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Stele zum Gedenken an die Opfer des Holocaust vor dem Johanneskloster in Stralsund

7. Die Kirche und die Juden

 

Die Kirche ist in der jüdischen Volks- und Glaubensgemeinschaft entstanden. Jesus war Jude, und er wird geglaubt als der Messias, der König der Juden. Sehr früh übernahmen auch nichtjüdische Menschen diesen Glauben, und sie bildeten bald die große Mehrheit in der Kirche.

 

Jetzt entwickelte sich aus dem Miteinander von Juden und Nichtjuden in der Kirche ein Gegensatz zwischen Christen und Juden. Die Kirche sagte, die Erwählung Israels zum Volk Gottes sei von den Juden auf die Christen übergegangen; seit dem Tod Jesu und seit die jüdische Mehrheit den Glauben an ihn als den Messias nicht übernahm, sei das erwählte Israel von Gott verworfen. Im Laufe der Kirchengeschichte verwandelte sich diese theologische Bewertung in die gesellschaftliche Ächtung der Juden, die als Minderheit in den christlichen Völkern lebten. Der politische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts gipfelte im 20. Jahrhundert in der Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen.

 

Das bedeutet unermessliches Leiden auf der jüdischen Seite – zugleich aber untragbare Verantwortung auf der christlichen Seite, die an der geistigen Vorbereitung des Mordes beteiligt war und im Augenblick des Geschehens dazu schwieg.

Daraus folgt (wie die Synode der evangelischen Kirche im Rheinland 1980 formulierte):

 

1. das Bekenntnis zur Mitverantwortung und Schuld an dem Mord;

2. die Einsicht, daß Juden und Christen als Grundlage für ihren Glauben und ihr Handeln den größeren Teil der christlichen Bibel, das Alte , gemeinsam haben;

3. das Bekenntnis, daß der Jude Jesus als der Messias die Völker der Welt mit dem Volk Israel verbindet;

4. die Einsicht, daß Gott, an den die Christen glauben, zur Erwählung seines, des jüdischen Volkes steht (Römer 11,2);

5. die Überzeugung, daß Gottes Gerechtigkeit und Liebe nicht auf Altes und Neues Testament, der Glaube daran auf Judentum und Christentum verteilt sind; daß vielmehr im Alten und Neuen Testament Gerechtigkeit und Liebe zusammengehören und darum auch Juden und Christen;

6. die Überzeugung, daß es keine Judenmission geben kann, als müßten Christen den Juden das Wort Gottes bringen – das längst bei ihnen ist.

 

Deswegen muß die Kirche auch den Staat Israel achten und für ihn eintreten.

 

(c) Pfr. i.R. Dr. h.c. Jürgen Seim, Neuwied


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