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DDR-Geschichtsprojekt der Nordkirche steckt noch in Vorbereitungsphase

Aufarbeitung: Experten gesucht

Von Sybille Marx

Greifswalder Landessynode 1975. Wie Kirche in der DDR „funktionierte“, will die Nordkirche untersuchen.
11.03.2018 ǀ Greifswald/Kiel.  Vor gut zwei Jahren war im Pommerschen Kirchenkreis deutlich geworden: Die Geschichte der Greifswalder Landeskirche zu DDR-Zeiten müsste viel umfassender erforscht werden als bisher. Inzwischen haben Theologen der Nordkirche erste Ideen entwickelt. Doch Ergebnisse werden frühestens 2019 erwartet.

Wie wird man dem Thema gerecht? Wie schafft man es, die DDR-Vergangenheit der Nordkirche nur exemplarisch und trotzdem angemessen zu erforschen? „Das ist unser größtes Problem“, sagt Thomas Schaack vom Dezernat Theologie, Archiv und Publizistik der Nordkirche. 2016, nach heftigen öffentlichen Debatten über die DDR-Aufarbeitung im Pommerschen Kirchenkreis, hatten er und Kollegen im Landeskirchenamt von den Bischöfen den Auftrag bekommen: Klärt, was die Nordkirche über ihre DDR-Vergangenheit noch wissen muss und wie sie diese Themen bearbeiten kann. Als vorbereitende Arbeitsgruppe sollten Schaack und andere eine nächste Arbeitsgruppe einsetzen, die dann die eigentliche Forschungsarbeit leisten würde.

Diese Gruppe gibt es noch nicht. Schaack und sein Chef Matthias Lenz haben vor Kurzem erste Überlegungen im pommerschen Kirchenkreisrat vorgestellt: Wissenschaftler der theologischen Fakultäten in Hamburg, Kiel, Greifswald und Rostock würden sie gerne als Referenten für Tagungen gewinnen, außerdem weitere Historiker – und jemanden, der alles koordiniert. „Wir hoffen, dass wir Partner finden, die jeweils einen Aspekt erforschen“, erklärt Schaack. Vom Institut für Kirchengeschichte in Kiel heißt es, man sei grundsätzlich bereit mitzuwirken. Mit den anderen Unis sind noch keine Absprachen gelaufen. Schaack sagt: Wenn man sich richtig ranhalte, sei es trotzdem denkbar, 2019 eine erste Tagung auszurichten, danach vielleicht weitere, und in der Folge Tagungsbände herauszubringen. „Die Nordkirche will für das Projekt auch Geld in die Hand nehmen.“ Wie viel, sei noch unklar.

Der pommersche Kirchenkreisrat erhofft sich von den Sachverständigen Antworten auf die Frage, „welche Mechanismen zu den wiederkehrenden Verfehlungen innerhalb der Kirche führten“. Ursachenforschung sei nötig, um Strukturen künftig anders gestalten zu können, erklärt Sprecher Sebastian Kühl. Aus der Geschichte zu lernen, sei wichtig, sagt auch Schaack und betont zugleich: „Es geht nicht darum, einzelne Personen reinzuwaschen und anderen irgendetwas nachzuweisen.“ Ziel sei es vielmehr, ein umfassenderes Bild davon zu bekommen, wie die evangelische Kirche in MV zu DDR-Zeiten „funktionierte“. Exemplarisch könnten Einzelschicksale und Themen dargestellt werden – zum Beispiel, wie die kirchliche Friedens- und Umweltarbeit aus der DDR in den Westen ausstrahlte, was Partnerschaft en mit Gemeinden der Nordelbischen Landeskirche bewirkten und mit welchen Strategien Kirchenmitglieder in Mecklenburg und Pommern auf Anwerbungsversuche der Stasi reagierten.

„Tagungen sind viel zu oberflächlich“

In einigen Punkten scheint die vorbereitende Arbeitsgruppe allerdings noch uneins zu sein. Während es aus Kiel heißt, Tagungen seien „das Mittel der Wahl“, meint Pastor und Kirchenhistoriker Irmfried Garbe aus Dersekow bei Greifswald: „Tagungen sind viel zu oberflächlich. Wir brauchen mindestens einen Wissenschaftler, der einen Überblick über die Geschichte der Greifswalder Landeskirche zu DDR-Zeiten erarbeitet und dafür bezahlt wird.“ Die überarbeitete Auflage des „Greifswalder Wegs“, die Historikerin Rahel Frank im vergangenen Jahr vorgestellt hatte, sei ein wichtiges Buch, aber nicht differenziert genug, und es beleuchte nur einen Aspekt: Wie Mitglieder der Kirchenleitung sich zu DDR-Regierung und Stasi verhielten. „Weil es kaum andere Forschung gibt, ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden: Die Pommersche Kirche ist die Stasi- Kirche. Das ist mitnichten eine angemessene Beschreibung.“

Garbe und Schaack erinnern beide auch daran, dass die Landeskirchen in MV ihre Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit schon in den 1990er-Jahren begonnen hatten – in Pommern mit schriftlichen Befragungen von Kirchenmitgliedern zur Stasi- Zusammenarbeit, in Mecklenburg mit einem Vertrauensrat. In beiden Landeskirchen wurden auch Kirchenmitarbeiter durch die „Gauck-Behörde“ geprüft. Derzeit läuft in Mecklenburg zudem ein Biografienprojekt: Die Lebensgeschichten von 200 Mecklenburgern zu DDR-Zeiten sollen in Kurzform erzählt werden.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 10/2018

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