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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

April, April?

Fischer bei der Arbeit. (Foto: Sabine Bartels)
"Die Flüchtlingskrise ist vorbei, auch wenn sich in den vergangenen Wochen an den Fluchtursachen auf dieser Welt nichts geändert hat… Allein in Österreich gibt es noch ein Murren über eine deutsche Politik, die mit Hilfe einer Regierung in Ankara das glatte Gegenteil von dem praktiziert, was sie seit September als deutsche Flüchtlingspolitik artikuliert". So las man es am ersten Apriltag in einer großen Zeitung, als Kommentar zu einer TV-Talkshow vom Vorabend.

Klingt nach Aprilscherz, wenn's denn einer wäre. Eine stark veränderte Stimmungslage im Lande ist zu spüren; wie soll man sie nennen: Erleichterung über das Zustandekommen des Brüssel-türkischen Deals? Sieg über die "Naiven der Willkommenskultur"? Sieg des politischen Realitätssinns? Jetzt sollen wir gespannt sein, ob die vereinbarten Maßnahmen der 'Rückschiebung', wie das heißt, funktionieren: der 1:1-Austausch von Flüchtlingsgruppen aus der und in die EU; die ganz individuelle Blitzprüfung von Asylanträgen…

Plausible Proteste, internationale Einsprüche gegen den EU-Türkei-Deal gab es zwar, aber ihr Aufenthaltstitel in der medialen Wahrnehmungszone war von sehr begrenzter Dauer. Man reibt sich die Augen, wie schnell sich alles ändert: Stimmungen; politische Haltungen; mitfühlende Äußerungen über die Menschen im Schlamm an der Grenze. Ja, auch unsere kirchlichen Äußerungen sind jetzt auffallend zurückhaltend geworden. Es ist, als ob das Verstehen nicht mehr hinterherkommt… Oder ist es Wegducken?     

Mir ist nicht nach Sarkasmus oder Süffisanz. Ich versuche, zu kapieren, was bei uns passiert. Wenn sich doch jemand traute zu sagen: 'Wir haben das Ausmaß der Fluchtbewegungen unterschätzt'. 'Ich hätte nie gedacht, daß in Europa so wenige Länder Flüchtlinge aufnehmen wollen'. 'Wir hätten nicht geglaubt, daß im Nachtschatten der Offenheit und Hilfsbereitschaft gegenüber Geflohenen derartiger Haß im Lande entsteht, derartiger Nationalismus sich etabliert'. 'Wir müssen endlich einsehen, daß die Kumpanei mit diktatorischen Machthabern, die wirtschaftliche Schwächung anderer Länder zugunsten des eigenen Absatzes Menschen perspektivlos macht und über alle Grenzen gehen läßt'. Das Eingeständnis von Fehlern und Fehleinschätzungen (um nicht gleich von 'Schuld' zu reden) könnte der Beginn neuen Nachdenkens sein, statt scheinbar bruchlos als 'Lösung' etwas durchzuziehen, was wahrlich anfechtbar ist. 
  
An den österlichen Geschichten berührt mich sehr der Bruch bisheriger Gewißheiten, der spürbar nachwirkende Schock, die stumme Skepsis der JüngerInnen, bevor sich bei ihnen so etwas wie ein neuer Glaube, neue Zuversicht, neuer Handlungsmut einstellt. Was Wunder! Die Arbeit am Verstehen des schmerzhaft Erlebten wird ihnen nicht erspart; sie ist wichtig, damit überhaupt ein 'innerer Raum' für Neues entstehen kann. Ohne Verstehensarbeit wird Glaube zum Aberglauben, Religion zur bloßen Privatsache.

Der erste Sonntag nach Ostern hat den Namen Quasimodogeniti – 'wie die neugeborenen Kinder'. Das Neue fängt so klein an: die Beiden auf der Straße nach Emmaus (Lk 24); die kleine Gruppe beim Fischen am See (Joh 21). Peinlich, als Erwachsener so anfänglich wieder auf die Beine kommen zu müssen. Gut, daß es so ungeschminkt berichtet wird. Gut, daß das sein darf. Erst darin zeigt sich: Nein, es war nicht verkehrt, diesem Jesus zu vertrauen! Ja, es ist richtig, Menschen mit Offenheit und Zugänglichkeit zu begegnen wie er! Ja, es hat Zukunft, lebendig und wach zu bleiben und mitfühlend das Notwendige herauszufinden!   

Walter Bartels