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April/Mai 2015

'Unser' Mittelmeer

Allmählich rückt sie näher: die Sommer-Urlaubszeit. Viele Menschen haben längst geplant und gebucht, wo es in den schönsten Wochen des Jahres hingehen soll.  Millionen zieht es auch in diesem Jahr in eine der reizvollsten Urlaubsgegenden: ans Mittelmeer, nach Italien, Griechenland und Spanien, auch nach Nordafrika, etwa Tunesien oder Marokko.

'Mare nostrum' nannten es die Römer, besitzergreifend: dieses Gewässer, das Europa und Afrika  voneinander trennt und miteinander verbindet; 'unser Meer', das die Mitte des gigantischen römischen Reiches bildete. Seit der Antike wird das Mittelmeer genutzt von Handelsschiffen zum Warentransport; von Kriegsschiffen zur Eroberung;  von Fischerbooten zur Ernährung der Bevölkerung; von Segelyachten und Motorbooten zum Urlaubsvergnügen.
Seit einiger Zeit ist eine andere Schiffsart hinzugekommen: Alte Kähne, übervoll mit Menschen.
An Deck sind Männer, Frauen, Kinder, Babies.  Oft auch unter Deck, nicht zu sehen. Wer das Boot steuert: kaum zu erkennen. Aus welchem Hafen es kommt: wer weiß das schon? Welches Ziel es ansteuert: meist irgendwie Italien.  Woher die Passagiere sind: meistens irgendwo aus Afrika.
Nur eines ist klar: Sie kommen nicht zum Vergnügen; nicht um ihr Glück zu finden; nicht um 'in unsere Sozialsysteme einzuwandern'. Sie kommen, weil es nicht auszuhalten ist dort, wo sie herkommen. Weil Krieg, Gewalt, Terror das Leben zur Hölle machen. Weil Hunger sie langsam umbringt.

Der schöne Klang des Wortes  'Mittelmeer'  hat all seine Unschuld verloren. Der maritime Raum zwischen den Kontinenten ist zum dramatischen Schauplatz von Menschenschicksalen geworden. Für Tausende von Flüchtlingen ist er zur anonymen Grabstätte geworden. Über 1.700 Menschen seien in diesem Jahr bereits ertrunken, liest man – nicht eingerechnet die Dunkelziffer. Heftig wird über Ursachen der Flucht diskutiert, auch über 'geeignete Maßnahmen'. 'Mare nostrum' hieß mal ein Programm, um Menschen auf dem Mittelmeer zu retten. Dann wurde es eingestellt – weil es den Europäern zu teuer wurde. 'Unser Meer‘ ist zu dem der anderen geworden: dem Meer derer, die in ihm untergehen und an ihm scheitern.

Am 25.April gab es in Hamburg vor dem Rathaus eine Mahnwache zur Trauer und Erinnerung an die untergegangenen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Bei Regen waren an die 300 Menschen gekommen, mit Kerzen und Blumen. Pastorin Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche, fand bewegende Worte zum Gedenken an die Menschen, die den Weg ans rettende europäische Ufer nicht geschafft haben. Eine Frau neben mir sagte: 'Wie kann man jetzt noch Urlaub machen am Mittelmeer'? Viele Menschen tauschten sich aber auch aus über das, was an ihren Orten zur Unterstützung von Flüchtlingen getan wird. Die Ansprache von Pastorin Jochims finden Sie hier.

Walter Bartels