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Oktober 2015

"Feuer gegen Flüchtlinge"

Das abgebrannte Fachwerkhaus in Boizenburg. (Foto: Walter Bartels)
Die Überschrift in der Schweriner Volkszeitung traf buchstäblich ins Schwarze. In der Nacht auf den 12. Oktober ist in Boizenburg an der Elbe ein Fachwerkhaus abgebrannt, das als Notunterkunft für 40 syrische Flüchtlinge dienen sollte. Die Feuerwehr konnte den Brand nach Stunden löschen, aber das Haus ist nicht mehr benutzbar. Gespenstisch steht die Brandruine nun da mit dem verkohlten Gebälk und den zerborstenen Scheiben. Es riecht beißend nach Ruß, wenn man näher kommt. Mittlerweile steht fest: es war Brandstiftung.

Die gute Nachricht: Menschen kamen nicht zu Schaden. Gott sei Dank! Dennoch: es ist ein Brandanschlag auf Menschen. Jede/r weiß, wovor Frauen, Kinder, Männer aus Syrien fliehen: vor Bomben, Terror, brennenden Häusern, schierer Not. Und dann kommen sie hierher und erfahren, daß ihr Unterschlupf in Brand gesteckt wird. Eine zutiefst böse und kaltherzige Tat. Wer Flüchtlingen, die aus einer Feuerzone geflohen sind, mit Feuer empfängt, zeigt eine mörderische Gesinnung. Man kann nur hoffen, daß er nicht unentdeckt bleibt.

Der Boizenburger Bürgermeister muß nun nach anderen Möglichkeiten der Unterbringung suchen. Das sei nicht leicht; immerhin seien ihm nach dem Brand fünf Wohnungen als Unterkünfte angeboten, erzählt er. Überhaupt gebe es in dem Ort, der 5 km von der Erstaufnahme in Horst entfernt liegt, viel Offenheit für die Situation der Flüchtlinge und Zeichen des Willkommens. Als ich das Rathaus verlasse, höre ich mich ein bißchen um, was die Leute so sagen. Mehrere, mit denen ich rede, befürchten, daß Boizenburg jetzt als 'Brandort' abgestempelt wird. 'Da wirst du schnell in den braunen Topf geworfen', sagt ein älterer Mann resigniert.

Später wärme ich mich noch im 'Kaffeestübchen' auf und erkundige mich bei der Besitzerin, ob es Gespräche mit den Gästen über den Brand gibt. Die gibt es, auch mit dem Tenor der Besorgnis um den Ruf der Stadt. Dann kommt eine Frau herein, und wir unterhalten uns zu dritt. Als ich gerade gehen will, bekomme ich mit, wie die beiden Frauen sich verabreden: Abends werden sie in die Notunterkunft in Zahrensdorf fahren, um dort mit anderen bei der Zubereitung des Abendessens für die Flüchtlinge zu helfen. Einfach so. Es wirkt ganz selbstverständlich. Ein gutes Zeichen für mich an diesem Ort!   

Walter Bartels