Nach oben

Die Wochenandacht im Portal kirche-mv.de

Archiv


22.11.2020

"Will you know my Name, when we see us in heaven?"

Von Propst Dirk Sauermann, Propstei Parchim

Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Der Herbst ist fast vorbei, der Winter steht vor der Tür. Das Fallen der Blätter erinnert uns an den Tod und an die vergehende Zeit, über die wir nicht verfügen. Das Kirchenjahr, das Jahr geht zu Ende.

Mitten in dieser düsteren und kalten Jahreszeit denken wir nun heute an die Menschen, mit denen es einst warm war, geborgen und schön. Unsere Gedanken gehen zurück zu den Menschen, die wir verloren haben. Dieses Jahr starben manche Menschen noch einsamer, weil isoliert. Angehörige standen buchstäblich draußen vor der Tür. Und dann die Erfahrung, dass auch das Trauern begrenzt und beschränkt wurde. Gedenken im kleinen und ganz kleinen Kreis. Doch auch hier nicht ohne Gott! Er spricht durch seinen Propheten:
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jes.43,1) Trost, der trägt und doch bleiben Fragen. Zum Beispiel: Wie wird das sein, bei Gott im Himmel?

Eric Clapton, der berühmte Rockmusiker, hat ein Lied geschrieben, das heißt: „Will you know my Name, when we see us in heaven?“
„Wirst du meinen Namen wissen, wenn wir uns im Himmel wiedersehen?“

An vielen Orten im Kirchenkreis bringen wir am Sonntag die Namen unserer Lieben vor Gott. Gestorben sind sie, alt und lebenssatt vielleicht, vielleicht auch viel zu früh, in der Blüte ihrer Jahre. Manche durch einen Unfall, eine mörderische Krankheit oder durch die Schuld anderer Menschen.

Hinter jedem Namen steht ein ganzes Schicksal, ein ganzes Leben mit Gutem und Bösem, mit Freud und Leid. Noch einmal erinnern wir uns an das, was wir diesen Menschen verdanken, was sie uns gewesen sind.

„Will you know my Name, when we see us in heaven? – Wirst du meinen Namen wissen, wenn wir uns im Himmel wiedersehen?“ „Wirst du mich kennen, Gott?“, heißt das. „Wirst du mich ansprechen, mich beim Namen nennen und willkommen heißen? Werde ich bei dir wieder die Sabine sein oder der Helmut, der Tobias, die Marion und der Fritz? Werde ich wieder der Mensch sein, der ich war?  Wie soll ich mir das vorstellen? Welchen Leib werde ich haben?

Ein Mann, dessen Gesicht von Jugend auf verwachsen war, der hat gesagt: „Ich glaube schon an die Auferstehung von den Toten. Aber, wenn ich dort wieder mit meinem entstellten Gesicht rumlaufen muss, dann möchte ich lieber im Tod bleiben.“ Wie ist das mit der Auferstehung? Welchen Leib haben unsere Toten?

Der Apostel Paulus sagt dazu (1.Kor. 15, 35 ff.): „Nun könnte jemand fragen: welchen Leib werden die Toten haben? Was für eine törichte Frage.“ Und dann vergleicht Paulus den menschlichen Leib mit der Natur. Unser Leben ist wie ein Samenkorn. Es ist aus Erde und muss in die Erde zurück. Nur so kann etwas Neues entstehen aus diesem Samenkorn, aus unserem irdischen Leib. Was du säst wird nicht lebendig, wenn es nicht vorher stirbt, meint Paulus. Und das wissen wir ja auch: Jedes Samenkorn, das wir in die Erde stecken, vergeht. Etwas Neues, ungleich viel Schöneres entsteht daraus. So ist es auch mit unserem Leib. Er muss in die Erde, dass der neue und unverwesliche Leib entstehen kann. Verwandlung, ist das Zauberwort des Paulus. Gott kann den sterblichen Leib, uns Menschen verwandeln. Ein neuer Leib entsteht und trotzdem der alte. Neue Menschen und trotzdem die Alten?

„Wirst du meinen Namen wissen, wenn wir uns im Himmel wiedersehen?“ Dieses Lied schrieb Eric Clapton, als sein 4-jähriger Sohn beim Spielen aus dem Fenster eines Hochhauses in den Tod gestürzt ist.

Ich finde es bemerkenswert, dass es in diesem Lied nie darum geht, ob es eine Auferstehung gibt, sondern nur darum, ob Gott unsere Namen weiß, ob er uns gleich erkennt, und ob es im Himmel noch Tränen gibt. Es steht für Eric Clapton außer Frage, dass wir uns und unsere Lieben im Himmel wiedersehen.

Der Tod ist kein Ende, er ist eine Tür und nur diese Tür führt weiter. „Hinter dieser Tür ist Frieden“ singt er: „Behind this door is peace.“

Eine sanfte Berührung des Engels öffnet diese Tür. Was uns als endlich, begrenzt und abgeschlossen erscheint, kann Gottes Macht öffnen. Uns erwartet nach unserem leiblichen Tod die Verwandlung vom Tod zum Leben, von der Paulus erzählt. Menschen, die wir gehen lassen mussten, so glaube ich, sind uns nur vorausgegangen durch die Tür in Gottes ewigen Frieden. Wir werden einmal nachfolgen. Dieses zu glauben, will uns Gott durch seinen Propheten ermutigen.
„Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“, spricht Gott durch den Propheten.

18.11.2020

Die Pandemie lehrt, Demut neu zu entdecken

Wort zum Buß- und Bettag von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

25 Jahre ist es schon her, dass der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde in allen Bundesländern außer Sachsen. Die Finanzierung der Pflegeversicherung wurde damals als wichtiger erachtet als ein Tag kollektiver Einkehr.

Was soll das überhaupt sein – Buße? Ein völlig veraltetes Wort. „Das wirst du mir büßen!“, rufen vielleicht manchmal noch Leute, um Rache zu schwören. Gedacht war der Bußtag als Tag der Einkehr und der Besinnung. Mal still werden und über das Leben nachdenken. Umkehren, neue Wege gehen.

Und nun dies: Fast kommt es mir vor, als seien wir seit März in einem dauerhaften Bußmodus. Monatelanger Buß- und Bettag sozusagen. Alles, was Spaß macht, ist verboten oder geschlossen: Party, Gaststätte, Konzert, Theater, Reisen, Sport. Die Regierung macht mich offiziell zum Helden, wenn ich auf der Couch sitze und nichts tue. Auch wenn der Mittwoch vor dem Totensonntag also lange nicht mehr so stark im Bewusstsein ist, so scheint uns doch der Ursprungsgedanke dieses Tages gewissermaßen derzeit verordnet zu sein.

Mir hilft ein altertümliches Wort in diesen speziellen Zeiten: Demut. In Demut ist mir bewusst, dass ich mein Leben zu guten Teilen nicht in eigenen Händen habe. Die Pandemie lehrt mich zu akzeptieren, wie zerbrechlich und vergänglich sich meine körperliche Existenz darstellt. Die großen menschlichen Errungenschaften der Moderne werden infrage gestellt durch einen unsichtbaren Erreger.

Produktiv könnte die Buße in der Pandemie sein, wenn ich sie nutze, um manches in meinem Leben wirklich neu zu justieren: meine Mobilität zum Beispiel, meine Ernährung, meinen Konsum. Wenn sich das Leben nach Corona ein wenig langsamer, ein wenig ökologischer und ein wenig menschenfreundlicher gestalten ließe, hätte sich eine so verordnete Bußzeit schon gelohnt.

08.11.2020

"Umkehr zum Frieden“

Von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

„Nun ging es weiter. Und als der Zug hielt, waren wir in Sülstorf. Im Zug waren inzwischen elf Tote. Durchnässt, vor Hunger und Kälte konnten wir nicht mehr stehen. Jegliche Notdurft mussten wir im offenen Waggon verrichten. Nun hieß es, wer runter kann, runter. Ich hatte noch die Kraft, aber viele sackten zusammen. Wir wurden inzwischen auf einem freien Feld von SS mit Maschinengewehren umstellt und es wurden Pellkartoffeln verteilt. Ich selbst bekam zwei.“

So erinnert sich Erna D. Für mich als Nachgeborenen ist es kaum erträglich, diese Worte zu lesen, kaum vorstellbar, was Frau D. durchzustehen hatte. Vom 13. bis 15. April 1945 stand der Güterzug am Bahnhof Sülstorf. Er brachte diejenigen, die diese Marterreise überlebten, aus dem KZ Beendorf bei Helmstedt Richtung Westen, die Männer nach Wöbbelin, die Frauen nach Hamburg. Von KZ zu KZ. Unfassbares Elend drei Wochen vor Ende des Kriegs.

Wenn an diesem Sonntag die Friedensdekade beginnt, sind wir für unseren Gottesdienst genau an der richtigen Stelle. Am Bahnhof Sülstorf erinnert eine kleine Gedenkstelle an das unfassbare Leid der Menschen, die wie Vieh transportiert wurden. Konfirmandinnen und Konfirmanden legen einen Kranz nieder. Wir werden still. Rufen Gott um sein Erbarmen an.

„Umkehr zum Frieden“ schreibt uns das Motto der diesjährigen Friedensdekade ins Stammbuch. Bloß nicht noch einmal so viel Hass, solche Unmenschlichkeit, so eine Todesmaschine. Nie wieder Krieg, nie wieder Rassismus und Antisemitismus. Das sind unsere Gebete in diesen Tagen, wo wir weltweit immer noch von so viel Gewalt, Terror und Krieg hören müssen.

Wir wollen Erna D. nicht vergessen und all die anderen Opfer. Wir wollen Geflüchteten aus den Krisengebieten dieser Erde einen friedlichen und hoffnungsvollen Neuanfang ermöglichen. Wir wollen kleine Bausteine für den Frieden sein. Dazu Gottesdienst in Sülstorf. Und auch dieses Jahr Friedensdekade. Lasst uns umkehren zum Frieden!

