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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Oktober 2016: Zahlen, Fakten und mehr

Abakus - alte Rechenmaschine (Foto: Wikimedia Commons)
Kurz vor dem Einheitsfestakt in Dresden am 3.Oktober hat der Bundesinnenminister noch mal nachgerechnet. Dabei ist er auf eine auffällige Zahl gestoßen. Von 1.100.000 Millionen Flüchtlingen 2015 war er bisher ausgegangen. 'Mehr als 1 Millionen Menschen' – so las man es in den Medien im letzten Jahr oft. Nun stellt sich heraus, es waren 'nur' 890.000. Das sind wahrlich nicht wenige; aber es sind über 20% weniger als bisher angegeben.

Es ehrt den Minister ja, daß er den Fehler der Rechner und der Statistiker nicht verschwiegen, sondern bekannt gemacht hat. Wir erinnern uns noch, welch geradezu pessimistisch-magische Bedeutung 2015 die Millionengrenze hatte; wie mit ihr jongliert und wie sie immer wieder als greller Indikator des 'Vielzuviele' für Beunruhigung, Haß, Wut und Empörung gesorgt hat.

Da ist es schon gut, daß noch mal nachgerechnet wurde.

Auch Frank-Jürgen Weise, Chef u.a. der Bundesagentur, hat gerechnet und stellt fest: "Es wird im kommenden Jahr trotz der vielen Flüchtlinge keinen nennenswerten Anstieg der Arbeitslosigkeit geben." (Passauer Neue Presse). Wer hätte das gedacht! Da gab es in der Öffentlichkeit auch schon ganz andere Aussagen, wahre Horrormeldungen.

Diejenigen, die in Dresden und anderswo pöbeln und trillerpfeifen, werden sich von Zahlen und Korrekturen kaum beeindrucken lassen. 'Immerschlimmerismus' nennt Matthias Horx eine Haltung, die an erhobenen Daten, nüchternen Analysen, Zusammenhängen nicht interessiert ist, sondern eifernd und Apokalypse-süchtig ins Mißlingen verliebt ist. Eine Haltung, die leider ansteckend zu sein scheint. Deshalb sind Richtigstellungen, nüchterne Zahlen, unbedingt nötig – übrigens auch dann, wenn die Dinge sich nicht gut entwickeln.

Einen Tag vorher, am Erntedanksonntag, war ich im Gottesdienst. Gelesen wurde ein Abschnitt aus dem Jesaja-Buch, Kapitel 58:

 Brich dem Hungrigen dein Brot,
 und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
 Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
 und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
 und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
 und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
 und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen…


Wie schön, diese nüchterne, wunderbare Sprache, mit der das Wichtige beim Namen genannt wird! Bewundernswert, die schnörkellosen Sätze, die das Richtige zu tun empfehlen! Sie benennen das 1 x 1 einer wirklich humanen Gesellschaft. Ich fühle mich erinnert an die Zeit seit dem vorjährigen September, in der Tausende von Menschen mit viel Elan, Einfallsreichtum und Ausdauer geholfen haben, damit möglichst viele der 890.000 Angekommenen erst mal wieder Boden unter den Füßen spüren konnten. Dies gehört auch zu den Tatsachen, die der Minister ruhig mal mit mehr als nur einem Satz erwähnen darf.  

Walter Bartels