der Schulen, der Sparkassen usw. Wir werden gut aufgestellt sein. Aber wir werden uns an einige völlig neue Tatsachen gewöhnen müssen. Z. B. wird die Seligpreisung nicht mehr gelten: „Selig sind die Beene, die am Altar stehen alleene.“ Wir werden in Zukunft die Region als einen geistlichen Gestaltungsraum verstehen müssen, in dem Teamarbeit geschieht. Hier arbeiten Haupt- und Ehrenamtliche, vielleicht eine Pfarrerin, ein Pfarrer, eine Teilzeitgemeindepädadogische Kraft und eine Reihe von Ehrenamtlichen in unterschiedlichen Funktionen miteinander.
Die Aufteilung der verschiedenen Dienste und Aufgaben kann sinnvoller Weise nur Gaben orientiert geschehen. Wir dürfen damit rechnen, dass eine solche Aufteilung der verschiedenen Dienste eine größere Ausstrahlung nach außen gewinnt, als die des einzeln arbeitenden Pastors. Die Verheißung in Matthäus 18, 19 und 20 geht ja bewusst darauf, dass mehrere einig werden darüber, worum sie Gott bitten wollen, und dass Christus dort ist, wo mehr als einer in Jesu Namen auftritt. Nicht umsonst haben sowohl Jesus als auch Paulus seine Jünger mindestens zu Zweit ausgesandt. Es liegt eine besondere Segensverheißung auf der Gabenorientierten Ergänzung. Vielleicht können wir sogar sagen: Wir entdecken durch die Not herausgefordert alte biblische Grundsätze wieder neu.
Wir sollten unsere vier Kirchenkreise als geistliche Gestaltungsräume neu wahrnehmen, in denen einzelne Regionen als sinnvolle untere Gestaltungsebene zu identifizieren sind. Neben der Arbeit in den Regionen sollten wir pro Kirchenkreis auf der Angebotsseite folgende fünf Angebote vorhalten:
1. Um nachhaltig das Klima des Ressentiments in ein Klima der Offenheit oder sogar der Zustimmung zu verwandeln, sollte in jedem Kirchenkreis pro Jahr ein öffentlichkeitswirksames Event stattfinden. Es sollte ein Ereignis sein, bei dem die Kirche nicht einfach als Selbstzweck in Erscheinung tritt, sondern als eine Hilfe zum Leben erscheint. Als mögliche Events, die zum Teil in den letzten Jahren mit Erfolg durchgeführt, nenne ich:
- Landeserntedankfest
- Eröffnung eines spirituellen Zentrums (Kloster)
- Stadtkirchentag Pasewalk
- Chorfest in Stralsund.
2. Gegen das Unwissen in Glaubensdingen sowohl in der Bevölkerung als auch in Teilen der Kerngemeinde brauchen wir flächendeckende Angebote von Glaubensunterweisung, wie sie in Modellen eines Erwachsenenkatechemunats oder in Glaubenskursen angeboten werden. Hier nenne ich beispielhaft:
- Mönchguter Modell
- 40-Tage-Kampagne „Leben mit Vision“
- Glaubenskurs Christ werden - Christ bleiben
- Emmauskurse.
3. Wir müssen etwas tun gegen die Sprachlosigkeit des Glaubens. Im Sinne des aufklärerischen Satzes: „Religion ist Privatsache“, redet man heute über alles, nur nicht über den Glauben an Gott. Für das persönliche Gespräch im Nachbarschaftskontakt, in der Familie, am Arbeitsplatz gilt dies für die Kerngemeinde, wie auch weithin für die Pfarrerschaft. Der Glaube gewinnt Ausstrahlung, wenn Leute merken, dass er den Redenden auch persönlich etwas bedeutet.