25.10.2020

Himmel

Von Pröpstin Helga Ruch, Propstei Stralsund

Wenn ich morgens aufstehe, ist es noch stockdunkel.
Doch gerade in diesen letzten Oktobertagen entschädigt häufig ein wunderbarer Sternenhimmel den Betrachter. Da strahlt und glänzt es in wunderschöner Vielfalt, Licht in den unterschiedlichsten Nuancen. Und mit ein wenig Glück fliegt auch mal eine Sternschnuppe….
Es mag sein, dass uns unser Horizont in den letzten Tagen zunehmend dunkler erscheint, nicht nur wegen der Pandemiemeldungen.
Da ist so ein Sternenhimmel wie ein Zeichen: Gerade auf dunklem Hintergrund leuchten die Sterne: Es gibt Hoffnung in der Ungewissheit, Nähe in der Einsamkeit, Gemeinschaft inmitten der Isolation. Und es gibt Himmel, Himmelszeichen auf der Erde, Lichter im Alltag. Vielleicht der freundliche Gruß der Augen hinter der Maske. Oder die unaufdringliche Frage: Soll ich dir was aus dem Supermarkt mitbringen? Das wunderschöne Photo in der Statusmeldung bei WhattsApp. Ein Lied am Abend, vor den Fenstern des Pflegeheims gesungen. Das leise Versprechen: Ich werde für dich beten. Der Mensch, der zuhören kann und trösten.
Die kleine Geste, die zwar nicht den Leib, aber dafür das Herz berührt..
Es ist wie am morgendlichen Sternenhimmel: Je länger ich hinschaue, desto mehr entdecke ich.
Ich wünsche uns Beharrlichkeit und Lust, den Himmel zu entdecken.

18.10.2020

„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ Gen 1,31

Von Propst Wulf Schünemann, Propstei Rostock

Ja, die Erde ist voller guter Gaben für uns Menschen. Wir können uns an der Schönheit der Natur erfreuen. Wolken und Wind, Sonne und Regen lassen alles wachsen: das Futter für die Tiere und Nahrung für die Menschen. Und selbst 10 Milliarden Menschen könnten satt werden.  
Grund zum Danken genug.
Aber nicht alles ist gut!
Die Natur ist manchmal auch grausam, ohne Fressen oder Gefressenwerden geht es nicht. Viren und Keime oder genetische Defekte machen krank und kosten Leben.
Die Natur ist oft unberechenbar. Mal ist zu wenig Wasser da und ganze Landstriche vertrocknen. Mal ist zu viel da und Menschen kämpfen gegen Überschwemmungen. Mal scheint die Sonne zu wenig und mal viel zu viel.
Die Natur ist verletzlich. Wir alle tragen durch unseren Lebensstil zur Zerstörung der Welt bei. Es ist so schwer einzusehen, dass Umwelt-Schutz eigentlich Menschen-Schutz ist.
Grund zum Klagen genug.
War wirklich einmal alles gut in der Natur oder ist der Wurm von Anfang an drin?
Das Wort von der guten Schöpfung und das Erleben der auch grausamen, unberechenbaren und verletzlichen Natur reiben sich und das nicht erst seit Corona. Aber mitten in der Pandemie spüre ich diese Reibung wieder mehr. Ich sehe nur zwei Auswege: Entweder ist Gott für die Fehler in der Natur verantwortlich und ich bleibe ratlos zurück, was er uns Menschen und allen Geschöpfen damit zumutet, oder die Schöpfungsberichte sprechen nicht direkt von einer heilen Natur auf dieser Erde, sondern von der Hoffnung auf eine ganz andere Dimension bei Gott, die nach ganz anderen Regeln läuft als den Irdischen, denen auch die Natur von Anfang an ausgeliefert waren.
Da steckt noch eine andere Wirklichkeit dahinter. Vor und hinter aller fehlerbehafteten Natur war und ist ein Schöpfer, der alle leidende Kreatur bei sich bergen will. Er ist nicht dieser Unvollkommenheit ausgeliefert, sondern hält seine Hand darunter. Er war schon vorher da und wird noch danach da sein.  
So muss ich nicht an ihm verzagen, sondern kann zu ihm beten:
Lass mich trotz der Unvollkommenheit alles Irdischen nicht an Deiner Güte zweifeln. Steh mir bei, wenn ich mit den Schattenseiten des Lebens zu kämpfen habe. Lass mich meine Möglichkeiten erkennen, die Natur zu schützen und für meine Kinder und Enkelkinder zu erhalten. Gib, dass wir Menschen auf den verschiedenen Kontinenten einander beistehen und uns gegenseitig helfen.

11.10.2020

„Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ 1. Joh 4, 21

Von Propst Dirk Sauermann, Propstei Parchim

Den anderen Menschen lieben oder lieben lernen, heißt ihn zu verstehen. Das ist nicht immer leicht, wie wir wissen. Diese große ethische Forderung der Bibel, von Jesus Beispiel gebend gelebt, ist eine ständige Herausforderung für mich. Denn oft verstehe ich den Anderen, den mir Unbekannten, nicht. Verstehen aber ist wichtig, um nicht blind und gedankenlos den Anderen zu lieben, sondern ihm wahrhaftiges Gegenüber sein zu können.

Im Alltag machen wir uns schnell ein Bild von anderen Menschen, wobei es nur teilweise das Ergebnis sorgfältiger Beobachtung dessen ist, was wir von unserem Gegenüber in Kenntnis bringen können. Vielmehr entwickeln wir auf der Grundlage von Erfahrungen spontan ganz bestimmte Urteile und Eindrücke. Wir verallgemeinern das Beobachtbare, ordnen das Wahrgenommene in Schemata, Raster und Schubladen ein und ergänzen das Wahrgenommene durch Annahmen und Denkgewohnheiten.

Wann immer wir es mit anderen Menschen zu tun haben, machen wir uns spontan ein Bild von ihnen: welche Eigenschaften sie besitzen, welche Bedeutung sie für uns haben. Jeder Freund, Bekannte, Nachbar, aber auch Personen, die uns auf der Straße begegnen, werden in irgendeiner Form, sei es in Bezug auf ihr Aussehen, ihr Auftreten von uns beurteilt. Gleiches gilt für Gruppen von Menschen, wie die eigene Familie, Gemeindegruppen, Arbeitsgruppen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Wahrnehmung des Einzelnen durch die Gruppe. Denn die Gruppe sieht mehr als ich, sieht auch meine sogenannten blinden Flecke. Der blinde Fleck meines Handelns („Blind Area“) ist jener Bereich, wo andere etwas sehen, dessen wir uns selbst aber nicht bewusst sind.

Da redet bspw. einer permanent alle anderen in Grund und Boden, belehrt vielleicht noch besserwisserisch und merkt es nicht. Man hat kaum eine Chance zum Gespräch. Und schnell hat er dann seinen Ruf weg: Besserwisser! „Besserwisser sind Leute, die einem Pferd die Sporen geben, auf dem sie gar nicht sitzen.“ Alain Peyrefitte

Ein solcher blinder Fleck kann nur kleiner werden, wenn mir jemand auf die Sprünge hilft. Wenn er mir sagt, was ich nicht sehe, wenn jemand da ist, der mich aus dem Sattel hebt, auf dem nicht ich sitze, sondern der Besserwisser in mir.

Das wäre dann auch Geschwisterliebe: sich trauen, mir zu sagen, was ich selbst nicht sehen kann, wo ich blind bin und eine Hör- bzw. Sehstörung habe.

In Aussicht steht, was der Philosoph Hans- Georg Gadamer einmal so formuliert hat: „Ein Gespräch verwandelt beide. Ein gelungenes Gespräch ist von der Art, dass man nicht wieder zurückfallen kann in den Dissensus, aus dem es sich entzündete.“

Möge uns Gott dazu seinen Geist geben, für gelingende Gespräche im Geist der Geschwisterliebe, die also nicht im Dissens stecken bleiben. Daran bewährt sich jedenfalls die Gottesliebe, an dem Bruder und der Schwester, die der Liebe zu dem nicht sichtbaren Gott eine konkrete Gestalt geben und immer neu zum Verstehen des anderen und meiner selbst herausfordern.

04.10.2020

30 Jahre Deutsche Einheit

Von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

Ich weiß, ich weiß. Es macht mehr Freude, an den 9. November 1989 zu denken als an den 3. Oktober 1990. Kerzen und Gebete bewirken eine friedliche Revolution, die sich in Freudentänzen auf der Mauerkrone ihren eigenen unvergesslichen Höhepunkt schafft. Da hat es 30 Jahre Deutsche Einheit schwerer. Denn wer denkt dabei nicht daran, dass die Zumutungen der Wiedervereinigung sehr ungleich verteilt waren? Besonders die rigide Politik der Treuhand und die plötzliche Arbeitslosigkeit von Millionen im Osten hinterlassen eine gemischte Erinnerung.

Darum finde ich es eine bestechende Idee, am 3. Oktober keinen staatstragenden Reden zu lauschen, sondern zu singen. „Deutschland singt“ ist eine Aktion, die unter der Schirmherrschaft des EKD- Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, läuft. Fast 200 Städte haben sich angemeldet, in Ost und West, auch im Internet kann man mitsingen. Wir werden singend vor dem Greifswalder Dom stehen, aber auch in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg oder in Baabe auf Rügen wird gesungen. Eine „Danke-Demo“, sagen die Organisatoren, leider wie so Vieles momentan natürlich eingeschränkt durch die Corona- Auflagen.

Das Schöne ist: Weltliche und geistliche Chöre musizieren gemeinsam. Wir singen „Die Gedanken sind frei“ ebenso wie „Nun danket alle Gott“. Natürlich „Wind of Change“ von den Scorpions, aber eben auch „Von guten Mächten“.

Ich bin schon jetzt fest überzeugt: Im Singen kommt die Dankbarkeit von selbst. Keine Dankbarkeit, die die noch bestehenden Probleme im Zusammenwachsen ausblendet. Aber eine, die offene Augen hat für das viele Gute, das sich in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat, unter gemeinsamen Anstrengungen aus Ost und West, im Lernen miteinander und voneinander. Ich selbst lebe gerade in diesen Tagen genau die Hälfte meines Lebens in Ostdeutschland und will nicht zurück.

Ich möchte heute vor allem dankbar sein, Gott danken an diesem Jubiläumstag 30 Jahre Mecklenburg-Vorpommern, 30 Jahre wiedervereinigtes Deutschland und Europa; ich darf in Freiheit und Frieden leben ohne Angst vor den Nachbarn. Und ich möchte um Frieden beten für unser Land und die bedrohte Erde. Darum ist es gut, wenn wir singen: „Dona nobis pacem“! 

27.09.2020

Der Engel Michael

Von Pastor Matthias Bartels, Leiter des Regionalzentrums kirchlicher Dienste Pommern

In dieser Woche feiern wir den Michaelistag, das Fest des Erzengels Michael und aller Engel. Fast ist es bei uns in Vergessenheit geraten, obwohl es in unseren Gottesdienstbüchern eigens ausgestaltete Formen dafür gibt und obwohl „Michaeli“ vor allem im ländlichen Kontext einst eine große Rolle spielte: traditionell war es der Tag des Ernteschlusses am Ende des Monats September. Pachten und ausstehende Löhne wurden nun fällig. Arbeitsverhältnisse, so möglich, konnten gewechselt werden. Sowohl in Mecklenburg als auch in Pommern gab es den Brauch, zu diesem Anlass des Ernteausgangs auch zu feiern und „Michelgänse“ zu verspeisen.
„Michaeli“ war daher ein Tag des Rückblickes auf die schwere Arbeit der vergangenen Wochen, ein Tag des Innehaltens im aufreibenden Betrieb des Jahres und auch ein Tag des Planens für das Kommende. Ein großes Ereignis im Dorf und in der Region. Ein „social event“ – wie wir neudeutsch sagen würden. Und verbunden war damit natürlich der Dank für alles, was in diesem Jahr gewachsen und geworden ist. Daher sind das Michaelis- und das Erntedankfest im Kirchenjahr eng verbunden.

