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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

November 2016: 'Du stellst meine Füße auf weiten Raum'

"Schuhe" (Foto: Dietrich Bantel)
Zu den Symbolen der Kirche sollten eigentlich auch Schuhe gehören.

Wenn, wie in vielen Teilen der Welt, Menschen nicht gerade barfuß unterwegs sind, tragen sie welche, oder Sandalen. (Das heißt: Wer trägt eigentlich wen – ich die Schuhe oder die Schuhe mich?)

Moses Schuhe sind wohl die ersten, die in der Bibel erwähnt werden (Ex 3,5). Wie war Abraham unterwegs auf seiner Flucht (Gen 12,10) und Isaak (Gen 26,1) vor dem Hunger; was hatten Noomi und Rut an den Füßen auf dem Weg nach Bethlehem (Rut 1) oder die Israeliten auf den Wüstenwegen nach Kanaan (Ex 17,1 u.ö.) und später ins Exil? Hatte die Jesus-Familie Schuhwerk zur Verfügung? (Mt 2) Und die ersten Christen? (Apg 8,1) 

Schuhe schützen vor rauen Steinen und spitzen Dornen, vor Dreck und sonnenheißer Erde oder Teerstraßen. In den Erstaufnahmeeinrichtungen mußten immer wieder unzählige Schuhe für die Geflohenen beschafft werden; die alten waren auf der Balkanroute zerschlissen, zerfetzt. Ohne Schuhe geht es (sich) kaum. –

Zum Vergrößern bitte auf die Fotos klicken (Fotos: Franka Machann)

In der Rostocker Universität wurde kürzlich eine Ausstellung gezeigt. Studierende der Theologie hatten sie in ihrem Gebäude konzipiert und eingerichtet. Im Treppenflur standen überall Schuhe rum, von Kindern, Männern und Frauen. 'Bewegte Bilder. Menschen. Fluchtstationen' wurden gezeigt und anschaulich gestaltet. So konnte man sich leicht Menschen vorstellen zu all dem Schuhwerk. Wo sonst biblische Texte wissenschaftlich erforscht, kommentiert werden, waren jetzt Schuhe, anschauliche Gegenstände aus Herkunftsländern zu sehen, auch Lebensmittel wie Datteln und Nüsse, dazu kommentierte Landkarten und Filme, die deutlich machten: In der Bibel sind Vertreibung, Flucht vor Hunger und Elend keine Fußnoten, sondern elementare Themen der heiligen Schriften – wie auch brisante Themen der Gegenwart. 

Der Ort für diese gelungene Ausstellung in den Lehrräumen einer Universität war ungewöhnlich, aber gut gewählt. Wir lesen die biblischen Geschichten und stellen uns kaum die Anstrengungen all dieser Langstrecken-LäuferInnen vor, die weg müssen; die sehnsüchtig den Horizont nach Bleibeorten absuchen; die irgendwann die Schuhe abstreifen, um mit nackten Füßen einen Erdboden zu spüren, der hoffentlich Bleiben und Leben verheißt.

Eine schöne Ausstellung! So anschaulich kann Theologie sein.

Walter Bartels