In meiner Praxis als Gemeindepastor habe ich eine ernüchternde Erfahrung gemacht. Nach 1 1⁄2 Jahren Konfirmandenunterricht, schon in der Vorbereitung auf die Konfirmation, rief ein aufgeweckter Konfirmand plötzlich in das Unterrichtsgespräch: „Was, das, was Sie uns hier erzählen, das glauben Sie selbst? Glauben Sie das wirklich?“ Ich hatte bisher immer den Eindruck gehabt, ich sei mit mir identisch gewesen; ich stände für die Dinge und Werte, die ich gesagt hatte, auch persönlich ein, aber bei diesem Konfirmanden kam nach 1 1⁄2 Jahren Unterricht, einigermaßen regelmäßigem Gottesdienstbesuch und zwei gemeinsamen Konfirmandenfreizeiten erstmalig der Eindruck an die Oberfläche: „Der glaubt anscheinend, wovon er redet.“ Offensichtlich war dieser Konfirmand bis dahin Woche um Woche mit der Einstellung zum Unterricht gekommen: Hier erzählt uns jemand etwas, was er uns erzählen muss, denn dafür wird er bezahlt. Das ist seine Rolle, die er für uns spielen muss. Für ihn war klar: Der Pfarrer ist der Funktionär des Systems Kirche. Zur Aufrechterhaltung dieses Systems muss man bestimmte Leistungen erbringen. Der Pfarrer muss fromm daher reden, denn das gehört zu seiner Rolle. Aber mit dem wirklichen Leben hat dieses ganze System nicht viel zu tun.
Auf Kirchenkreisebene müssen deswegen Angebote für eine Sprachschule des Glaubens gemacht werden. Hier besteht die Chance, Haupt- und Ehrenamtliche zu einer wirklichen Glaubensgemeinschaft miteinander zu verbinden.
4. Gegen die gottesdienstliche Monokultur sollte es in jedem Kirchenkreis ein Zentrum für andere Gottesdienste geben. Die Differenzierung unserer Gesellschaft fordert zwingend auch eine Pluralisierung unserer Gottesdienstkultur. Besondere Zielgruppengottesdienste und Gottesdienste für Kirchenferne müssen für Jedermann und Jederfrau erreichbar auch in der Fläche angeboten werden. So ist es z. B. denkbar, bei der Ausschreibung von Pfarrstellen dieses Anforderungsprofil als eine Sonderaufgabe zu berücksichtigen, die dann auch die Besetzung einer Pfarrstelle möglich macht, wo bei bloßer Berücksichtigung der Gemeindegliederzahlen es zu einer Wiederbesetzung sonst nicht ausreichen würde.
5. In einer Gesellschaft, die den christlichen Glauben und die Kirche marginalisieren will, wird Presse- und Öffentlichkeitsarbeit so wichtig, dass sie nicht nur auf landeskirchlicher, sondern auch auf kreiskirchlicher Ebene ein besonderes Augenmerk verdient. Unter Beachtung der verschiedenen Gaben, die Pfarrerinnen und Pfarrer haben, halte ich es auch in diesem Fall für möglich, bei der Besetzung von Pfarrstellen Zusatzaufträge für den ganzen Kirchenkreis zu geben. Insgesamt ist es allerdings für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wünschenswert, wegzukommen von einer Berichterstattung über innerkirchliche Ereignisse, einer Berichterstattung, die nach außen hin die Assoziation eines Vereinschristentums weckt, und stattdessen stärker an Lebensnervfragen anknüpfend Glauben weckenden Journalismus zu betreiben. Ich weiß, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe ist. In der EKD wird an verschiedenen Stellen auf diesem Felde im Moment experimentiert. Wesentlich weiter in dieser Richtung fortgeschritten scheinen mir etwa die Publikationen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika zu sein.
Besonders Augenmerk verdient in den Kirchenkreisen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, also auch die Konfirmandenarbeit. Hier muss vor Ort geprüft werden, ob Jugend- und Konfirmandenarbeit in Regionen oder auf Kirchenkreisebene zu geschehen hat. Auf jeden Fall ist die Zeit vorüber, in der Planung und Gestaltung von Jugend- und Konfirmandenarbeit nur im Horizont einer einzelnen Gemeinde geschehen konnte. Junge Menschen müssen sich heute schon ab dem Grundschulalter in der Regel in größeren Regionen bewegen, bauen Sozialbeziehungen in größeren Räumen auf und sind durchaus bereit, auch für Freizeitaktivitäten gewisse Wege zurückzulegen. Ich denke aber, dass hier eine Entscheidung nicht zentral, sondern nur in den Kirchenkreisen gefällt werden kann.