Aber der Erzengel Michael steht nicht nur als „Erntepatron“ ein. Er wird fast immer mit einem Schwert und einer Waage in den Händen dargestellt. Doch sein Schwert schneidet nicht nur Weizen und Raps. Seine Waage misst keine Scheffel Getreide oder Liter Öl. Sondern er ist der Engel, der in der kirchlichen Tradition vor allem der „Wahrheitsengel“ genannt wird: Der Engel, der mit dem Schwert gegen den Teufel kämpft und ihn als Drachen stürzt und besiegt. Der Engel, der aufsteht gegen den, der alles durcheinanderbringt – den „Diabolos“. Der Engel, dessen Waage unsere Worte und Taten gewichtet, die uns, je nachdem wohin die Skala ausschlägt, anzeigt, was uns zum Leben hilft oder was uns von Gott und untereinander trennt.
Das ist für unsere heutigen Ohren und Augen nicht immer einfach und bequem. Aber es stellt uns den Ernst von Entscheidungen auch heute vor Augen. Martin Luther hat in einer Predigt über den Erzengel Michael und die mit ihm verbundenen himmlischen Heerscharen einmal gesagt: Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel. Wenn das nicht so wäre, dann wären wir längst zugrunde gegangen.

Diesen Michael wünsche ich mir heute oft: Den Engel, der mit seinem scharfen Schwert lebendig und kräftig trennen oder uns zumindest unterscheiden helfen kann zwischen Tatsachen und Schein, zwischen Lüge, Trug und Wahrhaftigkeit, zwischen fake news und belastbarer Wirklichkeit. Der sortieren und abwägen hilft in aller Unübersichtlichkeit und in all dem Durcheinander unserer Tage. Wie wichtig und hilfreich wäre das!
Diesen Michael wünsche ich mir heute oft: Den Engel, der uns auch als christliche Gemeinden und Kirche dabei hilft, glaubwürdig und gewiss zu bleiben und uns immer wieder zuverlässig den Weg weist in der Spur dessen, der von sich selbst sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Der uns ermutigt, in die Waagschale zu werfen, was wir an Schätzen haben, die dem Leben dienen und wonach die Menschen, mit denen wir in unseren Dörfern und Städten leben, suchen. Damit wir nicht zugrunde gehen.

Martin Luther hat zwar davor gewarnt, Engel anzubeten und ihnen göttliche Qualität zuzuschreiben. Aber er hat selbstverständlich mit ihrer Existenz und ihrem Eingreifen gerechnet. Unsere evangelische Kirche lernt wieder neu, die Hilfe und den wegweisenden Charakter dieser Boten Gottes für unser Leben wahrzunehmen. Vielleicht finden auch Sie in der nächsten Woche in einem ruhigen Moment ja Zeit, an diesen besonderen Engel Michael zu denken? Ich werde das jedenfalls tun.

Bleiben Sie behütet!

20.09.2020

Baumklettern

Von Propst Marcus Antonioli, Propstei Wismar

Wenn man nach Jericho im Jordantal kommt, wird einem ein Feigenbaum als der Baum des Zachäus vorgestellt. Klar wird kein Feigenbaum 2000 Jahre alt. Aber das, was hier damals geschah, bleibt staunenswert bis heute. Da klettert einer auf einen Baum und als er wieder herunterklettert, ist er ein ganz anderer. Wie komplett ausgewechselt!

Da ist ein Mann, der damit leben muss, dass man ihn gern mal übersieht. Hinzu kommt, dass er als Zöllner mit den verhassten Besatzern gemeinsame Sache macht und seine Mitmenschen schamlos ausnimmt. Beliebt ist er weiß Gott nicht. Und so spotten sie gern über ihn. Auch er hatte gehört, dass da ein Wanderprediger in die Stadt kommt, von dem sie vieles erzählen. Er nimmt all seinen Mut zusammen und klettert auf einen Feigenbaum am Straßenrand. Selbst der Spott der Kinder hält ihn nicht ab. Dann kommt Jesus tatsächlich mit seinen Freunden, umringt von Frauen, Männern und Kindern vorbei. Alle wollen etwas von ihm. Doch plötzlich bleibt Jesus stehen und sieht Zachäus an, spricht mit ihm und besucht ihn sogar und isst mit ihm und seinen zweifelhaften Freunden. Danach ist mit Zachäus nichts mehr wie es war! Die Leute können es nicht fassen, dieser Gauner beschenkt auf einmal die Armen und gibt den Leuten vierfach zurück, was er ihnen zu viel abgenommen hat. Das ist so unwahrscheinlich, dass man bis heute diesen Baum bewundern kann!

Manchmal hätte ich auch gern den Mut, auf einen Baum zu klettern oder irgendetwas anderes Verrücktes zu machen, um eine neue Perspektive auf das Leben zu gewinnen. Manchmal wünschte ich mir, dass auch mich einer ansieht, erkennt, wer ich wirklich bin, oder jedenfalls, wer ich noch sein könnte. Hin und wieder aus den eingefahrenen Gleisen springen, ganz überraschend die Trampelpfade meines Lebens verlassen, das wäre was.

Ich meine, solch heilsame Begegnungen wie damals in Jericho kann es auch heute noch geben. Wenn wir es denn zulassen. Oder, wenn es geschieht, gehen wir allzu schnell zur Tagesordnung über. Leider vergessen wir diese Begegnungen allzu leicht oder verdrängen sie, weil sie ja nur unsere Routine, unseren eingefahrenen Alltag stören. Dabei sind es diese Begegnungen, die unserem Leben wieder neuen Schwung und eine gute Richtung geben!

Gewiss, da kann manches durcheinander kommen, was wir sorgsam einsortiert hatten. Aber muss nicht auch mal etwas durcheinanderkommen, um wieder lebendig zu werden!? Gott beschenkt uns auf wunderbare Weise mit einem Leben, das oft so prall und bunt ist, dass es kaum zu fassen ist. Und wir hetzen oft so achtlos daran vorbei! Vielleicht sollten wir diesen kostbaren Momenten hin und wieder ein Denkmal setzen, indem wir z.B. unseren Schöpfer überschwänglich loben und preisen. Beispielsweise mit den Worten aus dem 103. Psalm:  „Lobe den Herren, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Guts getan hat!“

06.09.2020

„Und dann….“

Von Propst Gerd Panknin, Propstei Demmin

Es ist Spätsommer. Immer wieder werde ich auf den kleinen Landstraßen durch riesige Traktoren mit noch größeren Pflügen auf meiner Fahrt ausgebremst. Am Ende wiegt die Freude über einen frischgepflügten und neu bestellten Acker den Ärger des Innehaltens auf. Ich muss daran denken, wie nah beieinander in diesen letzten Sommertagen die Ernte und die Neuaussaat liegen, und dass dies im Leben oft auch so ist.
Jesus gebraucht genau diesen Blick auf das Säen, das Wachsen und das Ernten in seinem Gleichnis vom reichen Kornbauern. Der hat eine gute Ernte eingebracht, beschließt neue und größere Scheunen zu bauen und stellt sehr zufrieden für sich fest: „Und dann  werde ich zu meiner Seele sagen: Ruh dich aus, iss und sei fröhlich.“
Dieses „Und dann“ ist mir vertraut. Es lenkt den Blick immer auf das Morgen.
Wenn ich alle Termine geschafft habe, dann nehme ich mir die Zeit zum Lesen, zum Hören zum Sehen, Zeit für ein gutes Buch, für eine wunderschöne Musik; für ein Bild, das mich anrührt.
Wenn ich den ganzen Berg von Papieren auf meinem Schreibtisch erledigt   habe, dann komme ich dich besuchen.
Wenn ich Rentner bin, dann habe ich endlich Zeit auch für mich selbst.
Und dann  werde ich sagen zu meiner Seele, ruh dich aus, iss und sei fröhlich.

Natürlich machen wir uns in dieser verrückten Zeit besonders Sorgen um das Morgen, um das unserer Gemeinde , um unser eigenes Morgen, um das Morgen unserer Lieben.
Aber wir  leben heute, hier und jetzt.
Auf dieses Heute, hier und jetzt lenkt  Jesus unseren Blick für unsere Gemeinden und auch für uns selbst.
Was Morgen ist, wissen wir nicht.
Aber heute, hier und jetzt ist Gott bei uns und gibt uns das, was wir brauchen. 

Zu dem, was wir heute brauchen gehört Vieles.
Es ist nicht nur die Pflicht, sondern auch die Kür.
Es ist  nicht nur, das Rennen und Bauen, Machen und Tun, sondern auch das Innehalten, das Ruhefinden, das Beten.
Es ist  nicht nur das ständige Unterwegssein, sondern auch das Nachhausekommen, das Nachhausekommen zu lieben Menschen und das Nachhausekommen zu Gott.
Nicht das Scheunenbauen ist das Ziel unseres Tuns, sondern den zu finden, der in der kleinsten Hütte Zuhause ist.

Uns allen eine behütete Zeit.
Ihr Gerd Panknin

09.08.2020

Kennen Sie Hanna?

Von Pröpstin Britta Carstensen, Propstei Neustrelitz

Ihre Geschichte wird im 1. Samuelbuch im Alten Testament erzählt. Diese Hanna bekam keine Kinder. Für eine verheiratete Frau war das damals ein Makel, ein Versagen. Hanna selbst zerbricht beinahe an der „Warum-Frage“. Doch in der größten Verzweiflung trifft sie auf einen Menschen mit einem wachen Sinn und einem offenen Ohr. Ein Priester erkennt ihre Not und wird ihr zum Seelsorger. Er spricht lösende Worte. „Gott wird Deine Gebete erhören,“ viel mehr sagt er gar nicht. Und doch weist er ihr so einen Weg aus dem ewigen Kreisen um Schuld und Versagen. Er weitet ihren Blick auf Gottes unbekannte Möglichkeiten. An dieser Erwartung richtet sich Hannas Seele auf. Und ja, ein Jahr später wird sie Mutter. Ihren Sohn nennt sie Samuel, d.h. „den von Gott Erbetenen“.

