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6. Die Kirche und die Kirchen

 

Die „heilige christliche Kirche“ ist ein Glaubensgegenstand, sie ist als solche nicht sichtbar.

Schon in der ersten christlichen Generation gab es unterschiedliche Strömungen. Die einen meinten, der Glaube an Jesus als den König der Juden wäre eine innerjüdische Angelegenheit; die andern spürten das Interesse auch von Nichtjuden an Jesus und gingen auf diese zu. Für die einen stehen Petrus und Jesu Bruder Jakobus, für die andern Paulus.

 

In den verschiedenen Ländern mit den unterschiedlichen kulturellen

Bedingungen entwickelte sich auch die Kirche verschieden. Im Jahr 1054 kam es zum Bruch zwischen der Ost- und der Westkirche, zwischen griechisch-orthodox und römisch-katholisch. Im Osten betonte man in der Lehre über Jesus mehr seine Person: wer er bei und für Gott ist; im Westen betonte man mehr sein Werk: was er für die Menschen getan hat. Aber mitentscheidend für die Trennung war auch die verschiedene politische Loyalität gegenüber dem Kaiser in Byzanz (Konstantinopel-Istanbul) und dem Kaiser in Rom.

 

Im 16. Jahrhundert kam es zur Spaltung der Westkirche. Im Jahr 1517 veröffentlichte Martin Luther die 95 Thesen über den Ablasshandel, forderte eine Kirchenreform und stellte die Bibel in den Mittelpunkt der kirchlichen Lehre. Der kirchenamtliche Widerstand führte während der Jahre 1545-1563 zum Konzil von Trient, das mit großen Zwischenzeiten und an wechselnden Orten immer wieder tagte und die katholische Kirchenlehre in Abwehr der reformatorischen Lehren neu formulierte, mit ausdrücklicher Verwerfung der für Irrlehren erklärten reformatorischen Sätze.

 

Inzwischen gibt es Gespräche zwischen den Kirchen. Im Weltkirchenrat sind die evangelischen und die orthodoxen Kirchen zusammengeschlossen. Intensive Gespräche zwischen den evangelischen Kirchen und der römisch-katholischen haben die Schärfe aus den wechselseitigen Abgrenzungen genommen.

 

Immer noch kann man aber sagen:

- Im Protestantismus steht für den Glauben das Handeln Gottes im Mittelpunkt, darauf soll der Mensch vertrauen; im Katholizismus ist das Zutrauen zum eignen Handeln des Menschen größer.

- Im Protestantismus ist das Wichtigste das Wort Gottes (Bibel und Predigt), im Katholizismus spielen die Sakramente mindestens eine ebenso große Rolle.

- Im Protestantismus hat die Gemeinde das Sagen, im Katholizismus das Amt (Priester-Bischof-Papst); dieser dritte Unterschied ist heute der bedeutendste.

 

(c) Pfr. i.R. Dr. h.c. Jürgen Seim, Neuwied


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