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Gottesdienst des Evangelisches Frauenwerkes in Mecklenburg-Vorpommern im Weidendom, Rostock (2003)

8. Die Kirche und die Frauen

 

In der uns bekannten Weltgeschichte sind die meisten Gesellschaften patriarchal gestaltet, das heißt, bestimmend sind die Männer. Im 19. Jahrhundert hat sich in Europa und Nordamerika eine Frauenbewegung entwickelt, die die patriarchale Verfassung der Gesellschaft erstens bewußt macht und zweitens verändern möchte.

 

Die feministische Theologie ist die Übertragung der Frauenbewegung in die Kirche. Das wirkt sich auf drei Gebieten aus:

 

1. Die Frauenbewegung hat die Gleichberechtigung der Frauen erstritten, z.B. das Wahlrecht, das Frauen in den Anfängen der Demokratie versagt war, und den Zugang zum Berufsleben. In der Kirche können seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts Frauen gleichberechtigt mitwirken, z.B. Pfarrerin werden. (Das gilt nur für den Großteil der europäischen und nordamerikanischen protestantischen Kirchen.)

 

2. Die feministische Theologie hat auf die Frauen in der Bibel aufmerksam gemacht, z.B. auf die Frauen der sogenannten Erzväter Israels und ihre herausragende Bedeutung; auf die Schwester Mirjam neben Mose; auf Profetinnen, die es wirklich gab, und Psalmdichterinnen, die es möglicherweise gab; auf die Jüngerinnen Jesu und auf Apostelinnen neben den Aposteln (den Trägern der Jesus-Botschaft in der ersten christlichen Generation). Ebenso sind die Frauen in der Kirchengeschichte wichtig geworden, die früher gern übersehen wurden.

 

3. Die feministische Theologie hat auf eine neue Weise das Bilderverbot aus den Zehn Geboten wichtig gemacht: Du sollst dir kein Bild von Gott machen, als wäre er ein Mann. Zu Gott gehört die Geistkraft, die von Anfang an die Schöpfung begleitet (1. Mose 1,2 – das hebräische Wort für den heiligen Geist, die Ruach, ist weiblich). Zu Gott gehört „von Ewigkeit her“ (Sprüche 8,23) die Weisheit, in Hebräisch Chochma, in Griechisch Sophia. Jesus sagt mit Worten der Weisheit, als wäre er eins mit ihr: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11, 28). Paulus schreibt, Jesus wäre für uns von Gott zur Weisheit gemacht (1. Korinther 1,30), nicht zum Verstand. Gott übernimmt die Mutterrolle: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13); und Jesus sieht Gott in der Rolle der Hausfrau, die den verlornen Groschen sucht, wie Gott den Menschen sucht (Lukas 15,8-10). Von Gott zu sprechen, als wäre er nur wie ein Mann, ist jetzt – von der Bibel her – nicht mehr möglich.

 

(c) Pfr. i.R. Dr. h.c. Jürgen Seim, Neuwied


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