Zu dieser Geschichte gibt es eine moderne Skulptur von Thomas Jastram. Sie steht im kleinen Ort Rosenow direkt vor der Kirche auf dem Friedhof. Diese Figur ist mir ans Herz gewachsen. Eine Frau, in stolzer Haltung. In schwingender Bewegung, zugleich die Hand wie zum Stillen an die Brust gelegt. Von erhöhter Position schaut sie über die Friedhofsmauer hinaus ins Dorf. Jeder, der zur Kirche will, geht auf sie zu bzw. muss an ihr vorbei. Nach einem ersten Befremden – eine ziemlich leicht bekleidete Frau in dieser Pose an so einem Ort – habe ich gemerkt, dass es Menschen gibt, die in dieser Figur etwas sehen, was anderen verborgen bleibt. Denn hin und wieder liegen vor ihr Blumen. Oder ein kleines Steinherz mit dem Aufdruck: „Unvergessen“ oder „Für Mutti“.  Die Frauenstatue ist  - völlig ungeplant - zu einem ganz eigenen Erinnerungs- und Andachtsort geworden. Für Mütter und Väter, Kinder, vielleicht schon lange verstorben, aber immer noch präsent. Schmerz, Dankbarkeit, Hoffnung auf Trost -  all das spricht aus diesem ungewöhnlichen Gedenkort. Mich berührt das.

Die biblische Hanna erlebt am eigenen Leibe, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Gott kann Kummer und Erniedrigung wenden. Er schafft in der Wüste Leben und kehrt bedrängende Verhältnisse um. Hoffnung gewinnen, das Leben auskosten, Lebendigkeit weitergeben – dass das wider Erwarten möglich ist, dass Gott das geben kann – von diesem Geschenk erzählt uns die biblische Hanna. Lebendigkeit spüren, den Kopf erheben, sich selbst wiederfinden - davon erzählt auch die Steinfigur auf dem Rosenower Kirchhof all den Trauernden, Nachdenklichen, Angefassten, Sehnsüchtigen.

Hanna – das ist eine meiner kleinen Mutmach-Lieblingsgeschichten. Ich jedenfalls trage sie im Herzen. Sowohl die Hanna aus der Bibel – als auch die aus Stein. 

26.07.2020

Meine ganze Liebe gehört deinem Haus, HERR, du großer und mächtiger Gott! (Psalm 84,2)

Von Propst Wulf Schünemann, Propstei Rostock

Zum Glück waren unsere Kirchen nie ganz verschlossen. Den jetzt oft erwähnten Lockdown hat es so nicht gegeben. Wir konnten und wir sind in unsere Kirchen gegangen, haben Blumen auf den Altar gestellt und Kerzen angezündet, ein Gebet gesprochen und zu den vertrauten Zeiten die Glocken geläutet.
Zum Glück sind viele unserer großen Basiliken und kleinen Dorfkirchen jetzt in der Sommerzeit weit geöffnet. Die Einheimischen und die Urlauber können eintreten in die Häuser Gottes.
Wie mag es den Besuchern gehen, die sonst kaum in die Kirche gehen? Wie ergeht es uns, wenn wir in eine fremde Kirche treten?
Der Raum, die Stille, das Licht lassen zur Besinnung kommen. Es ist anders als draußen. Die einen werden ganz ruhig, andere spüren eine Unruhe in sich aufsteigen. Wer die Muße findet, geht seinen Empfindungen nach. Und nicht selten eröffnet sich an diesen besonderen Orten die Chance, über das eigene Leben nachzudenken und nach Gottes Gegenwart zu fragen. Meine  Schritte, meine Gedanken, meine Emotionen bekommen ein Ziel, einen Raum. Bei Gott komme ich zu mir. Einige verspüren dabei den Wunsch, eine Kerze anzuzünden. Das Kerzenlicht erinnert sie daran, dass Gott wie ein Licht in unsere Dunkelheit hineinleuchten will. Im Haus Gottes oder beim Schein einer Kerze spüren Menschen Gottes Nähe und können mit einmal beten. Dabei müssen ja keine großen Worte gefunden werden: Einfach nur darüber nachsinnen, was einem das wahre Lebensglück verdunkelt. Gott um sein Licht für den weiteren Weg bitten. Einfach nur an einen Menschen denken, der einem lieb ist und ihm Gottes Zuwendung wünschen. Der Kirchenraum macht die Gedanken frei. Ich tanke auf und bekomme Kraft für die nächsten Schritte ins Ungewisse.
Unsere Kirchen sind etwas ganz Besonderes, weil sie solche Erfahrungen ermöglichen. Darum sind sie uns viel wert. Meine ganze Liebe gehört deinem Haus, HERR, du großer und mächtiger Gott!
So sagen es nicht nur die Worte des Psalms, sondern so leben es auch die vielen freiwilligen Helfer in unseren Gemeinden, die die Kirchenöffnungen ermöglichen. Vielen Dank, dass sie unsere Kirchen auch in diesem Sommer offen halten!

12.07.2020

Aus Gnade seid ihr gerettet worden

Von Pröpstin Helga Ruch, Propstei Stralsund

Gnade -
ganz gewiss ein unmodernes Wort.
Ich höre und gebrauche es in jedem Gottesdienst. Im „Alltagssprech“ aber mutet es seltsam an.
Außerdem: Die Angst kennt keine Gnade. Das haben wir in den letzten Monaten gesehen. Da war so viel Angst da. Unverhältnismäßig viel. Je geringer die Infektionszahlen - desto krauser die Gerüchte. Schuldzuweisungen aus lauter Hilflosigkeit. Unfähigkeit zu einer sachlichen Diskussion.
Was ist da passiert mit uns? Wie konnten wir uns so mitreißen lassen in diesen Strudel?
Die Krise zeigt uns viel über uns selbst: Wir sind nicht unverwundbar, wir sind nicht allmächtig. Wir haben keinen Anspruch auf Gesundheit oder langes Leben. Wir haben das Leben nicht wirklich im Griff.
Genau das macht Angst, macht unfrei, lässt uns wie das Kaninchen auf die Schlange starren.
Aber hier ist ein Angebot - Gnade.
Ganz ohne unser Zutun, ohne Leistung, ohne besonders gut oder schlecht sein zu müssen.
Einzig Gottes Initiative ist es. Er wendet sich uns zu. Ob wir unsicher und ängstlich, ob wir fröhlich und selbstbewusst sind.
Das befreit. Wenn da Einer ist, der mir sagt: Du, ich mag dich. Du bist mir wichtig. So sehr, dass ich auf dich nicht verzichten kann. Ich steh neben dir. Ich stärke dir Seele und Rücken. Jeden einzelnen Tag.
Gehen wir mit dieser Gewissheit behütet in die neue Woche!

05.07.2020

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, 4

Von Propst Marcus Antonioli, Propstei Wismar

Ein Mann wurde hoch in den Bergen des Himalajas vom Wintereinbruch überrascht und rannte ins Tal. Zwar sah er einen Mann verletzt am Wegesrand sitzen, doch aus Angst mit dieser Last nicht schnell genug zu sein, ließ er diesen wimmernd zurück. Ein anderer eilte auch hinab, brachte es aber nicht übers Herz, an dem Hilflosen vorüber zu gehen. So nahm er ihn auf seinen Rücken. Mühsam kämpften die beiden sich durchs Schneegestöber. Endlich sahen sie die rettenden Lichter des Dorfes und kamen schließlich auch an dem erfrorenen Mann vorbei, der allein gegangen war. Mit letzter Kraft erreichten sie die rettende Hütte. Sie hatten überlebt, denn im Schneegestöber hatten sie sich gegenseitig gewärmt.

Sundar Sing, ein christlicher Wanderprediger in Indien, führt uns mit dieser Geschichte vor Augen, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Paulus beschreibt diese christliche Grundhaltung im Wochenspruch aus dem Galaterbrief kurz und bündig. Kein Mensch ist eine Insel, sondern ist immer Teil eines Ganzen. Und wo einer leidet, berührt das immer auch die anderen. Daran erinnert uns das Kreuz Jesu Christi. In seinem Kreuz hat Christus alles auf sich genommen, was uns an einem wahren und guten Leben hindert. Sein Gesetz ist die Liebe und dient allein dem Leben, wie es sich Gott für uns erträumt.

In den zurückliegenden Monaten konnten viele Menschen in unseren Alten- und Pflegeheimen nicht ohne weiteres besucht werden, um sie nicht zu gefährden. Viele blieben selbst in ihren schwersten Stunden allein. Das hat vielen sehr zu schaffen gemacht. Zugleich erleben wir in unserer krisengeschüttelten Gesellschaft derzeit sehr deutlich, wie gut es ist, dass wir in einer solidarischen Gesellschaft füreinander einstehen. Wo der vermeintlich Schwache gesehen und in seiner Würde ernst genommen wird und der vermeintlich Starke, Verantwortung übernimmt, haben wir zusammen die Chance auf ein menschenwürdiges Leben. Das gelingt zugegebener Weise nicht überall, doch - wie ich finde - im Großen und Ganzen besser als erwartet. Werden wir diese kostbare Einsicht in die Nach-Corona-Zeiten mitnehmen, oder werden wir in den gewohnten Trott zurückfallen?

Vielleicht täte es uns gut, hin und wieder ganz bewusst die Rollen zu wechseln. Und plötzlich überraschen die vermeintlich Schwachen mit ihren Möglichkeiten und die vermeintlich Immer-Starken erlauben sich ihre Sehnsucht, auch mal aufgefangen und getragen zu werden. Tatsächlich kommen wir nur zusammen ans Ziel, denn nur gemeinsam vermögen wir, dem mitunter rauen Gegenwind dieser Welt zu trotzen.

Am Ende ist alles eine Frage der Perspektive, ¬– So antwortete ein kleines Mädchen in Indien, die gefragt wurde, ob ihr die Last nicht zu schwer sei. „Welche Last, das ist doch mein kleiner Bruder!“ antwortete sie liebevoll und geistesgegenwärtig.

21.06.2020

Sommerweihnacht

Von Pastorin Dorothea Strube
Von Pastorin Dorothea Strube, Leiterin des Zentrums Kirchlicher Dienste Mecklenburg

Endlich können wir wieder verreisen! Wer jetzt z.B. in Süddeutschland am späteren Abend unterwegs ist, kann das Glück haben, an geschützten Waldrändern Glühwürmchen zu entdecken.
Als ich als Kind aus dem kühlen Norden dieses zauberhafte Leuchten, verteilt über eine ganze Wiese, das erste mal in Thüringen erlebte, war ich fasziniert: es sah aus, wie ein geheimnisvolles Weihnachtsleuchten mitten im Sommer.
Die kleinen Leuchtkäfer werden auch Johanniskäfer genannt, denn sie tauchen um den 24. Juni herum auf, wenn wir „Johanni“ feiern, den Tag, an dem wir die Geburt von Johannes dem Täufer feiern.
In der kommenden Woche ist es wieder soweit. Dann ist das Jahr zur Hälfte vergangen und fast auf den Tag genau wird auch das Mittsommerfest in manchen Dörfern gefeiert– mit mehr oder weniger Abstand untereinander natürlich! Der längste Tag ist erreicht und obwohl bestimmt noch keiner an Weihnachten denkt, geht es von nun an in diese Richtung.

