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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Dezember 2016: Direkt von der Straße

"Krippe"(Foto: Sabine Bartels)
Seinen Namen habe ich vergessen. Er saß an der Wand einer Tankstelle an der Straße nach Morogoro. Er sei Muslim, sagte er fast entschuldigend, als ich mir seine Krippenfiguren ansah.

Das Stück Ebenholz, an dem er arbeitete, hielt er zwischen seinen Füßen fest. Seine Ausstattung: ein Holzhammer, drei oder vier verschiedene Meißel, eine Feile. Das war alles an Werkzeug, was er hatte, außer seinen Händen und Füßen.

Jetzt sehe die tansanische Krippenszene jeden Tag in meinem Büro. Mir fällt besonders auf, wie sehr die drei Gestalten miteinander verbunden sind. Keine bildbeherrschende Maria mit Baby und dann der Mann, dogmatisch korrekt, etwas abseits; nein, das Kind ist innigst ihrer beider Kind. Die Geburt, eine Irgendwie-Herberge, die Freude, die Sorge, und dann der Fluchtweg schon bald: menschenähnlicher geht's nicht.

Aber wären da nur die drei und das Schaf – kaum jemand nähme Notiz von ihnen. Der Hinweis am Himmel zeigt: Dies ist eine Geburt unter einem besonderen Stern, trotz all der Dinge, die fehlen!

Der Stern ist groß und fern,
so fern, daß wiederum klein,
kleiner sogar als die andern,
die noch viel kleiner sind.
Verwunderung wäre hier nicht verwunderlich,
hätten wir dafür Zeit


schreibt Wisława Szymborska in einem Gedicht*.

Ein Stern ohne Konsequenz.
Ohne Einfluß aufs Wetter, die Mode, das Spielergebnis,
aufs Einkommen, den Regierungswechsel, die Krise der Werte.


Ohne Folgen für die Propaganda, die Schwerindustrie.
Ohne Abbild auf der Politur am Konferenztisch…


Am ersten Adventssamstag, bei der Posaunenmusik in der Schweriner Innenstadt, sagte A., ein christlicher Syrer: 'Was bei euch alles los ist zu Weihnachten! Wenn der Gott ein kleines Kind ist, müßt ihr gut auf ihn aufpassen. Der geht doch verloren in dem Gedränge'.

Kann man es besser ausdrücken? Ein Stück Theologie, direkt von der Straße. Ob es ein Stern, eine Geburt 'ohne Konsequenz' ist, hängt auch sehr von uns ab. Hoffentlich ist 'Zeit' für 'Verwunderung' unter uns (Lk 2,18); sie ist der Zugang zu dem kleinen großen Menschen aus Bethlehem. 

Walter Bartels

*Das Gedicht von Wisława Szymborska heißt 'Überfluß'.