„Friede auf Erden“
Ein Wort zum Weihnachtsfest 2005
von Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswald
„Friede auf Erden“, so heißt es in der Weihnachtsgeschichte, die uns in der Bibel erzählt wird. Auch zwanzig Jahrhunderte später ist diese Verheißung immer noch aktuell. Denn der Friede im Großen wie im Kleinen ist kein Dauerzustand und längst nicht überall Wirklichkeit geworden. Wir sehnen uns nach dem Frieden zwischen den Völkern und Nationen.
Dazu genügt ein Blick in das sogenannte „Heilige Land“, das sich unter diesem Blickwinkel als sehr unheilig darstellt. Dabei hat es kleine Fortschritte auf dem Weg zum Frieden gegeben. Nach Jahren der Gesprächsblockade reden israelische und palästinensische Politiker wieder mit einander. Zwar ist die Gefahr islamistischer Selbstmordattentate nicht vorbei, aber sie ist geringer geworden. Die israelische Armee hat sich nach 38-jähriger Besatzung des Gaza-Streifens aus diesem kleinen, dichtest besiedeltem Landstrich der Welt zurück gezogen. Aber im Westjordanland geht die Besatzung weiter. Der Bau der Mauer um Bethlehem und viele palästinensische Städte und Dörfer wird von der jetzigen israelischen Regierung trotz vieler weltweiter Proteste fortgesetzt. Bei einem Besuch in Bethlehem im letztem Monat habe ich es selbst gesehen: Das Leben der Menschen in den so entstehenden Enklaven und Gettos ist schwer. So liegt die Arbeitslosigkeit in Bethlehem bei über 70 Prozent. Das Verlassen des eigenen Wohnbezirkes ist nur mit Sondergenehmigung, die selten erteilt wird, möglich. Es wird nicht einfach sein, unter solchen Bedingungen Weihnachten zu feiern.
Auch anderswo in der Welt, ob in Afghanistan, im Kosovo oder im Irak mangelt es am „Frieden auf Erden“. Wir danken Gott, dass kurz vor Weihnachten die entführte Susanne Osthoff und ihr Fahrer frei gekommen sind. Überall auf der Welt werden Menschen gebraucht, die helfen, diesen Frieden zu schaffen oder zu bewahren. Auch junge Menschen aus unserem Bundesland sind daran beteiligt, in dem sie Zivildienst, freiwillige soziale Dienste oder Wehrdienst leisten.
Der Wohlstand in unserem Land ist eine Frucht des Friedens. Die älteren Generationen unter uns haben noch schmerzlich erfahren, was es bedeutet, wenn kein Friede herrscht.
Zwischenmenschlich ist es ähnlich wie in der großen Politik. Ohne Frieden in den Familien, zwischen den Paaren und Generationen gibt es kein zufriedenes Leben.
Weihnachten erinnert uns an diesen Frieden. Die Weihnachtsbotschaft will unsere Welt dahin verändern. Und sie gilt allen. Sie richtet sich nicht nur an glaubende Menschen. Diese Botschaft ist nicht nur für christliche Ohren bestimmt. „Frieden auf Erden“ erscheint wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den wir uns alle einigen könnten. Aber täuschen wir uns nicht, es ist eine große Aufgabe, dem Frieden in der Welt, aber auch im Herz jedes Einzelnen näher zu kommen.
Häufig erzählen wir gern, was alles nicht gelungen ist, welcher Plan nicht umgesetzt wurde, welche Hoffnung sich nicht erfüllt hat, wo die Politik oder unser Nachbar versagt haben. So soll es an Weihnachten nicht sein. Lassen Sie uns nach den kleinen Erfolgen suchen im vergangenen Jahr. Wir wollen überlegen, wo die zaghaften Anfänge sind. Die Möglichkeiten suchen, die wir gar nicht auf der Rechnung hatten. Auch vergeben kann glücklich machen.
Ich bin sicher, dass das mit Gottes Hilfe gelingen kann. Natürlich fragt sich jeder, was er als Einzelner ausrichten kann. Gegen Katastrophen, gegen Ungerechtigkeit, gegen Armut oder Krankheit fühlen wir uns machtlos. Gott hat diese Ohnmacht 2000 Jahre in der Welt gelassen. Aber das bedeutet nicht, dass alles aussichtslos ist. Das erzählt uns die Weihnachtsgeschichte. Die heimelige Krippe steht eigentlich in einem stinkenden Viehstall. Die Hirten fürchten sich. Der „holde Knabe“ wird in einer rauen Wirklichkeit geboren, in der sich der Glaube bewähren muß. Nur wenige Tage später flieht die Familie vor Staatsterror und Kindermord. Gott ist in dem Kind Jesus. Das Göttliche wird menschlich. So kann das Hilflose mächtig werden auf eine menschliche Art, die sich von der sonst üblichen Macht unterscheidet.
Auf diese Weise ist Gott seitdem für die Menschen da, auch für uns hier und heute in Vorpommern. Die wirtschaftlichen und strukturellen Probleme sind bekannt. Der Glaube an Jesus Christus gibt uns keine einfache Antwort auf die damit verbundenen Fragen. Er hilft nicht aus der wirtschaftlichen Misere.
Aber wir können Trost, Mut und Hoffnung finden. Er kann uns vor dem Verzweifeln bewahren. Denn Glauben heißt, Gott etwas zutrauen, weil er sich uns anvertraut. Mit Gottvertrauen wächst auch die Zuversicht.
Uns ist diese Region anvertraut. Hier leben viele wunderbare und qualifizierte Menschen, die mitgestalten und ihre Arbeitskraft einsetzen wollen. Das ist nicht leicht. Viele glauben nicht mehr an ihre Chance dabei. Aber Verzagtheit und Pessimismus helfen nicht weiter. Wer dies im Licht der Weihnacht sieht, der kann verborgene Kräfte entdecken. Das Kind in der Krippe erzählt davon, dass Gott in den Schwachen mächtig ist. Er ermutigt uns, nicht nachzulassen darin, dass zwischen den Menschen und auf Erden Frieden herrscht. Diese Ermutigung wünsche ich Ihnen in diesen Tagen!
Ihr
Dr. Hans-Jürgen Abromeit
Bischof
(24.12.2005) 
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