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Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 im Nordkirchensprengel Mecklenburg und Pommern

Auseinandersetzung statt Eventkultur

27.10.2013 ǀ Schwerin.  Seit einigen Wochen ist Dr. Mitchell Grell, bisher Gemeindepastor in Kirchdorf auf Poel, Sprengelbeauftragter für die Reformationsdekade in Mecklenburg und Pommern. Nicht so sehr die Organisation von „irgendwelchen Events wie anderswo“ ist dabei sein Ziel. Er möchte helfen, dass in den Gemeinden hier im Land „die Sache der Reformation selbst“ zur Sprache kommt.

Mitchell Grell war etliche Jahre begeisterter Mecklenburger Gemeindepastor, erst in Benthen bei Lübz, dann in Kirchdorf auf Poel. Darum schwingt neben aller Begeisterung für seine neue Aufgabe auch ein bisschen Wehmut mit und der Versuch, sich zu erklären, dass er nun bis 2017 nicht an der Basis arbeitet. Doch er ist auch ein promovierter und profilierter lutherischer Theologe, der die theologische Arbeit in der Landessynode Mecklenburgs und bei den Fusionsverhandlungen zur Nordkirche geprägt hat, immer interessiert auch am akademischen theologischen Diskurs. Darum war er auch im September 2012 als Delegierter der Nordkirche zur Tagung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Florenz geschickt worden. „Dort“, so erzählt er, „hat mich der Reformationsbeauftragte der Nordkirche, Oberkirchenrat Dr. Daniel Mourkojannis, gefragt, ob ich ihm nicht helfen könnte, im Blick auf die Reformationsdekade in Mecklenburg und vielleicht auch in Pommern Kontakte zu knüpfen.“

Schweren Herzens zugesagt

Mitchell Grell sagte zu und machte sich an die Arbeit, und so entstand schnell eine Arbeitsgruppe für die Reformationsdekade, zu der u.a. die Bischöfe von Maltzahn und Abromeit gehörten. Und als es darum ging, die neugeschaffene befristete Stelle eines Reformationsbeauftragten im Sprengel Mecklenburg und Pommern zu besetzen, wurde Dr. Grell vorgeschlagen. „Nach langem Hin und Her habe ich mich doch für die Stelle entschieden und schweren Herzens meine Poeler Pfarrstelle aufgegeben“, betont er.

Auch wenn noch vieles im Aufbaustadium ist und er durch die Pfarrkonvente reist, um zu hören, welche Wünsche und Vorstellungen die Gemeinden haben, so hat er doch auch klare Vorstellungen: „Mein Hauptziel ist: Bei uns in unserem Sprengel soll es vor allem um die Sache der Reformation selbst gehen – keine Ansammlung von Events, die nur krampfhaft und künstlich in Verbindung mit Luther und der Reformation zu tun haben.“

Eine bloße Heldenverehrung Martin Luthers soll es nicht werden, „erst recht keine deutsch-protestantische Siegesfeier“. In erster Linie sollen die Hauptanliegen der Reformatoren wieder ins Bewusstsein der Gemeinden, aber auch ins Bewusstsein der vielen nichtkirchlichen Menschen im Lande gerufen werden. Dies soll so geschehen, dass es für alle verständlich ist – „wir reden gerne von einer Elementarisierung der Reformationsbotschaft für die Menschen unserer Zeit und dieses Landes“.

Was heute „dran“ ist

„Dran“ sind für ihn vor allem folgende Themen, „im Moment jedenfalls“, wie er betont: Die Rechtfertigungslehre, also der Artikel, nach dem die Kirche aus Sicht der Reformatoren steht und fällt, soll wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Neben der positiven Würdigung gehört für ihn aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der theologischen Sprache dieser Lehre dazu, die vielen Menschen den Zugang zu dieser Vorstellungswelt erschwert. Mitchell Grell: „Es kommt darauf an, die sachliche Nähe zu anderen in unserer Kirche verbreiteten Redeweisen von Gott und unserer Beziehung zu ihm aufzuspüren und zu artikulieren – etwa – Gott als Liebe, die sich des Menschen erbarmt, ihn annimmt und bejaht, das, was ihn vernichtet, verwirft und verneint.“

