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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Mai 2016: Theater kein Theater

Fotos: W. Bartels
Am Anfang war es ganz dunkel in dem schwarzen Zelt. Nur dünnster Lichteinfall durch die Nähte der Zeltplanen, sonst nichts. Dann: Tanz einzelner Leuchtbuchstaben auf der Bühne, wie von Geisterhand: ein k, ein w, ein e, zweimal das m, ein i, ein l und noch eins, auch ein n war dabei. Keine Ahnung. Allmählich ruckeln sich die Buchstaben zurecht, wie von unsichtbarer Hand: 'Willkommen'.  

Willkommen waren wir, die Zuschauer in einem schwarzen Zelt in der Alten Lederfabrik in Grabow. Dort hatten unbegleitet geflohene syrische Jugendliche zusammen mit einigen jungen Grabowern ein Stück auf die Bühne gebracht, mit einfachen, aber eindrücklichen Mitteln. 'Bewegende Geschichten' heißt das Stück. Wir waren eingeladen, das Ergebnis eines langen Weges mitzuerleben. Seit September letzten Jahres haben die Jungs und Mädchen daran gearbeitet; haben ihre Geschichte vom Leben in der Heimat aufgeschrieben; erzählen von Flucht, von Krieg und erlebter Gewalt; von Trennung, Heimweh, ersten Schritten im fremden Land: Firas, Abdulkarim, Wesam und die anderen auf der Bühne. Sie erzählen auf Arabisch und auf Deutsch. Es ist Theater und kein Theater. Bis das Stück fertig war, gab es viele Hürden zu überwinden. Eine davon: überhaupt zu erzählen. Deshalb wurde der Prozeß zum Bühnenstück therapeutisch begleitet. Was erzähle ich? Was lasse ich lieber weg? Was tut zu weh? Woran möchte ich mich nicht erinnern, schon gar nicht auf der Bühne…? Ein Dolmetscher mußte das Ganze dann adäquat übersetzen. Auch nicht leicht.


Immer wieder tauchen auf der Bühne Abbilder auf, Flugzeuge, eine Insel, ein Schiff, auch die Fahnen verschiedener Länder. Das Wenige genügt, man muß es nicht erklären. Die Schwarzlicht-Technik (scheinbar ohne Einfluss von Licht „leuchten“ Fluoreszenzflächen im Dunklen hell) macht's möglich: sie läßt die Zeichen und Symbole auf der Bühne fast wie ein Ballett in der Luft erscheinen. So entstand ein Eindruck von Leichtigkeit, trotz des Schweren, um das es geht. Ich kann mir vorstellen: dieses begleitete Theater- und Erzählprojekt trägt dazu bei, daß die Jugendlichen wieder 'einen Hauch von Ordnung'* spüren nach all den intensiven Erlebnissen von Zerstörung und Chaos.

Das Projekt wurde von der Evangelischen Kirchengemeinde Grabow umsichtig initiiert, vom Kirchenkreis Mecklenburg und aus dem Kinderhilfsfond einer Versicherung finanziell gefördert, dazu von einzelnen engagierten Personen engagiert unterstützt. Eine sehr gelungene Kooperation! Hoffentlich gibt es noch mehrere Aufführungen.

* Für interessierte: In diesem Monat erscheint ein Buch von Maike Schult, "Ein Hauch von Ordnung". Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge. EVA. Leipzig 2016

Walter Bartels