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Begegnungstreffen zwischen Bayern und Mecklenburg

,Kirche mit Anderen‘ gestalten

26.01.2016 ǀ Neustrelitz.  „Wir sind auf dem Weg zu einer anderen Kirche, einer Kirche mit Anderen. Diese Entwicklung ist für mich beglückend und ich habe große Hoffnung.“ Dieses Fazit im Blick auf ihre Region zog Pröpstin Christiane Körner am vergangenen Wochenende (22. bis 24. Januar) in Neustrelitz und Grünow. Dort hatten sich Vertreter der bayerischen Landeskirche und des Kirchenkreises Mecklenburg zu ihrem jährlichen Austausch getroffen. Im Mittelpunkt stand die „Zukunft ländlicher Räume“.

Der demografische Wandel ist nicht allein in Mecklenburg ablesbar: „In Bayern stehen wir ebenso vor den Fragen, wie sich das kirchliche Leben angesichts kleiner, älter und international werdender Bevölkerung verändert, wie verlässlich wir unter diesen neuen Bedingungen als Kirche sein wollen und auf welche Weise wir weiter in der Fläche präsent sein können“, so Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk, die auch die bayerische Beauftragte für die Land-Kirchen-Konferenzen der EKD ist. „Diejenigen, die an neuen Ideen einer anderen, gabenorientierten Präsenz in der Fläche arbeiten, umgibt deutschlandweit eine Art ‚unsichtbares Band‘. Ich bin sehr dankbar für die Klarheit, mit der die Konsequenzen eines neuen Nachdenkens in Mecklenburg, z.B. im Blick auf ,Erprobungsräume‘, benannt werden.“ Und ihre Synodenpräsidentin Dr. Annekathrin Preidel ergänzte zu Beginn der Tagung: „Wir bereiten gerade die bayerische Landessynode zum Thema ,Kirche im ländlichen Raum‘ vor und erhoffen uns hier Impulse und Erfahrungen zum Weiterdenken.“

In Mecklenburg, so das spätere Fazit der Präsidentin, lernten wir „kreative Strukturen, inspirierende Projekte und vor allem eine ansteckende Zuversicht von kirchlichen Mitarbeitenden kennen“ - beispielsweise bei drei Workshops im Pfarrhaus Grünow. „Die Dörfer in unserer Region sind im Wandel begriffen. Viele ziehen neu zu, besonders aus Berlin. Ich bin mit meiner Familie gerne hier im Osten Mecklenburgs und freue mich über alle, die neu zu uns kommen. Mit diesem Blick lerne ich mehr und mehr, nicht mehr auf die kirchliche Mitgliederstatistik fixiert zu bleiben“, sagte die junge Pastorin Friederike Pohle, die in wenigen Wochen ihr drittes Kind erwartet.

„Wir-Gefühl“ durch Bewahren von Erinnerungen

Das neueste Projekt der Kirchengemeinde Grünow-Triepkendorf, die Archiv-Kirche Goldenbaum, stellte der Maler und Grafiker Wolf Leo vor. „Die Dorfkirche soll künftig die Erinnerungen der Menschen bewahren, etwa mit Dokumenten und Fotos von Familien aus der Kriegs- und Nachtkriegszeit, die sonst verloren gehen“. Die gesammelten Erfahrungen könnten ein qualitatives „Wir-Gefühl“ erzeugen“, hofft der Künstler, dessen Atelier einen Steinwurf entfernt vom Pfarrhaus liegt.

„Leben und Arbeiten in einer ländlichen Großgemeinde“, so war ein weiterer Workshop überschrieben. „Unsere Verbundene Kirchengemeinde Friedland, das sind 24 Dörfer, 18 Kirchen und ebenso viele Friedhöfe“, berichtete Pastorin Ruthild Pell-John. Entscheidend dafür, dass dies Großgemeinde-Modell aufgeht, sei gewesen, dass 2008 „der Impuls dazu von den Kirchengemeinden selbst kam“. Auf die Frage, wie sie dies alles schaffe, gab es eine klare Antwort: „Ich bin gut ausgelastet, aber nicht überfordert. Vor allem dank unseres Teams, das ganz praktisch entlastet und der Unterstützung aus der Kirchenkreisverwaltung. Vor allem seien es aber „die Leute in der Stadt und den Dörfern, die es wert sind hier zu sein“, bekannte die Pastorin.

