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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Dezember 2015: AugenBlicke im Advent

O Heiland, reiß die Himmel auf, Beate Heinen, 1993; © ars liturgica Buch- & Kunstverlag MARIA LAACH, Nr. 5499
Beim Kramen in meinem Weihnachtskarten-Karton fand ich dieses Bild. Ich hatte es ganz vergessen. Jetzt sehe ich es wieder. Unvermittelt sieht ein Augenpaar mich an, und ich kann nicht weggucken.

Die Menschen auf dem Bild erscheinen wie getrieben in einem Strom – wohin? Gesichter bleiben unkenntlich, im Zwielicht. Mittendrin, für einen Moment hell beleuchtet: eine Frau mit dem winzigen Kind im Arm; sie selber geschützt vom Arm und Mantel eines Mannes. Aus der Menge der Menschen trifft mich ihr Blick, fällt mir das Besondere dieser Drei auf. Wollen sie mir etwas sagen? Brauchen sie etwas?

Unzählige solcher Bilder haben wir in diesem Jahr zu sehen bekommen, Fluchtbilder im Fernsehen, aber auch ganz real auf der Straße, an Bahnhöfen, in einer Notunterkunft. Die schiere Menge überfordert die  Wahrnehmung des Einzelnen –  es sei denn, du nimmst dir die Zeit, stehen zu bleiben, genauer hinzusehen, einen Gruß, ein Gespräch zu riskieren Vielleicht hast du es getan; vielleicht  hat sich dir ein Blick eingeprägt, ein Gesicht, ein Gespräch.   

In der Advents- und Weihnachtszeit hören wir wieder die alte kostbare Geschichte: Unzählige Menschen sind unterwegs, nur weil die Mächtigen in Rom es befehlen. Gedränge, Mühsal, Erschöpfung, endlich ankommen, und dann das: "kein Raum in der Herberge", nicht gewollt. Nur eine ärmliche Unterkunft. Die ungeschützte Geburt; für einen Moment hell beleuchtet: ein Kind im Blickpunkt des Interesses: "ein Licht für die Völker". Dann schnell weiter: tödliche Verfolgung und Flucht, Asyl in Ägypten, zögernde Heimkehr – eine alte Geschichte, ebenso einzigartig wie die von Millionen zum Verwechseln ähnlicher Geschichten…

Später - das Kind ist erwachsen geworden - ist  Er  langsam gegangen; hat genau hingeschaut; hat sich Zeit genommen, hat Menschen angesehen; hat sich erreichen lassen von ihrem Blick, ihrem Schrei, ihrer Frage.

Vorübereilen, Vorbeirennen – das konnte Er nicht. Er konnte es einfach nicht, weil Er wußte: dann geht das Wichtigste verloren, bleibt unbemerkt. Was ist das, das Wichtigste? Frag‘ mich nicht. Probier' es mal: Langsam gehen, ein Gesicht ansehen, verweilen, nachfragen. Kann sein, daß du etwas verpaßt, wenn du langsamer gehst. Mit Sicherheit verpaßt du was. Aber es lohnt sich.  

Walter Bartels