Präses Elke König (Greifswald): Ansprache für die Ausstellung:
„Was sehen Sie, Frau Lot?“ am 3. März 2005 in Rostock
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich darf besonders die Künstlerinnen Renate Bühn, Maria Mathieu und Heike Pich begrüßen und
mich bei den Mitarbeiterinnen des Frauenwerks der ELLM und PEK, Frau
Annerose Neumann und Frau Frauke Lietz bedanken, die durch ihr Engagement diese Ausstellung in die Räume der Nikolaikirche nach Rostock geholt haben.
In meinen Dank sind ausdrücklich auch Frau Ulrike Bartel und Frau Regina Schreglmann von dem Verein „Frauen helfen Frauen“ eingeschlossen.
Sowohl der sakrale Raum als auch das Thema dieser aktuellen Kunstausstellung „Was sehen Sie, Frau Lot“ lassen mich innehalten.
Die erste, flüchtige Assoziation bringt einen scheinbar nicht zu überwindenden Gegensatz: Der Kirchenraum, Ort des Betens und des Singens, des Angenommenseins und der Geborgenheit, des Heil-Werdens auf der einen Seite und die schmerzhaften Konfrontationen mit menschlicher Grausamkeit durch imaginative und kreative Auseinandersetzung auf der anderen Seite.
Die Begegnung mit dem liebenden, vergebenden und gütigen GOTT als Freund des Lebens – und dann die Begegnung mit Frau Lot, die das Zerbrechen von Leben, ja sogar das Zerbrechen des Vertrauens in das Leben sah.
GOTT, du Freund des Lebens, was mutest du dieser Frau und ihren Nachfahren zu! Sie sehen und spüren die Wertlosigkeit des Lebens von Frauen und Töchtern, die als Tauschobjekte zu Vergewaltigungen angeboten werden, sie werden zu Zeuginnen des Missbrauchs ihrer Kinder und sie werden selbst missbraucht, gedemütigt, entwürdigt.
Wie schwer wird mir der Anblick dieser künstlerischen Darstellungen, die sich realen Ereignissen und traumatischen Wirkungen zuwenden, die uns zeigen, wie die äußere Realität in innere Realitäten umgewandelt werden und fortexistieren. Das unerhörte Ereignis ist vorüber und doch nicht vergangen !
Die künstlerischen Darstellungen zeigen, wie sich reale Schädigungen in Traumata im Innenleben umwandeln. Wie schwer fällt da die christliche Pflicht zur Vergebung – mit dem ältesten Gebet – Das Vater unser- spreche ich diese wohlvertrauten Worte täglich.
Mir wird gerade im Wirkungsraum dieser Ausstellung deutlich, dass Vergebung, als christliche Pflicht verstanden, - losgelöst vom jeweiligen konkreten Kontext -, sehr schnell gegen von Gewalt betroffene Menschen eingesetzt werden kann. Vergibt die Frau dem Täter nicht, fühlt sie sich oft noch zusätzlich schuldig, da sie nicht zur Vergebung bereit ist, ja, nicht bereit sein kann. So werden geschädigte Frauen doppelt bestraft.
Der Täter erwartet hingegen häufig vom Opfer Vergebung , ohne wirkliches Bewusstsein der eigenen Schuld und der Reue über die Tat.
Eine so einfach interpretierte christliche Vergebungspflicht ist dann für mich nichts anderes als eine Vertuschung der Gewalttat, ja eine Verspottung der Opfer.
Wie oft kommt für Frauen und Mädchen noch erschwerend hinzu, dass Vergebungs- und Versöhnungsbereitschaft sowieso zur tradierten weiblichen Rolle gehört und wie selbstverständlich erwartet wird, dass sie vergibt!
Dafür steht das sogenannte Syndrom der „erlernten Hilflosigkeit“.
Da kann man dann nicht mehr von Vergebung sprechen , sondern es muss von Umkehr gesprochen werden – Umkehr aus männlichen Macht- und Gewaltverhältnissen mit dem Begreifen von Unrecht, der Verantwortungsübernahmen und schließlich einer Veränderung.
Und erst dann kann, vielleicht irgendwann, auch Vergebung von Seiten des Opfers möglich werden.
Das ist das Ende des bitteren Weges - einige aber können den Weg nicht bis zum Ende gehen!
Die Künstlerinnen führen uns durch die Schrecken der Destruktivität von sexualisierter Gewalt, zwingen uns zum Hinschauen, Mitfühlen und Mitweinen. Sie führen uns in das ungelöste Dilemma, eine Realität darzustellen, die die eigene Vorstellungskraft sprengt.
Die Struktur traumatischer Erinnerungen schreit nach einer kreativen Auseinandersetzung, um für die Betroffenen selbst und öffentlich gehört und verstanden zu werden. Es wird von uns verlangt, ein Hinschauen zu praktizieren, dass auf das Nichtvorzeigbare genauso schaut und sicher weiß, dass über das Dargestellte hinaus das erlebte Grauen größer ist.
Eine Betroffene muss sich auch vor der eigenen Erinnerung schützen bzw. schützen dürfen. Von uns darf eine unterstützende Begleitung erwartet werden, die für die Momente der Abwesenheit, des Nicht-Wissens und der Einsamkeit bei traumatischer Erinnerung eintritt.
Dass Strafprozesse nicht der Heilung der Opfer dienen, ist bekannt. Gerade von Feministinnen wird seit längerer Zeit die Zumutung herkömmlicher Gerichtsverfahren für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, abgelehnt. Wie groß muss die Belastung bosnischer Frauen gewesen sein, die vor dem Straftribunal in Den Hag gegen ihre Folterer aussagten. Der mediale Rummel rund um die Leidensgeschichte dieser Frauen muss eine schier unsagbare Belastung für die betroffenen Frauen gewesen sein: eine doppelte Entwürdigung – durch das erlittene Verbrechen und durch den Prozess mit öffentlicher Zurschaustellung.
Wird nicht gerade hier deutlich, dass die Ausübung sexualisierter Gewalt eine Botschaft hat: Du existierst als Mensch und Person nicht!
Ja, der Titel der Ausstellung „Was sehen Sie, Frau Lot“ ist sehr mit Bedacht gewählt – die Werken der drei Künstlerinnen packen uns emotional an und wirken nachhaltig, machen uns das Verstummen der Opfer sichtbar und im Inneren hörbar.
Künstlerische Dokumentation wird notwendig, um der unterdrückten Geschichte der Opfer einen Raum zu schaffen, in dem sie artikuliert werden kann. Gerade diese Aufarbeitungsform ist prädestiniert, die Geschichte der Wunde und des Schmerzes zu erfassen und zu vermitteln und somit der Erstarrung und Einkapselung traumatischer Inhalte entgegenzuwirken.
Sie zwingt uns zu einem kommunikativen Austausch, macht somit dass Unsagbare hörbar, gibt Gesicht und Kontur, Sprache und damit möglicherweise Zukunft.
O, mein GOTT, Dein Sohn Jesus sagt uns: Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Ja, auch meinen Brüdern – wer macht das Weinen und Schreien missbrauchter kleiner Jungen hörbar und sichtbar.
Ein Mensch, der zu seinem Selbst angeleitet wird und sich selbst liebend annehmen kann, wird nicht zum Täter.
Was taten wir dir an, was tun wir dir alles an!
Mir bleibt die Bitte und das Tun – Hinzuschauen, Anzuklagen, Einzufordern und alles zu tun, was diese Not der Schwestern wendet.

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