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Ein Behinderter lernt in der Greifswalder Holzwerkstatt des Pommerschen Diakonievereins Züssow

9. Die Kirche und die besonderen Menschen

 

Menschen, die anders oder besonders sind, sind uns fremd. Wir tun uns schwer mit ihnen und darum haben sie es schwer mit uns. Menschen, die nicht sehen oder hören, nicht sprechen oder sich richtig bewegen können, Menschen, deren Gedanken und Gefühle anders als die der Mehrheit beschaffen sind, haben es schwer. Das biblische Gebot der Nächstenliebe sagt, daß auch ihnen geholfen werden muß. Seit dem 19. Jahrhundert bedeutete das vor allem, daß sie in Hilfseinrichtungen, in Anstalten oder Heimen, zusammengefasst wurden. Da waren sie versorgt, aber zugleich von der Gemeinde und Gesellschaft getrennt. Im 20. Jahrhundert führte die Fremdheit der besonderen Menschen zur Tötung sogenannt lebensunwerten Lebens.

 

Der Schreck über dieses Verbrechen hat zu einer neuen Wahrnehmung der Menschen mit Behinderung geführt. Es geht darum, ihre Besonderheit zu begreifen statt ihre Mängel zu beschreiben; zu sehen, wer sie sind statt zu zeigen, was sie nicht können.

 

„Wir glauben, daß Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat… Dieser Zuspruch schließt jeden Menschen ein… Wir erkennen, daß dem Menschen seine Würde von Gott beigelegt und darum unantastbar ist, daß sie also nicht in seinen Fähigkeiten und Leistungen begründet ist. Wir erkennen, daß Leiden den Menschen nicht erniedrigt und Leistung den Menschen nicht erhöht, daß zu unserem Menschsein gehört, wie von Gott so auch von Mitmenschen angenommen zu werden; daß also brüderliche und schwesterliche Zusammengehörigkeit alle Menschen verbindet, gesunde und kranke, starke und schwache, nicht behinderte und behinderte, hilfsbereite und hilfsbedürftige.“ (Synode der Ev.Kirche im Rheinland 1985)

 

Besondere Menschen brauchen uns nicht fremd zu bleiben, sie erweitern vielmehr unsern Lebenskreis. Menschen mit Behinderung leben in der Familie und darum auch in der Gemeinde und der Gesellschaft. Wenn ihnen geholfen werden muß, darf die Hilfe nicht von oben nach unten gegeben werden, sie soll von gleich zu gleich geschehen – denn auch die Helfenden können hilfsbedürftig werden, und im Helfen geben sie nicht nur etwas, sondern empfangen Dank und Anteil am andern Leben.

 

Jesus teilt das Leben mit den besondern Menschen und sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2 .Korinther 12,9).

 

(c) Pfr. i.R. Dr. h.c. Jürgen Seim, Neuwied


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