Die kirchliche Tradition hat genau zu dieser Zeit die beeindruckende Gestalt des Johannes in den Vordergrund gerückt. Vielleicht, um dem heidnischen Treiben zur Sommersonnenwende einen christlichen Neuanstrich zu verpassen, vielleicht aber auch, weil die biblische Überlieferung Johannes als einen Menschen beschreibt, der bereits im Mutterleib und dann sein ganzes Leben ausgerichtet ist auf den Menschen, in dem Gottes Menschenfreundlichkeit uns besonders nahe kommt, auf Jesus von Nazareth, dessen Geburt wir Weihnachten feiern.  Deshalb wird dieser Tag, sechs Monate vorher, auch „Sommerweihnacht“ genannt.

Wer ist dieser Johannes, wer ist dieser Wegbereiter Jesu, der auf dem Isenheimer Altar dargestellt ist mit einem überlangen Zeigefinger, der von sich selbst weg und hin auf den Gekreuzigten zeigt?
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, sagt  er im Johannesevangelium mit Blick auf Christus.
Mein Licht wird weniger, wie das Licht der Tage in der zweiten Jahreshälfte, während das Leuchten Christi  in der Welt zunehmen wird, so könnte man es auch sagen.
Eigentlich ist er selbst einer der „Großen“ in der prophetischen Tradition des Volkes Israel.
Er hätte Karriere machen und in die priesterlichen Fußstapfen seines Vaters steigen können, aber er wird ein Aussteiger, einer, der auf Wüstenwegen unterwegs ist, ein radikaler Mahner, der den Leuten zumutet, ihr Leben umzukrempeln. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, er geht mit den Herrschenden ins Gericht.  Gewalt und Unrecht werden von ihm beim Namen genannt und die Leute lassen sich von seiner Begeisterung anstecken. In großer Zahl lassen sie sich taufen, doch ihn kostet es am Ende den Kopf.
Mich beeindrucken an ihm auch die leisen Töne. Als er im Gefängnis sitzt, schickt er Boten zu Jesus, die ihn fragen: „Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“
Da klingt bei diesem energischen Mann eine Unsicherheit heraus, die ich auch kenne: Kannst Du mir sagen, wo ist denn unser Gott? Wie zeigt sich denn sein Heil? Wie ist das mit der Menschenfreundlichkeit Gottes, wenn bei allem Einsatz die Ungerechtigkeiten auf der Welt nicht abnehmen, wenn Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nach so langem Mühen immer noch an der Tagesordnung sind und wenn in weiten Teilen der Erde immer noch kein Frieden in Sicht ist?
Ein „Großer“, der Schwächen zeigen kann, der sich traut, andere um Rat zu fragen, den finde ich stark. Stark finde ich auch, wie überzeugend Johannes darin ist, nicht der erste sein zu müssen.
Wenn einer, der viel Zuspruch hat, auch in die zweite Reihe treten kann, damit Raum ist für neue Inspiration, wenn jemand sein Lebenswerk anderen übergibt und sie dann mit allen Kräften unterstützt, wenn Kollegen sich freuen können, weil die anderen Erfolg haben, dann zeigt das wahre Größe.

Auf dem Höhepunkt des Jahres, zur „Sommerweihnacht“ begegnet mir in diesem Johannes einer, der mir sagt: du sollst Dein Licht nicht unter einen Scheffel stellen, aber halte ab und zu inne und bedenke, warum du lebst und wohin du unterwegs bist. Behalte das Glück der anderen im Blick, bleib offen für den Geist Gottes und lass dich überraschen und mitreißen von der großen Menschenfreundlichkeit Gottes, die immer wieder neu geboren wird, auch wenn Du manchmal daran zweifelst.

Einen gesegneten Sommer wünsche ich uns allen.

14.06.2020

"Dennoch!“

Von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

„Dennoch“! Mir gefällt dieses trotzige Wort. Wir haben die Bachwoche 2020 in Greifswald unter dieses Motto gestellt – das, was von ihr übrig geblieben ist. Wir feiern dennoch – zum Trotz.

Ein gut biblisches Motto; denn so geht Psalm 73 los: „Gott ist dennoch Israels Trost.“ Der Beter führt das Trotzwort im Munde: „Dennoch.“ „Dennoch bleibe ich stets an dir.“ Ich halte an dir fest, Gott, obwohl ich dich manchmal nicht begreifen kann, trotz der massiven gefühlten Ungerechtigkeit. Du bist mein Trost, dennoch, auch wenn ich vieles nicht verstehe.

Wir sind verunsichert, besonders nach den Infektionen von Demmin, Grimmen und Stralsund in katholischen Gottesdiensten. Dennoch kommen wir weiter zu Gottesdiensten zusammen. Glauben und Beten sind nicht abgesagt. Wir achten aufeinander und lassen uns stärken durch Gottes Wort, gesprochen und gesungen. Auch feiern wir „dennoch“ Bachwoche, auch musikalisch – wegen des Infektionsrisikos allerdings nur im Internet erlebbar. Gerade Künstlerinnen und Künstler, alle Kulturschaffende brauchen jetzt dringend diesen Trotz: Kreativität in der Krise, Unterstützung durch die Gesellschaft. Und wir hören dennoch Bach. Im Gottesdienst zur Bachwoche lassen wir uns berühren von den Klängen der wunderbaren Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

Die Entstehung des Chorals „Wer nur den lieben Gott“ spiegelt ein Stück Nordkirche: Der Liederdichter Georg Neumark aus Thüringen wurde unterwegs überfallen und landete völlig mittellos in Hamburg. Von dort aus ging es nach Kiel. Neumark ergab sich in dieser prekären Lage ganz der Güte Gottes. Und siehe da, er erhielt in Kiel bald eine Hauslehrerstelle. Dieses Glück nahm er direkt aus Gottes Händen und dichtete „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

Wenn ich „Wer nur den lieben Gott“ anstimme, tauchen vor mir sofort die singenden Mönche, die Kantorianer aus dem fantastischen Film „Vaya con dios“ vor meinem geistigen Auge auf. Was Sie vielleicht nicht wissen: Da steckt auch Musik aus MV drin. Den Altus im Film singt Meindard Zwart aus Schwerin. Die aus der Zeit gefallenen singenden Brüder sind Prototypen des „Dennoch“. Sie psalmodieren der um sie herum hetzenden, nicht zu verstehenden modernen Welt  unverdrossen ihren himmelsgleichen mehrstimmigen Gesang entgegen. Dennoch! Wir singen, und wenn wir noch so als abgedrehte Sonderlinge wirken. Und ihr Gesang im Film erreicht Menschen, die sich sonst nur zudröhnen lassen von dem, was aus ihren Kopfhörern plärrt. Wie schön, dass diese Vertreter eines so nie existierenden Ordens das große Vertrauenslied „Wer nur den lieben Gott“ intonieren.

Eh wir’s uns versehn, tut sich manchmal ein neuer Horizont auf, eine Hauslehrerstelle, eine lang ersehnte Genesung, eine Versöhnung nach tiefem Streit. Das viele Gute, das Gott uns geschehen lässt, verlangt offene Augen und Herzen.

Der Vertrauenschoral und die Bach’sche Kantate sind für „Dennoch“- Zeiten geschrieben, für Zeiten der Krise und der Unsicherheit. Sie sagen: Lass dich in Gottes Hände fallen. Trau des Himmels reichem Segen. Vertraue dich und deine Lieben seiner Sorge und seiner Güte an. Und vergiss nicht, wo immer du es darfst: Sing! Sing, bet und geh auf Gottes Wegen. Er, Gott, kommt dir entgegen.

Festgottesdienst zur 74. Greifswalder Bachwoche - digital mit Bischof Tilman Jeremias (14. Juni - 10 Uhr)


08.06.2020

Trinitatis

Von Propst Gerd Panknin, Propstei Demmin

Die Trinitatiszeit hat begonnen. Am Sonntag war mit dem Trinitatisfest der Auftakt, der uns an unseren Glauben an Gott den Vater, seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist anspricht. In dieser Dreibezogenheit lebt jeder von uns. 

Jeder Mensch ist Teil der Natur.
Hier bei uns in Mecklenburg-Vorpommern mit seinen Wäldern, Äckern und Seen, einer wunderschönen Natur… Als Ornithologe komme ich aus dem Schwärmen gar nicht raus, weiß aber auch um die Verantwortung, die wir miteinander hier tragen. 
Jeder Mensch ist Teil der Geschichte.
Das haben Generationen vor uns schmerzvoll erfahren, denen der Krieg Heimat und Zuhause nahm, so wie Menschen heute in Flucht und Vertreibung.  Und das erleben wir weltweit jetzt in der Pandemie und plötzlich sehr nah in Pfingstgottesdiensten  in Demmin und Stralsund selbst betroffen. Manchmal kommen wir uns wie ein kleines Teil in einem großen vorbestimmten Gefüge vor. Und dennoch trägt jeder von uns auch für diese großen Zusammenhänge heute Verantwortung.

Jeder Mensch lebt sein ganz eigenes persönliches Leben.
Wir erleben Freud und Leid, Sorgen und Hoffnungen, mit Freunden und der Familie, Loslassen und Neugewinnen. Auch für uns selbst tragen wir Verantwortung.

Die Natur, die Geschichte und wir selbst, das sind die drei Erlebniswelten, die erst zusammen ein ganzes Menschenleben ausmachen. Davon erzählen unser Glaube und unser Glaubensbekenntnis:
Ich glaube an Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde .
Ich glaube an Gottes Sohn, Jesus Christus unseren Erlöser, der mit seiner Geschichte in unsere Geschichte gekommen ist.
Ich glaube an Gott den Heiligen Geist, der mich in meinem Leben anspricht und mir Gemeinschaft schenkt.

In diesem unserem Glaubensbekenntnis liegt eine unendlich große Zusage. Es ist die Zusage, dass wir nicht alleine sind, nicht allein in der Natur, nicht allein in der Geschichte und jetzt und heute in der Pandemie, nicht allein mit uns selbst.

In diesem unserem Glaubensbekenntnis liegt aber auch ein Auftrag begründet.
Hier werden uns Schöpfung, Gesellschaft und auch unser eigenes Leben als Teil einer Gemeinschaft verantwortlich ans Herz gelegt.

