[img] Rostock. Foto: Matthias Knüppel [img]
[img]
Start [img] Aktuell [img] Mecklenburg [img] Pommern [img] Beide Kirchen [img] Glauben [img] Marktplatz [img] Seelsorge [img] Jugend [img]
[img]
[img]
[img]
Seite drucken Seite als eMail senden
[img]
[img]
[img] Landesbischof
[img] Landeskirche
[img]
[img] Adressen
[img] Amtsblatt
[img] Aufbau & Organisation
[img] Beteiligungsprozess
[img] Bildergalerien
[img] Diakonie
[img] EDV Projekt
[img] Einrichtungen
[img] Familienforschung
[img] Fördervereine
[img] Fort- und Weiterbildung
[img] Gemeindekirchgeld
[img] Gemeinden im Netz
[img] Geschichte
[img] Gesetze/Ordnungen
[img] Impulse/Texte/Themen
[img] JAhr zur Taufe
[img] Kirchbau
[img] Kirchenälteste
[img] Kirchenkreise
[img] Kirchenkreiskongresse
[img] Kirchenleitung
[img] Kirche mit Anderen
[img] Kirchenmusik
[img] Kirchgemeinderatswahl
[img] Kollekten
[img] Personalmeldungen
[img] Pressemeldungen
[img] ReferentInnenpool
[img] Schöpfungsbewahrung
[img] Schule und Kirche
[img] Statistik
[img] Stiften-gehen
[img] Synodalwahl 2011
[img] Synode
[img] [img]15.-17. März 2012
[img] [img]17.-19. November 2011
[img] Tagung & Freizeit
[img] Termine 2012
[img] Umgang sexuelle Gewalt
[img]

[img]
[img] Info&Service
[img] Adressen
[img] English Pages
[img] Impressum
[img] Nachrichten
[img] Neu in kirche-mv
[img] RSS Feed
[img] Übersicht










[img]
[img]
[img] [img]
[img]

Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs, XIII. Landessynode

 

Andacht vom 29. Oktober 2005 von Pröpstin Christiane Eller, Dorf Mecklenburg

 

 

Plötzlich war mit eine Situation aus meiner Kindheit wieder gegenwärtig: Unser Vater hatte meine Schwester und mich bei Kantor Eschenburg (aus dem meine Schwester erst einmal Kater Eschenburg machte) zum Kinderchor angemeldet. Ab und zu gab es eine Ansage für den Sonntag: Singen im Gottesdienst. Da ich nicht wusste, was ein Gottesdienst ist, fühlte ich mich von dieser Ansage nicht angesprochen. Ich hörte sie und hörte sie doch nicht; ich fragte weder mich selbst geschweige denn jemand anderen, was damit gemeint sein könnte. Es betraf mich einfach nicht. – Vor ein paar Wochen stellten wir beim ersten Konfirmandentag in der neuen Gruppe den Konfirmanden unser Konzept vor, zu dem auch die Teilnahme an Gottesdiensten gehört. Ich war so konzentriert in meinen Erläuterungen, dass mir erst später zu Bewusstsein kam, dass einer der Konfirmanden seinen Nachbarn leise flüsternd gefragt hatte: Gottesdienst, was ist denn das? Wir werden künftig also den Konfirmanden auch erklären müssen, dass es überhaupt so etwas wie Gottesdienst gibt. Da fiel mir diese Situation aus meiner Kindheit wieder ein.

 

In der Gemeinde, in der ich zu Hause bin, besuchte ich ein Ehepaar, das sich eine Andacht zur Goldenen Hochzeit in der Kirche wünschte. Ein Abendmahl wollten sie auch haben. Ich fragte nach, und es stellte sich heraus, dass sie das Abendmahl nur zu zweit haben wollten. So wie das bei der Goldenen Hochzeit ihrer Kusine auch gewesen sei. Ich rief meinen Kollegen in Wismar an, um von seiner speziellen Goldenen Hochzeit mehr zu erfahren, und es stellte sich heraus, dass diese Familie so wenig kirchlich trotz Kirchenmitgliedschaft gewesen sei, dass an Abendmahl gar nicht zu denken war. Wir einigten uns darauf, dass die Frau aus unserer Gemeinde das Abendmahl mit dem Segen verwechselt haben müsse. Obwohl sie Mitglied der Kirchgemeinde ist, hat sie von beidem nicht mehr gewusst, was es ist.

