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Die 8.Tagung der XIV. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs hat am 7. November 2009 in Plau am See folgende Erklärung beschlossen:

20 Jahre friedliche Revolution 1989 – 2009

08.11.2009 Schwerin

1989 – 2009: Ein Grund zur Freude

Wir danken Gott für das Wunder der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 und erinnern an den Mut der Menschen, die vor 20 Jahren ihre Angst überwunden und so die SED-Diktatur beseitigt und die Mauer zum Einsturz gebracht haben.
Wir danken Gott und erinnern an die vielfältigen Wurzeln dieser Bewegung, die 1989 unter der Losung „Wir sind das Volk“ den Weg in die Freiheit und zu politischer Teilhabe ermöglichte:

 Insbesondere danken wir und erinnern an die gesamteuropäische Dimension dieser Befreiungsbewegung. Ohne die Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen, ohne die Charta 77 in Prag, um nur zwei Beispiele zu nennen, wäre die Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa und auch in der DDR nicht in dieser Weise gelungen.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die weltweiten Traditionen eines gewaltlosen Widerstandes gegen Unterdrückung und für die Achtung der Menschenrechte, an die angeknüpft werden konnten. In den Persönlichkeiten von Bürgerrechtsbewegungen, wir denken z.B. an Martin Luther King oder an Mahatma Gandhi, bekam dieser Protest ein unverwechselbares Gesicht und wurde zur Ermutigung für uns.

 Insbesondere danken wir und erinnern an das Engagement vieler Menschen gegen die
Militarisierung der Gesellschaft in der DDR, vor allem an den Schulen. Mit der jährlichen
Friedensdekade der evangelischen Kirchen ab 1980, ihrem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“,
das von den Jugendlichen aus den Kirchen heraus in die Öffentlichkeit getragen
wurde, wurden die Kirchen zum gesellschaftspolitischen Akteur.

 Insbesondere danken wir und erinnern an den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Viele Kirchen boten allen interessierten Menschen unabhängig ihres Glaubens einen Ort freier Diskussion und eines politischen Engagements. So wurden vielerorts die Kirchen zu einem Lernort der Demokratie und ermutigten die Menschen, Verantwortung zu übernehmen.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die Vernetzung der unzähligen Friedens-, Umwelt und Menschenrechtsgruppen in und außerhalb der Kirchen. Sie gingen verstärkt in die Öffentlichkeit und stellten sich so dem Monopolanspruch der SED entgegen. Sie traten für die „Freiheit der Andersdenkenden“ ein, entlarvten die Lügen der SEDPropaganda und die Manipulation der sogenannten Wahlen in der DDR.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die Generationen von Menschen in der DDR, die nie ihre Hoffnung auf Freiheit und Einhaltung der Menschenwürde aufgegeben haben und die die Menschenrechte auch unter den Bedingungen der Diktatur öffentlich eingefordert haben. Ohne ihren Mut, den viele von ihnen mit Benachteiligungen, manche mit Gefängnis und gar mit dem Leben bezahlen mussten, wäre der Aufbruch 1989 so nicht gelungen.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die nie abgebrochene Verbindung zwischen den Menschen in beiden Teilen Deutschlands. Gerade in der Partnerarbeit der Kirchen bekam diese Brücke in den unterschiedlichen Etappen des Kalten Krieges eine feste Gestalt.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die Ausreisewilligen, die mit ihrem Drang nach Freiheit, ihrer Sehnsucht nach einem Aufwachsen ihrer Kinder ohne Lüge, Doppelzüngigkeit und Angst, maßgeblich zur friedlichen Revolution beigetragen haben. Ohne ihren Mut, den viele von ihnen mit Gefängnis oder gar Tod bezahlt haben, wäre es 1989 nie zu dieser Massenbewegung gekommen.

 Insbesondere danken wir und erinnern an die vielen heute unbekannten Menschen, die an allen Orten in der DDR im Herbst 1989 auf die Straßen gingen, den aufrechten Gang wagten, ohne zu wissen, wie es ausgehen würde.