Neu diskutieren will er auch Luthers Kampf gegen eine Moralisierung des Christentums, wo die Einhaltung der religiösen Gesetze als Weg zum Heil scheinbar aufgegeben wird – in Wirklichkeit aber das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes, zum steinernen Gesetz verkommt. Auch Fragen zum diesjährigen Thema der Reformationsdekade „Reformation und Toleranz“ will er neu ins Gespräch bringen: Wie wurde die Reformation zum Motor einer geschichtlichen Entwicklung, die in die Entstehung moderner toleranter Gesellschaften wurde? Wo findet man bei den Reformatoren Ansätze eines neuzeitlichen Toleranzverständnisses? Wo und wie waren sie gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden aus heutiger Sicht intolerant? Was waren wahrscheinlich ihre Beweggründe dabei? Gab es darunter auch theologische Beweggründe? Kann es einen echten christlichen Glauben ohne ein gewisses Maß an Intoleranz geben?

Christ und Staatsbürger

Im nächsten Jahr steht als Thema der Dekade „Reformation und Politik“ auf dem Programm. Spannend für uns Heutige ist für Mitchell Grell Luthers Auseinandersetzung mit der katholischen „Zweischwerterlehre“ und die sich daraus ergebende Lehre von den zwei Regimenten, die seit 1939 meist „Zweireichelehre“ genannt wird. Luthers „höchst moderne Trennung von Kirche und Staat“ sind kritisch zu würdigen – besonders im Vergleich von alternativen Vorstellungen bei den humanistisch geprägten Reformatoren wie Melanchthon, Bucer und Calvin. Und: Was bedeutet das Ideal eines „christlichen Staates“ und die Entstehung moderner Staaten mit jüdisch-christlicher Prägung für uns als heutige Staatsbürger?

Neben den großen Themen soll aber auch die Reformationsgeschichte in Mecklenburg und Pommern bis hin zur lokalen Geschichte in den Gemeinden in den Blick kommen: „Im Moment ist ein Bilderheft ,Orte der Reformation in Mecklenburg und Pommern‘ in Arbeit. Ich schreibe den Hauptartikel über die Reformation in Mecklenburg. Die Ortsgeschichte in Sachen Reformation soll wieder ins Bewusstsein der Pommer und Mecklenburger gerufen werden – auch als Teil der Identitätsbildung“, ist dem Reformationsbeauftragten wichtig.

Gute Projektideen gesucht

Wie das alles geschehen kann? Vorgenommen hat sich Mitchell Grell ganz konkrete Schritte: „Ich möchte in die Konvente gehen, mit ihnen theologisch und – wenn gewünscht – zielorientiert arbeiten. Die ersten Klausurtagungen sind schon in der Planung“, erzählt er. Auch mit anderen Konventen und interessierten Gruppen in unserem Sprengel will er arbeiten. Vorträge zum Thema hat er schon bei der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in MV gehalten, ebenso bei Emeritentreffen, in der Partnerkirche in Växjö/ Schweden und jüngst beim Konvent Mecklenburg-Lolland/Falster.

„Und ich bin auf Projektsuche – ich hoffe, dass Gemeinden und die Dienste und Werke in unserer Kirche sich mögliche Projekte für die Reformationsdekade ausdenken“, ermuntert Dr. Grell, der sich anbietet, diese Projekte dann auch zu begleiten. Animieren will er dazu auch Kommunen, Kulturschaffende und Museen. „Auch hier ist so manches in Arbeit. Die Stadt Rostock plant zum Beispiel ein großes Slüterfest. Und auch manch ein Musikprojekt steht an.“

In der „Findungsphase“ ist noch die Idee, einen Film anlässlich der Reformationsdekade zu drehen, verrät Grell. Bereits im Aufbau begriffen ist eine Internetseite. Dort sollen gelungene Projekte als Vorschläge für andere Gemeinden, Schulen und Vereine eingestellt werden. Und wo ist er zu erreichen? „Mein Dienstsitz wird im Zentrum kirchlicher Dienste in Rostock sein.“ Und wohnen werden er und seine Familie in Kukuk bei Sternberg.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 43/2013