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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Juni 2016: Tooor!

Tooor! Foto: Colourbox (Symbolbild)
Oder doch nicht?
Wenn das man nicht ein klassisches Eigentor war – und so kurz vor der Europameisterschaft, also in der Aufwärmphase. "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Wer die wohl sind: die Leute? Ob das die sind, mit denen Alexander Gauland (AfD) sich gern umgibt; denen er ohne Anhörungsverfahren in seiner Nachbarschaft einen dauerhaften Aufenthaltstitel gewährt?

Wir werden es nicht erfahren, denn mittlerweile ist er schon eilig zurückgerudert; hat erklärt, seine Bemerkung sei gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen (ach so, hat er nur mal so gesagt); konnte sich dann nicht mehr genau erinnern; kennt Boateng auch gar nicht… Manchmal brennt es eben lichterloh im Strafraum, und hinterher war niemand schuld. Immerhin hat sich die Mannschaftsführerin F. Petry bei dem Gefoulten entschuldigt. Schadensbegrenzung nennt man das. Jetzt aber wieder auf Offensive umschalten, das Spiel bloß nicht aus der Hand geben…

Es ist schon ein perfides Spiel mit Andeutungen, Floskeln, dumpfer Nachbarschaftsseligkeit, milde temperiertem Rassismus. Irgendwas wird schon hängenbleiben, abfärben, sich als Zitat verfestigen.
Ist immer gut für die nächste Wahl. Alexander Gauland ist nicht blöd, und medienerfahren ist er auch. Er könnte ja auch seine Anerkennung zollen für die Spielkunst von Boateng und Özil und Khedira und wie sie alle heißen; staunen und loben, wie die sich integriert und es geschafft haben, Nationalspieler zu werden. Er könnte auch, bitte schön, den millionenschweren Fußball oder die rassistischen Haßgesänge in den Stadien als nicht sehr abendländisch kultiviert kritisieren – aber nein, er will den Keil, die Spaltung, die Herabsetzung von Menschen mit Hilfe 'der Leute'.- - -

Ich stelle mir vor, die pfingstliche Gruppe um Petrus (Apostelgeschichte 2) hätte gesagt: 'All die Leute aus "Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom…" (Vers 10) mögen ja ganz nette Touristen in Jerusalem sein, aber als Mitchristen in unserer Runde hier kommen sie nicht in Frage. Das wollen die Leute nicht'.
Die damals entstehende Kirche wäre ein kleiner frommer Verein geblieben, der sich bald aufgelöst hätte. Stattdessen, wie bekannt, ist es sehr anders gekommen. Noch heute können wir staunen und froh sein über das Fehlen von Berührungsangst, über den Willen zur Gemeinschaft, über den Geist des Miteinander. 

Eine EM ist kein pfingstliches Ereignis, auch wenn die Stimmung manchmal so wirkt. Wenn alles vorbei ist, wird Boateng sicher mit seinen Kumpeln oder Nachbarn zusammensitzen und sich noch mal die besten Szenen angucken: seinen 30-Meter-Paß auf Götze, der weiter zu Sami Khedira, der mit dem Kopf zu Müller und … schieß doch endlich…
Wir werden ja sehen. 

Walter Bartels