Gerhard Teerstegen
erzählt in einem Lied zum Trinitatisfest vom Brunnen der Liebe, vom Heilsbrunnen, der das Leben heil und ganz macht. In einer Zeit großer persönlicher Not und Armut, Zurückhaltung und Askese, sucht er im Brunnen des Glaubens Kraft, Trost und Hoffnung. Und so bittet Teerstegen um den Segen Gottes,
  • des Schöpfers, der uns Tag und Nacht behüten möge
  • des Heilands Jesus Christus, der Licht in unser Leben bringt;
  • und des Trösters, des Heiligen Geistes, der unseren Herzen und dieser Welt seinen Frieden schenken möge.
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist,
o Segensbrunn der ewig fließt:
 durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl,
mach uns deins Lobs und Segens voll.


Uns allen eine behütete Trinitatiszeit
Ihr Gerd Panknin


31.05.2020

Wind, der zu Pfingsten weht

Von Pröpstin Britta Carstensen, Propstei Neustrelitz

Es ist so weit: Es braucht nur noch einen winzigen Lufthauch, dann werden sich die Samen des Löwenzahns auf die Reise machen. Sie verstreuen sich und demnächst werden -zig neue Löwenzahnpflanzen auch an den unmöglichsten Stellen im Garten wachsen. Der Löwenzahn ist ein Überlebenskünstler. Alles, was er zur Ausbreitung braucht, ist ein wenig Wind.

Wind, Lebensatem, Geist Gottes: Im Hebräischen und im Griechischen wird dafür das gleiche Wort benutzt. Gottes Geist belebt, ist heilsame Kraft, ist Sehnsucht, Hoffnungsstärke, Trost, aber auch unverfügbare Unruhe. Seit dem ersten Pfingstfest ist das Vertrauen auf das Wirken dieses Heiligen Geistes untrennbar mit dem Glauben an Gott den Vater und den Sohn verbunden. Die Apostelgeschichte erzählt in großartigen Bildern, was dieser Gottesgeist zu bewirken vermag. Fünfzig Tage nach Ostern bricht er wie ein Sturmwind über ein Haus voll verunsicherter Menschen herein. Die Jünger, die sich dorthin zurückgezogen hatten, spüren unerwarteten Wind unter den Flügeln. Der göttliche Geist reißt sie aus ihrer Lethargie. Zurückhaltung wandelt sich in übersprudelnde Energie,  Sprachlosigkeit in Worte. Sie sind wie ausgetauscht. Alles ändert sich: Aus der Gruppe der sich Erinnernden wird eine Gemeinschaft, die aus dem Morgen lebt. Jetzt finden sie Worte für ihren Glauben. Jetzt finden sie Bilder für ihre Hoffnung auf Gottes kommendes Reich und für seine Gerechtigkeit. Sie spüren, Gott ist ihnen nahe ist, mitten im Hier und Jetzt. Es drängt sie raus aus dem stillen Kämmerlein. Sie müssen von dem erzählen, was ihnen lebenswichtig ist. Die, die ihnen zugehört haben, haben ihre Hoffnung und Freude jedenfalls genau gespürt. Und viele haben sich vom dahinter wehenden Geist Gottes selbst anstecken lassen. Das war – so sagt man - die Geburtsstunde der Kirche.

Vermutlich haben die Jünger selbst am meisten darüber gestaunt, wozu sie auf einmal in der Lage waren. Und so ist Pfingsten eine große Aufbruchs- und Möglichkeitsgeschichte. Pfingsten stößt uns darauf, dass wir als Einzelne und als Kirche jederzeit mit dem Wehen von Gottes Geist rechnen dürfen. Und dass dieser Geist Blickrichtungen verändert und bisweilen auch auf ungewohnte Pfade lockt. Das wird Gemeinde und Gemeinschaft verändern. Aber das brauchen wir. Für uns selbst. In unserer Kirche. Für unsere Gesellschaft. Jörg Zink schreibt: „Ich wage es kaum auszudenken, was geschähe, wenn die Christen glauben könnten, dass das Leben nicht aus Gewohnheiten besteht, sondern aus Einbrüchen aus plötzlichen Erfahrungen und Erkenntnissen, die neu und anders sind als alles Gewohnte. Ich wage mir kaum auszudenken, was mit der Christenheit geschähe, wenn sie plötzlich einen lebendigen Gott erführe, einen Gott, der heute bei ihr ist, um sie her, ihr voraus. Einen Gott, der Wege zeigt und neues vor die Augen der Menschen stellt. …. Wenn wir sagen könnten: Wir lassen unsere Ansprüche und unsere Gedankenlosigkeit hinter uns und gehen, ärmer, aber von Hoffnung getragen und vom Geist Gottes geführt, in eine offene Zukunft.“

Diesen Worten mag ich nichts hinzufügen. Vielleicht nur so viel: Zu Pfingsten werde ich  singen: „Wind, der die Samen weht, Wind, der zu Pfingsten durch unsre Herzen geht, komm Geist, der Freude und Gemeinde schafft – welch eine Kraft!“


24.05.2020

Liebe ist...

Von Propst Dirk Sauermann, Propstei Parchim

Nein, wir haben es nicht gesungen im Waldgottesdienst an der Steinmühle zu Himmelfahrt, das schöne Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud.

Doch die erste Strophe haben alle gesprochen und später haben die Posaunen die Melodie geblasen. Manch einer hat mitgesummt.

Die Sehnsucht ist groß: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“ (Ps. 27, 7)

Wir sehnen uns nach Freude im Herzen, nach Menschen, die uns freundlich ansehen und begegnen, nach Gemeinschaft und Normalität. Jede kleine Lockerung in der verordneten Enge wird meist dankbar angenommen. In Freiheit atmet es sich leichter. Das Herz braucht Luft nach entbehrungsreicher Zeit.

So Vieles, was das Herz erfreut, ist rar geworden in Corona Zeit: Nähe, Berührung, Gemeinschaft, Freiheit zu Reisen, Freiheit zu feiern, sich zu begegnen im Gottesdienst, auf der Straße, im Restaurant, der Kita oder Schule. Ja, da täte auch das Singen gut! Geh aus, mein Herz!

In den vergangenen Wochen habe ich sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Corona – Krise erlebt.

Manche Menschen malten düstere Wolken an den Horizont, auch in ihren Herzen wurde es zunehmend dunkler.

Manche Menschen wurden zunehmend stiller, sie behielten das, was sie auf dem Herzen hatten lieber für sich.

Manche Menschen liefen zu Höchstform auf, wollten in der Krise helfen, ihr Herz ging weit auf.

Manche Menschen verschlossen ihr Herz, damit nichts aus ihnen herausdringt und auch nichts hineindringt. Zu den eigenen Sorgen und den eigenen Ängsten, möge nicht noch mehr hinzukommen.

Ja, und auch denen bin ich begegnet: Die ihr Herz ausschütten wollten, weil jetzt plötzlich dafür der Augenblick gekommen war und mit ihm auch noch ein Mensch, der zuhören konnte.

Unser Herz ist nicht nur ein sensibles Organ, es ist auch der Ort, an dem sich die Begegnung mit Gott und Welt abspielt.

Und diese Begegnung ist zwischen Himmelfahrt und Pfingsten geprägt von der Bitte um den Geist Gottes, der Menschen in Liebe verbindet.

Liebe zieht, zieht an und zueinander, Liebe stiftet Gemeinschaft. Begegnung wird dann vorurteilsfrei möglich.

Liebe ist fester Grund in Zeiten, wo man sich neu gründen muss. Wenn man sich geliebt weiß, geht man auch unbekannte Wege leichter.

Liebe ist wie ein Band, das nicht reißt, was größten Belastungen standhält und größte Freuden spannt.

Liebe verbindet in einer Fernbeziehung, weil sie in dem Geist innigster Verbundenheit geführt wird.

Und zumal, die Liebe Jesu und die Gottes, welche höher ist und weiter reicht als unsere Vernunft, sie zieht uns dorthin, wo er ist, - in seinen Machtbereich der Liebe.

Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen, spricht Christus (Joh. 12, 32), so der Wochenspruch.

Ist das Herz von seiner Liebe erfüllt, kann es vertrauen. Ob in der Krise, die Pandemie heißt, und auch dann, wenn anderes plagt, ist mein Herz bei ihm gut aufgehoben. Es ist so groß und reicht so weit, dass Menschen sich vertrauensvoll an ihn wenden.

Wenn auch wir nun wieder mehr und mehr suchen können, was Freude bereitet, dann mag uns im Herzen die Freude begegnen, bei Gott nicht verloren zu sein.


17.05.2020

Gebet

Von Pröpstin Helga Ruch, Propstei Stralsund

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Der Tag ist ein einziges Gehetze von Termin zu Termin. Die eine Arbeit ist noch gar nicht beendet, da steht die nächste schon auf der Schwelle. Und ein Gefühl der Atemlosigkeit befällt uns und macht uns unruhig.
Von einem Wanderer, der in den Bergen Südamerikas unterwegs war und dabei von einem Einheimischen begleitet wurde, erzählt man sich folgendes: Er merkte plötzlich, dass er seinen Begleiter verloren hatte. Sich umschauend entdeckte er ihn ganz weit hinter sich am Wegesrand sitzend. In der Annahme, er brauche Hilfe, eilte er zurück und fragte: „Was ist los?“. Antwort: „Ich muss warten, damit meine Seele hinterherkommen kann.“
So erlebe ich oftmals das Gebet: Die Chance, die ich meiner Seele gebe, dass sie hinterherkommen kann. Als Raum, in dem ich aufatmen, zu Atem kommen kann.
Und auch als einen Ort, in dem ich sein darf und mich ganz spontan und „unsortiert“ anschauen lassen darf von einem Gott, mit dem mich ein tiefes Vertrauen verbindet.
Und noch eins: Menschen, für die ich bete, Situationen, die ich Gott hinhalte, Ängste, die ich mit Ihm teile ebenso wie die Glücksmomente…all das sehe ich in diesem „Gebetsraum“ in einem anderen Licht, in einer anderen Nähe und auch vom Glanz der Hoffnung umgeben. In Zeiten wie der, die wir gerade jetzt erleben, ganz besonders wichtig und tröstlich.


10.05.2020

Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Psalm 98,1

Von Propst Marcus Antonioli, Propstei Wismar

Der heutige Sonntag heißt "Kantate", das heißt "singet". Singt dem Herrn ein neues Lied! In diesem Jahr können wir jedoch nur mit Hindernissen gemeinsam singen. Jedoch Gottesdienst ohne Musik und Gesang ist für mich kaum vorstellbar! Gemeinsam geht das in diesen Corona-Zeiten am besten draußen, vielleicht noch mit Mundschutz.  Denn das was sonst so vertraut, tröstlich und sogar heilsam für unsere Seelen ist, kann derzeit fatal infektiös sein.