Wenn von weniger Leuten mehr gefordert wird, werden wir als Kirche noch stärker in gutes Personal und gute Aus- und Fortbildung von Ehren- und Hauptamtlichen investieren müssen. Auf der Seite der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Landeskirche sehe ich auch folgende fünf Aufgaben, die vor uns liegen:
1. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Fortbildung der Hauptamtlichen und der Ehrenamtlichen muss ein Schwerpunkt gesetzt werden auf die Weckung der Bereitschaft zur Übernahme von Führungsverantwortung und der Wahrnehmung von Leitungsaufgaben. „Die drängendsten Aufgaben unserer Kirche und unserer Gemeinden – die Erarbeitung von Prioritäten, der Aufbau lebendiger neuer Strukturen und die Konsolidierung der Haushalte - erfordern theologische verantwortete Führung- und Leitungskompetenz. Es gibt eine unaufgebbare Einheit von geistlicher Leitung und effektiver Führung. Darin eingeschlossen ist Persönlichkeitsentwicklung.“ Für die Entwicklung unserer Kirche wird die sorgfältige Beschäftigung mit diesen Fragen und die Schulung der Mitarbeitenden auf allen Ebenen und in allen Bereichen eine der Schlüsselfragen für unsere Zukunft sein.
2. Nach punktueller Erprobung in einigen Kirchenkreisen sollten wir vereinbaren, dass jährliche Dienstgespräche zwischen den Superintendenten und den Pfarrerinnen und Pfarrern verpflichtend werden. Dadurch ließe sich eine kontinuierliche Reflexion und Weiterentwicklung der Pfarrerschaft – wie die Erfahrung aus anderen Landeskirchen zeigt – erreichen. Ähnliches sollte auch auf der landeskirchlichen Ebene eingerichtet werden.
3. Programme zur Schulung von Ehrenamtlichen müssen installiert, bzw. intensiviert werden wie Kurse für Lektoren, Prädikanten, Gemeindekirchenratsmitglieder, Gruppenleiter.
4. Formen der Beratung und Begleitung von Mitarbeitenden, wie Supervision bedürfen einer besonderen Förderung.
5. Alle Maßnahmen, die der Stärkung einer gemeinsamen Identität der Mitarbeiterschaft der Pommerschen Evangelischen Kirche dienlich sind, sollten ergriffen werden. Die interne Kommunikation bedarf einer besonderen Fürsorge. In diesem Zusammenhang sollte auch die Rolle des Generalkonventes, des Bischofsinfos und der Kirchenkreis internen Nachrichtenblätter überprüft werden. Ich komme zum Schluss. Entscheidend wird in Zukunft sein: Wissen wir als Pommersche Evangelische Kirche, wofür wir da sind und spiegeln wir die Gewissheit über den Sinn unserer Existenz auch in unsere Gesellschaft? Ich schlage vor, dass wir unsere Arbeit konzentrieren und etwa nach folgendem Mission-Statement ausrichten:
“Die Pommersche Evangelische Kirche will den Menschen in Vorpommern, auch den gott- und kirchenfernen, in Wort und Tat die Gute Nachricht weitergeben, dass Gott sie liebt und er sie zu Nachfolgern Jesu Christi machen will.“
Alles, was nicht mit diesem Auftrag zu tun hat, können wir dann, wenn es sein muss, auch lassen. Um Jesu Willen dürfen wir allerdings diesen Auftrag nicht versäumen.
Wenn wir in Einigkeit und Zuversicht dieses Ziel verfolgen, wird das Ressentiment weichen und sich der Trend wenden. Wenn wir aber nicht so recht wissen, was das Ziel unserer kirchlichen Arbeit ist, werden wir verzagen und der Frust, der unsere Umgebung weithin prägt, wird sich auch unter uns breit machen. Für unsere tägliche Arbeit gilt dabei der paradoxe Satz Axel Noacks: „Wir sollten fröhlich kleiner werden und dabei wachsen wollen!“
Züssow, 8. Oktober 2004
Dr. Hans-Jürgen Abromeit
Bischof 
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