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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Juli 2016: Fastenzeit – eine kleine Nachhilfe

Markt in Moshi, Tansania (Foto: Sabine Bartels)
Wenn ich aus der Erstaufnahme-Einrichtung in Stern Buchholz komme, nehme ich im Auto oft Leute mit, die dort an der Haltestelle auf den Bus nach Schwerin warten. Irgendwann Ende Juni stieg Achmad zu, vielleicht Mitte zwanzig Jahre alt. Er hatte sich mit seinem Cousin getroffen und wollte nun zurück nach Hamburg. Ich bot ihm von den Keksen an, die ich auf der Ablage liegen hatte. Er lehnte dankend ab; es sei jetzt Ramadan; da esse er erst am Abend. Das wußte ich eigentlich, hatte es aber vergessen. Anfang Juli sei ʽId al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens, sagte er; solange müsse er noch durchhalten.

Ob das nicht hart sei: einen Monat lang tagsüber nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen…? 'Ja', sagte er und lachte, 'das ist sehr hart, besonders dann, wenn ich sehe, daß die anderen in der Stadt Eis essen, Cola trinken und auch sonst ganz normal leben. Manchmal denke ich schon, muß das sein? Aber für mich als Muslim gehört der Ramadan eben zu unserer Religion. Neulich hatte ich mittags mal großen Hunger und hätte mir fast was gekauft. Da dachte ich plötzlich an die Flucht; wir hatten öfter kaum was zu essen und zu trinken. Wenn man das Fasten gewöhnt ist, hält man besser durch, wenn es mal nichts oder nur wenig gibt'.

Wir schwiegen eine Zeitlang. Ich wollte noch einen Keks nehmen, aber irgendwie…

Und dann sagt Ahmad: 'In Deutschland sind die Menschen stark, weil sie alles haben; ich bin stark, obwohl ich wenig habe'. Eigentlich wollte ich spontan widersprechen – von wegen, daß die Leute hier alles haben. Zum Glück merkte ich gerade noch: Thema verfehlt.  

Einen Monat lang tagsüber fasten und erst spät abends, vor dem Schlafen zu essen und zu trinken – das wäre nichts für mich. Und ich weiß auch nicht, ob das für mich gesund wäre. Ich vermute aber, das Fasten hilft, die richtigen Fragen zu stellen: Was macht mich satt? Wie heißt der Hunger, den ich spüre? Was hält mich über Wasser? Ist es nur Essen und Trinken, was Leib und Seele zusammenhält?

Achmad sagte, er lese während des Ramadan viel im Koran, und er versuche, sein Deutsch zu verbessern. Während des Ramadan werde in vielen Moscheen der ganze Koran gelesen, und es kämen sehr viele Leute. Er sagt das eher beiläufig. Am Bahnhof in Schwerin steigt er aus und sagt: 'Thank you for transfer'. Ich sage: 'Thank you for your free lesson'. Er lacht und geht. Seinen Satz über die starken Menschen werde ich nicht so schnell vergessen.

Walter Bartels