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“Das unerhörte Ereignis ist vorüber und doch nicht vergangen“ – eine Ausstellung zum sexuellen Mißbrauch in Rostock

 

Ansprache von Elke König, Schirmfrau

Ansprache von Annerose Neumann, Ev. Frauenwerk

Bilder aus der Ausstellung

 

Rostock (ran). „Sexuelle Gewalt ist kein Tabuthema mehr – Tabu ist die Identität der Täter“ sagte die Künstlerin Renate Bühn bei der Eröffnung der Ausstellung „Was sehen Sie Frau Lot?“ in der Nikolaikirche in Rostock am Donnerstag Abend. Die Ausstellung zur Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt zeigt Objekte von Renate Bühn, Maria Mathieu und Heike Pich noch bis zum 20. März 2005. „Kunst ist eine Form des Widerstands,“ so Heike Pich, „eine Form, zur Sprache zu finden.“ Und die Sprache haben sie gefunden, denn fast alle Objekte sprechen selbst, etwa die 2000 Schlipse in der Mitte des Raumes, denn von 2000 sexuellen Straftätern werden nur 100 angeklagt und nur zwei ohne Bewährung bestraft.

 

Schirmfrau Elke König, Präses der Pommerschen Landessynode, sprach die Frage der christlichen Vergebung an. Eine „christliche Vergebungspflicht ohne Bewußtsein der eigenen Schuld und Reue, sei eine Verspottung der Opfer“, sagte sie. Annerose Neumann, kommissarische Leiterin des Evangelischen Frauenwerkes, sprach das Schweigen über dieses Thema an: „Die Täter, die Familien, die Gesellschaft verbieten uns das Hinschauen, das Reden, sie fordern das Schweigen. Sie alle, und leider besonders die Mütter, stimmen in das geforderte Schweigen lautstark ein.“ Gerade deshalb diese Ausstellung: um Mut zu machen, das Schweigen nicht als Lebenshaltung zu ertragen und zu erstarren.

 

Vom sexuellen Mißbrauch ist jedes dritte bis vierte Mädchen und jeder achte bis zehnter Junge betroffen. Vielen geht es dabei und danach so wie in einer Installation von Renate Bühn: Ein sechs Meter langes Sägemesser hängt von der Decke und daneben ein Herz auf einem Kopfkissen – Verletzungen lebenslang.

 

Mehreren Frauen – ermordet oder aus dem Leben geschieden – galt ein Objekt vor dem Altar. Der Strudel des Mißbrauchs, daß sie ihren Werten nicht mehr trauen können, hat einige Frauen in den Tod getrieben – Ihre Namen sind verzeichnet. Wie Grabplatten, die auch in der Kirche an den Wänden stehen.

 

Daß diese Ausstellung in einer Kirche zu sehen ist, ist Irritation und „Herberge“, wie Annerose Neumann sagte, denn die Kirche „ist Ort der Klage, der verletzten Gefühle und der Wunden.“ Sie kann ein Zuhause geben, da sie das Schweigen zur Sprache bringt. Die Künstlerin Maria Mathieu versteht ihre Arbeit in diesem Zusammenhang: „Das, was ich kann, ist niemals zu schweigen. Meine Sprache ist meine Autorität.“

 

Daß diese Objekte in einer Kirche zu sehen sind, war für eine Besucherin der Eröffnung eine Öffnung für Kirche. Die Ausstellung „Was sehen Sie Frau Lot?“ ist vom Evangelischen Frauenwerk in Mecklenburg-Vorpommern und dem Verein Frauen helfen Frauen e.V. Rostock“ getragen und unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Pommerschen und Mecklenburgischen Kirche und vorbereitet von Frauke Lietz und Ulrike Bartel.

 

Ein vielfältiges Rahmenprogramm wird angeboten und Führungen durch die Ausstellung sind möglich: Weitere Informationen und Programm.

Die Ausstellung in der Nikolaikirche in Rostock wird bis zum 20. März von 10.00 bis 18.00 Uhr gezeigt. (4.3.2005)


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