Ich befürchte, dass in diesen Wochen Menschen tatsächlich verstummen, weil sie schon viel zu lange allein sind, weil Sorgen drücken und Angst die Luft zum Atmen nimmt. Totenstille. - Doch plötzlich ist da eine Melodie, eine alte Liedzeile, ein Psalm, wie ein Echo aus längst vergangenen Zeiten. Wie der glimmende Docht ein Feuer entzünden kann, so kann ein Lied sich Bahn brechen, uns verwandeln und beleben. Ganz überraschend lässt Gott dann die Sonne auch blicken ins finstere Herze mein.

In den Resonanzen der Musik erleben wir die faszinierende Nähe Gottes auf wunderbare Weise. Beim Singen können wir uns selbst in den vielstimmigen Chor der Glaubenden und der Zweifelnden einschwingen. Darüber hinaus verbindet uns das gemeinsame Loben und Danken unsichtbar mit allem, was da lebt. In diesem Lied klingt mein Leben.

Kein Wunder, dass viele das gemeinsame Singen so schmerzlich vermissen. Da rebelliert vor lauter vernünftig sein schon mal das Herz. Darum werden wir erfinderisch, um die alten und neuen Lieder erklingen zu lassen. Da gibt es das Balkonsingen, Internetkonzerte oder wir singen unbeirrt vor unseren Bildschirmen und Lautsprechern doch irgendwie gemeinschaftlich. Ich sing dir mein Lied von Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen!

Sollte unser Loblied jemals verstummen, dann wären auch all die Wunder vergessen, die Gott unter uns Menschen getan hat. In dem Moment, in dem wir aufhören, Gott als Freund und Freundin des Lebens zu preisen, werden wir blind für sein heilsames Wirken mitten unter uns, in unserer Welt. Darum: Ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd!

03.05.2020

Einander dienen

Von Propst Wulf Schünemann, Propstei Rostock

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!
Monatsspruch Mai 2020 - 1.Petrus 4,10


„Herr, wie ist Dein Tierreich groß“ - wundert sich die ältere Dame.
Und sie staunt darüber nicht, weil sie mal wieder einen Tierfilm in Breitformat und Farbe angesehen hat. Sie meint damit weder Quastenflosser noch Blauwale.   
Der Spruch entgleitet ihr immer dann, wenn sie von eigentümlichen Menschen hört, die sich etwas anders benehmen als die anderen. Und es ist liebevoll gemeint. Ja so sind sie, die Menschen in ihrer großen Vielfalt: in ihren Angewohnheiten, ihren Reaktionen, ihrem Reden und Tun, ihren Macken. Manchmal kann man sich nur wundern.
Viele regen sich ja über die anderen auf. Wer anders ist, die Welt anders sieht und quer denkt und unkonventionelle Schritte geht, kann schnell in einem shitstorm untergehen.

„Herr, wie ist Dein Tierreich groß“ - da steckt der Glaube drin, dass wir alle Geschöpfe des großen DU sind, auch die Unbequemen und diejenigen, die mich durch ihr Anderssein infrage stellen oder einfach nur nerven.

Auch in Coronozeiten mit ihren speziellen Herausforderungen wird deutlich, wie verschieden wir ticken. Da sind die ganz Behutsamen, von denen die anderen sagen, sie seien zu ängstlich. Und da sind die Wagemutigen, von denen die anderen sagen, sie seien unverantwortlich. Und am Ende möchten alle, dass es ausdiskutiert und entschieden wird, wer nun Recht hat.
Ich sehe diese unterschiedlichen Reaktionsweisen eher als verschiedene Begabungen unter uns, die durch unsere ganz persönlichen Lebenserfahrungen Gestalt gewonnen haben. Der Petrusbrief will uns verführen, einander mit unseren Gaben zu dienen und nicht darauf zu beharren, dass der andere doch meine Erkenntnis endlich anerkennen soll.

Es hätte schon etwas, wenn die Abgeklärten den ganz Vorsichtigen helfen würden, einen Teil ihrer Angst zu überwinden und wenn die Zurückhaltenden den Forschen etwas den Blick für andere und das Ganze weiten könnten. Einander dienen eben, dem anderen meins zur Verfügung stellen und mich durch den anderen hinterfragen lassen. Das verstehe ich unter gutem Verwalten der vielfältigen Gnade Gottes unter uns, die zum Glück jeder und jedem gegeben ist.

26.04.2020

"Gute Hirten“

Von Propst Andreas Haerter, Propstei Pasewalk

Gott Lob der Sonntag kommt herbei, die Woche wird nun wieder neu! Auch wenn der Weg zur gottesdienstlichen Feier in der Heimatkirche ausbleiben muss: Den Ruf der Glocken zu Andacht und Gebet, den hören wir. Die Einen schalten nun Computer oder Fernsehgerät an und praktizieren ein Stück Gemeinschaft der Glaubenden am Bildschirm. Andere nehmen den sonntäglichen Brief ihrer Kirchengemeinde zur Hand und lesen, was ihre Pastorin oder ihr Pastor ihnen zum heutigen Sonntag vorbereitet hat. Wie schön, solch einen persönlichen Gruß im Briefkasten zu finden!

Das Thema des Sonntags scheint diesmal wie für uns geschaffen! In früheren Jahren kam es uns eher altbacken vor, irgendwie wenig passend zu unserem Lebensgefühl. Da war die Rede von einem Hirten und seiner Schafherde. Dem stemmte sich schon einmal unser Selbstverständnis als Bürgerin und Bürger in einer freiheitlichen Demokratie entgegen. Manchen Pastoren unserer Kirche klang dann auch noch die süffisante Frage des Reporters in den Ohren: „Wie geht es denn ihren Schäfchen?“ Heute aber ist alles ganz anders. Unsere Gesellschaft bemerkt gerade, wie hilfreich und wohltuend es sein kann, auf Menschen zu treffen, denen wir einen Vertrauensvorschuss geben können; Menschen, denen wir für die Lösung einer konkreten Aufgabe gern Autorität zubilligen wollen. Hauen und Stechen auf der Leitungsebene empfindet momentan niemand als hilfreich. Unsere Regierung steht erfreulicherweise zusammen, hört auf die Fachleute. So stellen wir uns eine gute Führung in Krisenzeiten vor.

So wie die Bürgerinnen und Bürger im Allgemeinen keine dummen Schäfchen sind, so sind es auch nicht die Bürgerinnen und Bürger christlichen Glaubens. So wie wir es honorieren, wenn unsere Regierenden sich hin und wieder als „gute Hirten“ zu erkennen geben, so dürfen wir Christen an diesem Sonntag erfreut, dankbar und verständig darüber nachdenken, was es damit auf sich hat, wenn Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht...“ (Joh. 10,11 ff.)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
Ihr Andreas Haerter

19.04.2020

Neubeginn

Von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

Dieser Sonntag klingt wie eine Verheißung: Neugeburt! Neubeginn in der großen Krise: „Quasimodogeniti“, „Wie die neugeborenen Kinder“. Erste Lockerungen, bald wieder Schule und Gottesdienste, die Sehnsucht nach Normalität. Eine Vorahnung, dass das Leben weitergeht trotz der lebensbedrohlichen Pandemie. Könnten wir an diesem Sonntag schon Gottesdienste besuchen, würden wir in der Predigt herrliche Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja hören, wie so ein Neuanfang aussehen könnte: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40,31)

All denen, die müde sind von der sozialen Isolation, von den ständig neuen Informationen über die Infektionsrate und über Einschränkungen, von den Sorgen um die gefährdeten Liebsten, all denen verspricht der Prophet an diesem österlichen Sonntag neue Kraft und neue Perspektive. Gott selbst ist es, der diese neue Kraft schenkt. In der Taufe wird dieses Geschenk Wort und Zeichen.

Quasimodogeniti, „Wie die neugeborenen Kinder“ – manche nennen ihn auch „Weißen Sonntag“: In der Alten Kirche bekamen die Menschen, die an Ostern getauft wurden, weiße Kleider als Zeichen der Neugeburt, um sie eine Woche lang zu tragen. Am weißen Sonntag legten sie diese Kleider ab und gehörten von nun an als Mitglieder zur Gemeinde.

Ich kann in diesen Tagen der Krise immer wieder Zartes entdecken, das sich nach Neugeburt anfühlt: Da verteilen 60 syrische Geflüchtete in Stralsund Flyer, dass sie bereit sind, in Coronazeiten Hilfe zu leisten. Sie könnten einkaufen gehen, in der Landwirtschaft mit anpacken oder anderes. Deutschland habe ihnen nach ihrer Flucht so viel Gutes getan, jetzt wollten sie ein wenig davon zurückgeben. Welch ein schönes Angebot!

Da bekommen endlich diejenigen Anerkennung und Applaus, deren Arbeit sonst so schlecht bezahlt scheinbar im Verborgenen geschieht: Verkäuferinnen, LKW-Fahrer, Pflegerinnen. Dankbar entdecken wir gerade, dass sie es sind, die Tag für Tag Lebenswichtiges für uns leisten. Das sollten sie nach Corona auch auf ihrem Lohnzettel merken können.

Und da geschieht quasi über Nacht Digitalisierung im Zeitraffer, auch bei uns in der Kirche. Geistliches, Bildung und Kultur gibt es auf einmal in bunter Vielfalt und Kreativität im Internet zu bestaunen. Was politische Sonntagsreden jahrzehntelang vergeblich gefordert haben, haben wir nun in kürzester Zeit geschafft.

Neugeburt heißt nicht, dass alle Probleme sich in Luft auflösen. Auch getauftes Leben bleibt gefährdetes und sterbliches Leben. Neugeburt heißt, wach zu spüren, wie Gottes Geist für neue Kraft und neuen Mut sorgt. Dafür gibt es an Quasimodogeniti genug Anlass, auch in Zeiten der Seuche. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete österliche Woche voller Anzeichen des Neubeginns!

12.04.2020

"Bring den Stein ins Rollen!“

Von Propst Gerd Panknin, Propstei Demmin

Eine tolle Idee die Aktion Ostersteine. Viele unserer Gemeinden sind dabei. Die Osterfreude verstecken und suchen und irgendwann auch finden. Klasse.
Zwischen Karfreitag und Ostern habe ich meinen Osterstein schon gefunden. Zarte Blume sind darauf gemalt, weil Gottes großer Garten mir besonders jetzt im Frühling unendlich viel Freude macht. Neben der Blume ist auf dem Stein ein kleiner Felsen gemalt. Es ist nicht nur alles Freude im Augenblick. Es gibt auch manche Steine, die uns an diesem Ostern auf dem Herzen liegen. „Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!“, sagt der Psalmbeter. Auch Gott ist manchmal in seinem Handeln und in seinen Gedanken für uns nicht zu verstehen. Das haben auch die Frauen am Ostermorgen erfahren. Es ist Dunkel und Finster, und Gott ist in diesem Dunkel des verschlossenen Grabes verborgen, nicht zu begreifen, nicht zu fassen.