Kirche soll im Dorf bleiben

Zuvor hatte Regionalpastor Christian Rudolph (Ballwitz) im Borwinheim den bayerischen Gästen das Zukunftsmodell „Gemeindeverband“ am Beispiel der drei Kirchgemeinden im Stargarder Land vorgestellt. „Dass dies tatsächlich ein Zukunftsmodell ist, wird immer wieder diskutiert. Wir aber machen gute Erfahrungen damit“, sagte Christian Rudolph, der danach weiter reiste zu einer Veranstaltung mit über hundert Ehrenamtlichen, die für den Gemeindeverband aktiv sind. „Gleichzeitig bietet dieses Modell Gelegenheit, im Teampfarramt Entlastung und Orientierung an den Gaben leben zu können.“ Auch fand die enge Verzahnung und gegenseitige Stärkung, die dieses Modell den beteiligten Gemeinden bietet, reges Interesse, genauso wie der lebendige Workshop über Kirchbau-Fördervereine.

In diesen sind zahlreiche Menschen aktiv, die der Kirche gar nicht angehören. „Erst geht es den Mitgliedern um den Erhalt des Gebäudes, später um dessen vielfältige, auch kulturelle Nutzung für das gesamte Dorf“, so Wilhelm Lömpcke aus Schwarz. Für den Regionalpastor der Kirchenregion Strelitz hat der gemeinsame Erhalt von Dorfkirchen, den er seit Jahren zusammen mit Menschen ohne Mitgliedschaft engagiert betreibt, einen tieferen Sinn: „Hinter der Hoffnung der Menschen, die ‚Kirche möge im Dorf bleiben‘, verbirgt sich für mich ebenso: Jede erhaltene Dorfkirche ist ein sichtbares Zeichen, dass man vor Ort nicht gottverlassen ist.“

„Erprobungsregionen" als flexibler Lösungsansatz

Angesichts der Veränderungen in ländlichen Räumen plädierte der Schweriner Bischof Andreas v. Maltzahn beim Begegnungstreffen für einen Umbau kirchlicher Strukturen. Trotz schon praktizierter regionaler Zusammenarbeit gebe es Kirchengemeinden, die „so ausgedehnt und an die Grenze der Gestaltungsfähigkeit gekommen sind, dass die bisherigen Lösungsansätze nicht mehr greifen“, so v. Maltzahn. Deshalb sei es nötig, die bisherigen Gemeindeformen zu flexibilisieren, um orts- bzw. regionalspezifische Lösungen zu ermöglichen.

Solche ,Erprobungsregionen' sind wichtig, um dem Wandel zu begegnen, hieß es auf der Tagung. Wie ebenso die Grundhaltung als Kirche, die die Gäste aus dem Süden in Mecklenburg kennen gelernt haben: Kirche sein zu wollen, auch wenn man klein ist. Und Ideen zu haben, um mit Menschen etwas zu erleben. Kurzum: eine ,Kirche mit Anderen‘ zu gestalten. „In Bayern sind wir oftmals noch zögerlich, Kirche neu als ‚Kirche mit Anderen‘ zu denken“, so Pfarrerin Barraud-Volk.

Aus Not erwächst Potential zur Erneuerung

Pröpstin Christiane Körner erwiderte: „Auch wir erleben: Es braucht Zeit, sich auf Neues einzulassen. Schwierigkeiten gehören dazu. Doch in der Not und der Erkenntnis zur Veränderung steckt ein Potential zur Erneuerung.“ Und der mecklenburgische Präses Christoph de Boor benannte die Chance der Begegnung auch in geistlicher Hinsicht: „Wir lernen, gemeinsam zu vertrauen, dass Gott die Wege unserer beiden Kirchen mitgeht. Wenn wir gemeinsam zusammen mit unseren bayerischen Partnern auf unsere Situation schauen, verändert sich auch unser Blick auf unsere mecklenburgische Situation. Wir lernen eine neue Wahrnehmung, die uns stärkt und bereichert.“

So war es passend, dass ein gemeinsamer Gottesdienst in Kiefernheide am Ende der Tagung stand. In ihrem Grußwort in der Kirche bekannte die bayerische Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel: „Wir nehmen aus Mecklenburg wertvolle Impulse mit und fahren erfüllt wieder nach Hause. Im kommenden Jahr freuen wir uns, dann unsere mecklenburgischen Freunde nach Bayern einzuladen. Unsere Partnerschaft zum Kirchenkreis Mecklenburg ist ein Geschenk, das wir auch in der Nordkirche bewahren und leben werden.“

Hintergrund: Seit 1948 sind die evangelischen Christen in Bayern und Mecklenburg partnerschaftlich miteinander verbunden. Zwischen Kirchengemeinden und einzelnen Gruppen gibt es Austausch. Synodale, kirchliche Mitarbeitende und leitende Geistliche informieren sich regelmäßig, denken gemeinsam über den christlichen Glauben und die Zukunft der Kirche nach. 2018 jährt sich die Partnerschaft zum 70. Mal.
Quelle: ELKM (cme)

Weitere Informationen zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern finden Sie unter: www.bayern-evangelisch.de