 

Eine letzte Schilderung: Wir feiern Erntedankgottesdienst mit Tauferinnerung. Es sind durch die schriftlichen Einladungen an die Familien mindestens 80 Menschen in der Kirche, deutlich mehr als sonst. Alles ist wunderschön, nur mit dem Singen hapert es. Vielleicht 20 ältere und alte Frauenstimmen singen etwas gequält „Wir pflügen und wir streuen“ und all die anderen alten und neuen Lieder. Wir brauchen einen Chor, denke ich ein wenig erschrocken, wo überhaupt erst mal wieder die traditionellen alten und neuen Lieder gelernt werden.

 

Der Traditionsabbruch, das sagen mir diese Geschichten, ist größer als ich es bisher für möglich gehalten habe, als wir es uns bis heute eingestanden haben. Ich fürchte, er hat die Mitte erreicht. Die Tradition ist, so will ich es mit dem Blick auf das Bild des Hesekiel sagen, bis auf die Knochen runter. Sicher gibt es nach wie vor Horte der Tradition, z.B. wenn wir untereinander sind und bei Andachten oder Beerdigungen unsere Lieder singen. Aber das sind inzwischen nicht mehr als Inseln der Tradition. Hubertus Halbfas, ein katholischer Religionspädagoge, gebraucht in diesem Zusammenhang das Wort „Erschöpfung“. Gefragt nach Möglichkeiten der Abhilfe nennt er: Wahrnehmung und Annahme. Ich will Sie und mich ermutigen hinzuschauen und wahrzunehmen und anzunehmen, was ist.

 

Bis auf die Knochen runter... Der Prophet Hesekiel lehrt mich, wie schockierend und schmerzhaft diese Wahrnehmung sein kann. Da ist nichts mehr als die nackten, ungeordneten, toten Knochen. Ich möchte den Mut haben, sie anzusehen. Gegen die Angst des Unglaubens, gegen den Unglauben der Angst den Mut finden, wahrzunehmen, was ist. Dann gibt es ein „weiter“. Dann kann ich sagen: Gott, mein Gott, du weißt es. Und Gott gibt Atem in das Tote, er zieht Sehnen, Fleisch und Haut über die toten Knochen, und er ordnet sie, er fügt sie zusammen und macht sie lebendig. Schon jetzt. Aber darum, bis auf den Grund, bis auf die nackten Knochen sehen zu müssen, komme ich nicht herum.

 

Schon jetzt, mitten im Abbruch der Tradition, nehme ich wahr, dass sich etwas zusammenfügt. Dort, wo vorher nichts mehr war. Wenn eine Lehrerin, die in die Kirche wieder eingetreten ist, um Religionslehrerin werden zu können, bei ihrer Konfirmation - mitten im Gottesdienst, als ich ihr gratuliere, - ganz ergriffen sagt: Frau Eller, das ist ja so viel schöner als Jugendweihe. Wenn ein 70jähriger Mann sich nach reiflicher Überlegung hat taufen lassen und nun begeistert davon erzählt. Wenn wir diakonische Mitarbeiterinnen, die nicht der Kirche angehören, bei ihrer Beschäftigung mit unserer Tradition und unserem Glauben begleiten dürfen – und durch die Art, wie sie unsere Tradition wahrnehmen, selbst bereichert werden. Wenn der Chef der Freiwilligen Feuerwehr unseres ehemals sozialistischen Musterdorfes mir freudestrahlend erzählt, dass sie im nächsten Jahr ein neues Feuerwehrfahrzeug bekommen werden, und zögernd fragt, ob ich dazu etwas „machen“ könnte. Es fügt sich etwas zusammen. Es wächst. Siegfried Kasparick, Propst in der Kirchenprovinz, sagt: Kleiner werdende Kirche heißt nicht, dass es kein Wachstum gibt. Es gibt unglaublich gute Angebote in unserer Kirche, es gibt überaus ermutigende und tröstende Begegnungen zwischen Menschen unter Gottes Namen, es gibt Hilfsmöglichkeiten, die ihresgleichen suchen. Das gilt es ebenso wahrzunehmen. Es entsteht ein neuer Zwischenraum zwischen dem Kern und dem Draußen.

 

Es fügt sich etwas zusammen, während sich gleichzeitig unsere Tradition bis auf die Knochen entblößt. Das ist die Spannung, in der wir leben und als Synode gearbeitet haben und als nächste Synode weiter arbeiten werden. Wenn wir gefragt werden: Meint ihr wohl, dass diese Knochen wieder lebendig werden?, dann lasst uns wie Hesekiel sagen: Gott, du mit dem Namen Ich bin da“, Gott, du weißt es. Und lasst uns wahrnehmen und erzählen: wo unsere Traditionen abgebrochen sind und wo sie neu geboren werden, von unseren Schmerzen und unserem Staunen.

 


[img]