Als die drei Frauen zum Grab kamen, war der Stein vom Eingang des Felsengrabes weggewälzt. Sie gingen in das Grab, sahen dort eine helle Gestalt und hörten:
Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Geht zurück. Sagt seinen Freunden: Jesus lebt. Der schwere Stein vor seinem Grab ist weggerollt. Habt keine Angst mehr.

Markus erzählt am Ende seiner Ostergeschichte, dass die Angst und die Furcht der Frauen bleibt. Und dennoch hat das Erlebnis am leeren Grab in ihnen etwas ausgelöst. Nicht nur der große Stein ist ins Rollen gekommen. Auch sie selbst sind bewegt. Aus dem verborgenen Gott wird am Ostermorgen, der sich offenbarende Gott, der Gott, der uns Menschen in Jesus Christus grenzenlos liebt. Die Steine, Sorgen und Fragen dieser Tage bleiben, aber sie müssen uns nicht erdrücken. So bekommt manches Schwere und Unfassbare im Leben, seine besondere Tiefe, weil wir es zusammen durch tragen durften und dafür auch die Kraft bekamen. Wenn ich „wir“ sage, ist mir das besonders wichtig. Es gibt Steine, die kann ich alleine nicht bewegen, geschweige denn tragen. Gemeinsam aber ist dies möglich. Das ist auch ein Bild für diese Zeit. Sie trennt uns nicht. Sondern sie weist uns aneinander. Grade jetzt in diesen Tagen, wo wir Abstand halten müssen, können wir einander dennoch nahe sein. Es ist ein Aneinander-Denken. Es ist ein Füreinander-Beten. Es ist ein  Miteinander-Reden und ein Aufeinander-Hören. Was aus dieser Nähe wächst, liegt bei Gott. Hier werden die vielen Sorgen und Fragen dieser ungewöhnlichen Tage nicht  kleingeredet oder abgeschoben, sondern ausgehalten und miteinander getragen. Der Osterstein sagt: Nichts im Leben wiegt so schwer , dass es uns für immer und ewig drücken muss , nicht der Tod und nicht das Leben. Ich wünsche uns ein gesegnetes Osterfest, das Steine ins Rollen bringt.


05. April 2020

Die Dinge anders denken

Von Pröpstin Britta Carstensen, Propstei Neustrelitz

Die Leute jubeln: Unser König kommt, eine neue Zeit beginnt. Der Mann auf dem Esel weiß: Ja, sie hat begonnen – aber anders, als ihr es erwartet. 

Eine Frau salbt Jesus mit kostbarem Parfumöl. Die einen sagen: Was für eine sinnlose Verschwendung! Jesus sagt: Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Körper vorbereitet auf das Begräbnis.

Zwei kleine Szenen aus den letzten Lebenstagen von Jesus. Er versucht, seine Freunde auf das Kommende vorzubereiten. Dabei denkt und deutet er die Dinge anders als sie. Denn er ahnt: Er wird leiden und sterben. Und wirklich: Was am Palmsonntag in Jerusalem mit Jubel und Lobgesang beginnt, endet schon wenige Tage später schrecklich am Kreuz. Jesus leidet. Menschen leiden. Das ist eine an Leib und Seele erfahrene, oft verzweifelte Realität.

Dieses Jahr wird die Karwoche im wahrsten Sinne des Wortes eine stille Woche. Das öffentliche Leben liegt brach, wir können uns nicht frei bewegen. Die Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus bleibt weiterhin hoch. Und das Leid rückt näher als sonst. In Krankenhäusern und Pflegeheimen ist die Lage sichtlich  angespannt. Menschen sterben. Und jeder kennt jemanden, der sich zu Recht Sorgen um seine Zukunft macht. Weil der Betrieb geschlossen hat, weil die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht.

Was kann jetzt Halt geben, Hoffnung sein? Ich versuche, heute vom Ostermorgen her zu denken und zu glauben. Das ist und bleibt nicht nur in der Karwoche ein Aushalten, ein Wagnis. Denn der Ausgang liegt in Gottes Hand. Doch ich vertraue darauf, dass Gott auch in schweren Zeiten Wege weiß, die mir und anderen (noch) verschlossen sind. Und dass ich und andere sie mit seiner Hilfe finden und gehen können.

In diesem Vertrauen: Was werden wir wohl über diese Wochen sagen, wenn sie irgendwann vorüber sind? Vielleicht, dass nicht alles nur Notlage und Verlust war. Was könnten wir erfahren haben? Zum Beispiel, dass wir miteinander verbunden blieben - nur anders. Dass wir uns trotz Einschränkungen nicht aus den Augen verloren haben. Denn Handy und Computer waren echte Hilfen. Dass Solidarität, Rücksichtname und Höflichkeit unsere Gesellschaft weiter gebracht haben als Egoismus und Pöbeleien. Dass Familie und Freunde ein Schatz sind. Dass gelebte Nachbarschaftshilfe ein Viertel lebenswert macht, dass Homeoffice und Internet-Teaching  echte Alternativen sind und die Videokonferenz im Job auch. Wie überflüssig einige Zeitfresser schon immer waren und wie gut es tut, wenn die Uhr auch mal langsamer tickt. Dass Gottesdienste und Seelsorge in den neuen Medien bella figura machen – und was das für eine Bereicherung ist! Und dass um 19 Uhr in vielen Fenstern immer noch eine Kerze zum Gebet für alle Menschen brennt.


29. März 2020

Neue Aufmerksamkeiten

Von Propst Dirk Sauermann, Propstei Parchim

Die Corona Welt bekommt nach und nach Züge von Alltäglichkeit. Der sogenannte Shutdown wird überall in der Gesellschaft umgesetzt und das alles in unglaublicher Geschwindigkeit. Viel schneller, als sich Gesellschaft zu normalen Zeiten bewegt, wurde das öffentliche Leben heruntergefahren. Solche Bremsungen erzeugen Reibungen, Ängste und auch Schmerzen an Körper, Geist und Seele.

Und doch verfangen vertraute Sprüche wie auch sonst in außergewöhnlichen Situationen: Das Leben muss ja irgendwie weitergehen. Vieles aber ist anders geworden. Es entstehen neue Aufmerksamkeiten für Mitmenschen.

Beeindruckend, wie dabei auch in der Kirche großartige Ideen, Menschen zu erreichen und zu begleiten, Raum greifen. Die oft geforderte Verkehrung, von der Komm- zur Gehstruktur in der kirchlichen Arbeit zu wechseln, wird realer. Es macht so richtig Freude, dabei die vielfältigen Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien zu entdecken. Freilich dürfen wir die Menschen nicht außen vor lassen, die damit nicht vertraut sind. Für sie braucht es den Brief und das Telefongespräch.

Und doch, die neue kirchliche Geschäftigkeit, in der wir jetzt vielfach handeln, ist Dienst, auch in dieser Zeit. Sie ist kein Selbstzweck, sondern Folge des Christusweges.

Wer sein Handeln als Dienst versteht, schaut mit dem Wochenspruch aus dem Matthäusevangelium auf Christus, den Befreier für unseren Dienst.

„Der Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Mt. 20, 28

Gott sei Dank – es hängt nicht alles von uns ab, von dem, was wir uns so reichlich und phantasievoll ausdenken. Das alles ist gut, wenn es auf den weist, der uns schon immer gedient hat.

Missionare bekamen früher den Rat mit auf den Weg: „Denkt nur nicht, ihr brächtet Christus irgendwo hin! Macht vielmehr die Augen auf und schaut, wo er bereits am Werk ist.

Ein schöner Gedanke: Ausschau halten, wo Gott schon am Wirken ist! Wo sein Geist vielleicht schon längst Menschen berührt hat! Schauen, wo Christus bereits am Werk ist und seinen Dienst annehmen in der Krise.


22. März 2020

Trost

Von Pröpstin Helga Ruch, Propstei Stralsund

Eine Woche liegt hinter uns, die war sehr anders als sonst.
In der Einschränkung des sozialen Lebens wird deutlich, welch eine Kostbarkeit es ist, dass Menschen miteinander leben, sich austauschen, Kontakt haben.
Aus guten Gründen haben wir diese Kostbarkeit für eine noch nicht abzusehende Zeit zur Seite legen müssen.
Die erschreckenden Nachrichten aus Italien; das beängstigende Gefühl, es wird auch uns in einem ganz anderen Ausmass erreichen, die eindringlichen Worte der Bundeskanzlerin, kein Tag ohne neue und immer höhere Zahlen von infizierten und betroffenen Menschen…
da scheint es nur folgerichtig, dass wir mitgerissen werden in den Sog von Angst und Panik, von Depression und Resignation.
Folgerichtig?
Der kommende Sonntag setzt ein anderes, helles Zeichen:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; Jes. 66, 13a
Das brauchen wir - dringend. Wir brauchen den Zuspruch: Du bist nicht allein in diesen Tagen. Ich, Gott, bin an deiner Seite. Es ist eben gerade nicht ein unberechenbares Virus, das dein Leben hält und bestimmt.
Ein Foto hat sich mir eingeprägt: Der segnende Christus auf dem Corcovado, dem Hausberg der Stadt Rio de Janeiro, seit einigen Tagen mit einer großen Weltkugel auf dem Herzen.
Ich wünsche uns, dass uns diese Gewissheit trägt und tröstet.


15. März 2020

Vertrauen

Von Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern

Wie schnell unser sorgsam geordnetes Leben aus dem Gleis geraten kann! Hamsterkäufe, Veranstaltungs-absagen, Schulschließungen, das bestimmt auf einmal unseren Alltag. Da kann es leicht passieren, dass man mitgerissen wird in einen Strudel aus diffuser Verunsicherung oder gar in Panik gerät. Paulus saß im Gefängnis, als er folgenden Vers an seinen Mitarbeiter Timotheus schrieb:
 
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2 Timotheus 1,17)
 
Der Apostel sagt nicht einfach „Du brauchst keine Angst zu haben, Gott regelt das schon“. Er weiß, dass die Angst zum Leben dazu gehört, und er weiß, dass Krisen zum Leben dazugehören. Doch er setzt ihnen deutliche Grenzen: Wir, die Kinder Gottes, sind den Umständen und unseren Gefühlen nicht machtlos ausgeliefert. Gott hat uns beschenkt mit seiner Kraft, mit Liebe und mit Besonnenheit. Was für eine Zusage! Vertrauen wir darauf.


Diese Website verwendet Cookies und die Webanalyse-Tools Matomo und Google Analytics. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich hiermit einverstanden.Eine Widerspruchsmöglichkeit gibt es auf der Seite Datenschutz.