Kirche - geöffnet
Von ver-rückten Maßstäben
Nach der Erfahrung von sexueller Gewalt sind die Maßstäbe „ver-rückt“. War es richtig, was der Vater, der Bruder gemacht hat? Auch das Schweigen darüber verrückt die Maßstäbe eines Kindes. Dies zeigt eine Installation von Maria Mathieu in der Rostocker Nikolaikirche: Alles ist schief, die Beine des Stuhles und des Tisches auf dem eine offene Tafel Schokolade liegt. Die Welt des Kindes ist aus dem Lot geraten.
Die Ausstellung zur Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt füllt die ganze Kirche obwohl es „nur“ 20 Objekte sind. Aber sie erzählen und klagen an. Und deswegen ist eine Kirche ein guter Ort. Klage und Trauer hat hier ihren Ort, wie die alten Grabplatten an den Wänden.
Aber die Ausstellung ist mehr als Klage und Trauer – sie zeigt mit Phantasie das innere Erleben von Mädchen, Jungen und Frauen, die Opfer geworden sind. Oft unaussprechliche Erfahrungen wurden in Objekte umgesetzt. Ungewöhnlich für eine Kirche, aber gerade so ist sie eine Heimstatt für verletzte Gefühle geworden.
Es ist richtig, daß dieses Schweigethema an diesem Ort laut wird. Dringend nötig, damit aufgedeckt wird, was zugedeckt wird. Dies wünscht man sich öfter in der Kirche, damit die gute Tradition des Widerstandes weitergeführt und Kirche Anwalt der Sprachlosen wird. Die Rostocker Ausstellung in der Nikolaikirche ist hierzu ein beredtes Beispiel und noch bis zum 20. März zu sehen.
Ihr Rainer Neumann
Internetredakteur

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