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Juni 2015

"Flüchtling für einen Tag"

“Flüchtlinge für einen Tag“
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Können Sie sich ausweisen?
Sich das wirklich vorstellen, nachempfinden kann man nicht, was J. erzählt.
Nur ein paar Details: Nach der Zerstörung ihres Elternhauses in Aleppo, ohne Chance auf eine Rückkehr, war sie zusammen mit ihrem Großvater von Syrien immerhin heil bis Athen gekommen. Dann weiter, aber wie? Ein LKW-Fahrer hat die beiden im Container mit nach Hamburg genommen. Drei Tage eingesperrt mit vielen anderen. Dunkelheit. Ausgeliefert einem Fremden, der für seine 'Hilfe' etwa 6.000 € verlangte. Die Containertür konnte man nicht von innen öffnen. Würgende Angst: Was, wenn der Fahrer abhaut oder der Container umkippt oder sonst was…? Schließlich kamen sie doch in Hamburg an. Unbeschreiblich, als die Containertür aufging…

Ein bißchen nachempfinden. Sich das vorstellen können – darum ging es am 11.Juni, als ca. 120 Schüler und Schülerinnen mit dem Schiff auf die Insel Kaninchenwerder im Schweriner See kamen. 'Flüchtling für einen Tag' sein war die Herausforderung – mit dem, was zum Flüchtlingsein gehört: Grenzkontrollen, Ankommen in der Erstaufnahmeeinrichtung, Besuch in der Ausländerbehörde, erste Erfahrungen im Sprachkurs, Kontrollen durch die Polizei auf der Straße, Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft, Jobcenter, Abschiebehaft und Ausreisezone – das Schweriner Netzwerk Arbeit für Flüchtlinge (NAF) hatte zusammen mit vielen Aktiven die einzelnen Stationen auf der Insel aufgebaut. Die wurden dann reihum von den Jungs und Mädchen aufgesucht. In der Schule war das Projekt mit LehrerInnen vorbereitet worden. Es war beeindruckend zu erleben, wie die “Flüchtlinge für einen Tag“ sich in ihre Rolle hineinbegaben, sich identifizierten mit den ihnen zugewiesenen Schicksalen.

Meine Aufgabe als Pastor auf der Insel: Ich habe den "Flüchtlingen" den christlichen Raum der Stille und den muslimischen Gebetsraum vorgestellt, wie die in der Erstaufnahme in Horst eingerichtet sind. Tag und Nacht kann man dorthin gehen, den Raum nutzen zum Nachdenken, zum Weinen, zum Gebet, zur Meditation. Fast alle echten Flüchtlinge kommen aus Weltgegenden, in den Menschen ihre Lebensthemen und Probleme in religiöser Sprache, mit Symbolen und Gesten auszudrücken gewohnt sind. Daher sind solche Räume sehr wichtig. Das leuchtete auch vielen der Jugendlichen ein: Man kann manchmal Gott etwas sagen, was niemand sonst erfahren muß, wissen soll, ertragen kann…

Übrigens: J., 15 Jahre alt, erzählte, im verschlossenen Container habe sie gebetet, auch die anderen. Das konnte man nicht sehen, aber hören in der Dunkelheit. Ob es ihr geholfen habe, fragte ich sie.
Ja, sagte sie, du sitzt im Dunkeln und weißt nicht, wie es weitergeht und wo du hinkommst. Und dann fühlst du: du und die anderen, wir sind nicht allein in dieser Box. Genauer kann ich das nicht erklären.  

Walter Bartels