1989 – 2009: Ein Grund zum Besinnen

Diesen Dank und dieses Erinnern sind wir den Menschen schuldig, die vor 20 Jahren in persönlicher Verantwortungswahrnahme und zugleich gemeinsam mit den Kerzen in der Hand auf den Straßen und Plätzen die Fesseln der Diktatur abgestreift, die SED und ihre Handlanger entmachtet und den öffentlichen Raum zurückgewonnen haben. Am Ende dieses Weges standen die ersten freien Wahlen in der DDR und dann die Einheit Deutschlands. Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung ermöglichten ein geordnetes Zusammenleben der Menschen.

Die Menschen haben auf diesem Weg zum Epochenwechsel 1989 ihre Sprache wiedergefunden. Ihr Ruf nach Freiheit war eine Mahnung, das eigene Leben und das Leben der Gesellschaft selbst in die Hand zu nehmen. Aus der Christengemeinde heraus, aus der säkularen Menschenrechtsbewegung heraus, wurde gemeinsam nach Wegen gesucht, die Diktatur zu beseitigen und die Bürgergesellschaft zu gestalten.

Zugleich wissen wir als Kirche um unser Versagen. Wir sind oft zu kleingläubig gewesen, haben nicht mutig genug bekannt und offen geredet und uns nicht vorbehaltlos für die Drangsalierten und Entrechteten eingesetzt. Dort, wo die Kirchen sich vor allem um ihre Selbsterhaltung gekümmert haben, haben sie oft versagt. Dort, wo sie sich für die Anliegen der Menschen öffneten, sind sie ihrem Auftrag gerecht geworden.

1989 – 2009: Ein Grund zur Ermutigung

Die christliche Kirche lebt allein von ihrem Herrn Jesus Christus. Von diesem unzerstörbaren Fundament her kann und muss sie Kirche in der Welt und Kirche mit den anderen sein. Der Weg in das Jahr 1989 hat gezeigt, wie die Kirche ihren Binnenraum verlassen und zur gestalterischen Kraft mit anderen zusammen werden kann.
So ermutigt uns das Erinnern an den Aufbruch vor 20 Jahren, die damals gewonnene Freiheit verantwortlich zu gestalten. Mit dem Fall der Mauer und der Herstellung der deutschen Einheit innerhalb einer europäischen Friedensordnung sind wir herausgefordert, uns weiterhin einzumischen, der Stadt Bestes zu suchen und die Zivilgesellschaft zu stärken.

 Wir ermutigen die Menschen, sich für ihr Gemeinwesen vor Ort zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen und mit allen demokratischen Kräften nach den jeweils besten Lösungen im Zusammenleben zu suchen.

 Wir ermutigen die Menschen, sich den Herausforderungen der Globalisierung zu stellen. Das heißt, deren ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen in unserem Land und weltweit kritisch zu begegnen. Dies heißt ebenfalls, sich für Menschen, die aus anderen Kulturen kommend bei uns leben, einzusetzen und die damit einhergehende Vielfalt von Lebensstilen als Bereicherung ohne Angst anzunehmen.

 Wir ermutigen die Menschen, die Streitkultur, die mit einer Demokratie verbunden ist, zu pflegen. Wir brauchen eine offene Gesellschaft. Demokratie ist das Gegenteil einer harmonischen Gemeinschaft unter einem Einheitswillen.

 Wir ermutigen die Menschen, deutlich zwischen populistischen Heilsversprechen und realistischer, auf den Ausgleich der Interessen bedachten Politik, zu unterscheiden.

 Wir ermutigen die Menschen zur politischen Teilhabe, sich also in Vereinen und Parteien, zu engagieren, die die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als Grundlage der Gesellschaft beschriebenen Menschenrechte achten.

 Wir ermutigen die Menschen, Positionen eindeutig und klar zu widersprechen, die die universale Geltung der Menschenrechte und der Menschenwürde heute wieder leugnen und Hass und Gewalt säen.

Das Wunder des Gelingens der friedlichen Revolution 1989 gegen allen abschätzenden Realismus zeugt von der Kraft Gottes, die in den Schwachen mächtig ist. Damals und heute und auch morgen.