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Abschied von Pastor Matthias Tuve als Greifswalder Studentenseelsorger:

„Studierende brauchen einen Ort zum Auftanken“

11.01.2013 | Greifswald (ak). Vier Jahre lang war Pastor Matthias Tuve (55) Seelsorger für die Studentinnen und Studenten in Greifswald und leitete die evangelische Studentengemeinde (ESG). Nun legt er sein Amt nieder, um sich vollständig den weltweiten Kirchenpartnerschaften widmen zu können: als Leiter der Ökumenischen Arbeitsstelle des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises.

Im Semesterabschlussgottesdienst am 20. Januar im Greifswalder Dom wird Matthias Tuve durch Pastor Sebastian Borck aus Hamburg, der innerhalb der Nordkirche für die Studentengemeinden verantwortlich ist, von seinem Dienst entpflichtet. Während seiner Zeit als Studentenseelsorger ist die Studentengemeinde gewachsen. Bis zu 40 Teilnehmer kommen wöchentlich zu Andachten und Themenabenden.

Ein Gespräch mit dem scheidenden Studentenpastor Matthias Tuve:

Haben Sie den Eindruck, dass das Studium im Vergleich zu früheren Jahren anstrengender geworden ist? Dass es weniger Freiräume für die Studierenden gibt?

Die Studentinnen und Studenten stehen schon unter ziemlichem Druck. Manche arbeiten noch nebenbei, um sich das Studium zum Teil selbst zu finanzieren. Es war gar nicht so leicht, jede Woche einen Termin zu finden, an dem sich die fünf Vertrauensstudenten und ich treffen. Zweimal mussten wir sogar den Termin auf sieben Uhr morgens legen! Das hätte ich als Student nicht mitgemacht...

Studierende kommen auch manchmal ‚nur‘ zur Andacht oder zum Essen oder zu einem Thema - einen ganzen Abend hier zu verbringen, können sie sich nicht leisten. Ich erlebe deutlich, dass es den jungen Frauen und Männern hilft, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen. Auch mal etwas abzuladen. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der evangelischen Studentengemeinde, dass man Zeit füreinander hat. Und dass es ein Klima des Vertrauens gibt, in dem man reden und zuhören kann. Gerade, wenn jemand in einer Krise steckt, die zum Studienabbruch oder zu einer Neuorientierung führen kann.

Interessiert sich die ‚Generation Facebook‘ überhaupt für Werte wie Frieden und Gerechtigkeit oder für Glaubensfragen?

Ich empfinde die Studentinnen und Studenten heute als eine sehr helle, wache und engagierte Generation - jedenfalls diejenigen, mit denen ich zu tun habe. Ich muss aufpassen, welchen Tee ich kaufe (fair gehandelt!), es wird meist vegetarisch gekocht (ganz lecker - aber manchmal ist auch eine Bratwurst schön), und dabei geht es um die Bewahrung der Schöpfung und um die globale Verantwortung - und nicht um die schlanke Linie. Die Studierenden wollen andere Kulturen und Religionen kennen lernen: So gibt es jedes Semester eine Begegnung mit der muslimischen Gemeinde.

Was ich beeindruckend fand: Drei Tage, nachdem hier in Greifswald die Stolpersteine (die sogenannten Stolpersteine sollen an während der Nazizeit verfolgte und ermordete Greifswalder Juden erinnern, die Redaktion) herausgerissen worden waren, haben wir mit 40 Studierenden eine Abendandacht gehalten.

Was haben Sie versucht, den Studierenden zu geben oder vorzuleben?

Für mich als Pastor bedeutete die Arbeit an dieser Stelle einen Philosophiewechsel. Ich musste nicht Motor, Inspiration und Durchführer in einem sein. Ich habe die Studentinnen und Studenten einfach nur machen lassen. Beispielsweise waren wir am ersten Adventswochenende mit 35 Leuten auf Hiddensee, und die Studentinnen und Studenten haben alles komplett selbst gestaltet bis hin zu den Andachten.

Ich habe ihnen sehr viel einfach zugetraut und zugleich zugemutet - und es war eine sehr schöne Erfahrung, zu sehen, wie das auch läuft. Bloß in die ESG-Küche hätte der Hygieneinspektor nicht jederzeit reinschauen dürfen (lacht)...

Was wünschen Sie der Greifswalder ESG?

Ich wünsche ihr, dass die Pfarrstelle bald wieder besetzt werden kann. Dass in jedem neuen Semester neue Leute hinzukommen und die ESG für sie zur Heimat auf Zeit wird, so wie ich das erlebt habe in den vergangenen vier Jahren.

Der Semesterabschlussgottesdienst findet statt am Sonntag, 20. Januar, um 18 Uhr im Greifswalder Dom.